Adriena Šimotová: Ikone der modernen tschechischen Kunst stellt neue Bilder aus

A. Šimotová: Färbige Monotypie

„Was existiert, bleibt verborgen.“ So lautet das Credo von Adriena Šimotová. Die große tschechische Künstlerin geht diesem „Verborgenen“ der Gegenwart schon seit Jahrzehnten in ihrem Schaffen nach. Ihre Werke sind in Prag in diesem Jahr in zwei Ausstellungen zu sehen. Ende Februar war in der Galerie „Kampa“ bereits die Ausstellung „Kleiner Rückblick“ eröffnet worden, die Šimotovás Werke aus der Zeit von 1975 bis 1991 gezeigt hat. Seit Anfang April läuft zudem unter dem Motto „Offenbarungen“ eine Schau im Prager Rudolfinum mit Bildern, die zwischen 2008 und 2010 in der Werkstatt der Künstlerin entstanden sind. Anlass für beide Ausstellungen ist der bevorstehende 85. Geburtstag der Künstlerin.

Adriena Šimotová
Das Werk von Adriena Šimotová bietet eine breite Palette. Im Lauf der Zeit profilierte sie sich als Malerin, Zeichnerin, Grafikerin, Bildhauerin oder als Illustratorin. Treffliche Worte fand kürzlich eine Rezensentin: Es sei schwer, über Šimotová und ihr Werk zu schreiben. Sie wie auch ihr Schaffen seien irgendwie nicht zu greifen.

Nach der Studienzeit an der Kunstgewerblichen Hochschule in Prag entfaltete sie Ende der 1960er und in der ersten Hälfte der 1970er Jahre ihr künstlerisches Profil zunächst als Malerin. Eine Zeitlang war sie dabei Mitglied der bedeutenden Künstlergruppe UB 12. Dieser gehörte auch der international anerkannte Maler, Grafiker Jiří John an, den Šimotová etwas später heiratete. Sein vorzeitiger Tod 1972 traf die Künstlerin tief, was sich auch in ihrem Schaffen zeigte. Gegenseitige künstlerische Einflüsse schließt Adriena Šimotová indes aus:

A. Šimotová: Färbige Monotypie
„Wir waren überhaupt nicht voneinander abhängig, weil wir in der Wahrnehmung der Welt sehr unterschiedlich waren. Ich war an dem Menschen als solchen interessiert und bin konsequent in diese Richtung gegangen. Jiří war wiederum mit seiner pantheistischen Sichtweise an der Natur interessiert. Meine Sichtweise war eher christlich geprägt.“

In den 1970er Jahren, damals schon als anerkannte Malerin, gab Adriena Šimotová die Malerei auf und wandte sich anderen Verfahren zu: Collagen, Zeichnungen, Textreliefen, Installationen oder auch Aktionskunst. So wollte sie die menschliche Persönlichkeit in verschiedenen Lebenslagen nachdrücklicher reflektieren. Ins Zentrum ihres Schaffens stellte sie verstärkt den Menschen und betrachtete ihn aus existenzphilosophischer Sicht.

Klostergebäude in Hostinné (Foto: ČT24)
Den kommunistischen Machthabern passte Šimotová nicht ins Konzept. Sie wurde aber zu einer einflussreichen Persönlichkeit in der inoffiziellen Kulturszene. Mit Unterstützung von Freunden und Bekannten konnte sie in den 1980er Jahren wiederholt in dem leer stehenden und halb verfallenen Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters im ostböhmischen Hostinné / Arnau arbeiten. Gerade dort entstand einer ihrer glanzvollsten Zyklen. Etwas übertrieben gesagt kann man von ihrer Zuwendung zum 3-D-Schaffen sprechen. Ihre künstlerische Äußerung fand damals Ausdruck in perforierten räumlichen Zeichnungen auf geschichtetem Karbonpapier oder in Frottagen ihrer selbst und nahe stehender Personen, und auch Frottagen des dortigen Klostergebäudes.

Mit dem Beginn des politischen Tauwetters gegen Ende der 1980er Jahre durfte Adriena Šimotová ihre Bilder ausstellen. Auch im Ausland, wie zum Beispiel in Wien, London, Paris, Wien oder Chicago. Bei Studienaufenthalten in Paris, als sie in einem Atelier des Centre Pompidou arbeitete, holte sie sich neue Anregungen für ihr Schaffen.

Adriena Šimotová ist in ihrem Leben wiederholt von Schicksalsschlägen getroffen worden. 1994 starb auch ihr Sohn Martin, ein talentierter Künstler. Zudem verunglückte die Künstlerin mehrere Male und ist daher seit mehreren Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Nach dem jüngsten Krankenhausaufenthalt und einer langen Zeit der Genesung hat sie mittlerweile wieder den Mut und Kraft gefunden, sich weiter der bildenden Kunst zu widmen. Ein aussagekräftiges Zeugnis dafür ist ihre neueste Ausstellung im Rudolfinum. In einer Rezension dazu hieß es: Die Ausstellung zeige bisher unbekannte „fragile und stille Körper“, die allerdings noch meditativer und fragiler als je zuvor wirkten. Ausstellungskurator Pavel Brunclík bei der Vernissage:

Pavel Brunclík
„Es geht um einen Zeitabschnitt, in dem sich Šimotová sowohl als Künstlerin wie auch als Mensch mit ihrer erschwerten Lebenslage auseinandergesetzt hat. Meiner Meinung nach macht sie das in einer bewundernswerten Weise. Darüber werden sich bestimmt alle Liebhaber ihrer Kunst freuen.“

Dass es in der Tat sehr viele sind, zeigte sich auch bei der Vernissage. In Šimotovás beschränkter Beweglichkeit sieht aber der Kurator keine wirkliche Bedrohung für ihr Schaffen. Schließlich war es gerade er, der die Künstlerin schon während ihres Aufenthaltes im Krankenhaus dazu brachte, Stift und Zeichenpapier wieder zur Hand zu nehmen:

„Sie hat eigentlich das ganze Leben lang den Boden für ihre Arbeit genutzt, und das tut sie im Prinzip auch heute. So wie seinerzeit der an den Rollstuhl gefesselte Henri Matisse arbeitet auch Šimotová mit Stöcken, mit deren Hilfe sie das Pigmentpulver aufs Zeichenpapier aufträgt oder die Pastellkreiden beim Malen führt. Außerdem ist sie auch zur künstlerischen Äußerung mittels der für sie typischen Frottagetechnik zurückgekehrt. In ihrem Werk hat sie eine originelle Verwendung gefunden.“

Und wie sieht Adriena Šimotová selbst ihre Rückkehr zum künstlerischen Schaffen?

„Ich wusste zunächst nicht, ob ich in der Lage sein werde, etwas Neues zu machen. Gleichzeitig habe ich aber daran geglaubt, dass ich aufgrund des Erlebten etwas zu sagen habe. Meine Zweifel betrafen die technischen Möglichkeiten wegen meines Handicaps, nicht auf den Beinen stehen zu können. Daher musste ich mir neue Arbeitsweisen einfallen lassen. Wenn man jedoch wirklich etwas zu sagen hat, dann wird es auch gesagt.“

Schoulení, Nohy, Ruce und Hlavy - auf Deutsch etwa Zusammengekauert, Füße, Hände und Köpfe - das sind die Namen von vier neuen Zyklen von Adriena Šimotová, die in dieser Ausstellung zu sehen sind. Die Namen verweisen auf variierende Positionen des abgebildeten menschlichen Körpers beziehungsweise der Körperteile. Durch die nuanciert aufgetragene Farbe lässt die Künstlerin die seelische Verfassung des Körpers durchsickern und auf den Zuschauer einwirken. Die Bilder mit dem Namen „Zusammengekauert“ sind bestimmt die ausdrucksvollsten. Dazu Brunclík:

Aus dem Zyklus Füße
„Die Weise, in der Adriena Šimotová die Frottagetechnik verwendet, ist bei ihr sehr eng mit der Körperlichkeit verbunden. Ihre Frottage entsteht durch die Berührung mit ihrem eigenen Körper oder bei der Berührung eines anderen Menschen. Der Bilderzyklus ´Zusammengekauert´ orientiert sich thematisch an Grenzsituationen des Lebens. Ihre Körperabbildungen erinnern an die Haltung eines Embryos oder an die Haltung, in der verstorbene Menschen in einigen Kulturen begraben wurden. Die Malerin selbst spricht diesbezüglich von einer Grenze zwischen der Fähigkeit des Menschen, sich einerseits nach außen zu öffnen, und auf der anderen Seite seinem Bedürfnis, sich innerlich abzuschotten. Das könne dann ein Hindernis für die zwischenmenschliche Kommunikation sein.“

Aus dem Zyklus Köpfe
Adriena Šimotová ist mehrfach in Tschechien, aber auch im Ausland ausgezeichnet worden. Zum Beispiel erhielt sie für ihr grafisches Werk bei der Biennale in Florenz die Goldmedaille, ihr wurde der Johann-Gottfried-Herder-Preis verliehen oder auch die hohe französische Auszeichnung „Chevalier des Arts et Lettres“. Das Bewundernswerte neben ihrem künstlerischen Schaffen ist, wie sie auch im hohen Alter von 85 Jahren trotz Krankheiten und ihrer Behinderung ungebrochen ihren künstlerischen Ambitionen weiter nachgeht. Und das mit tiefer Bescheidenheit. Abschließend ein gekürztes Zitat aus einem Presseinterview mit Adriena Šimotová:

„Ich wünsche mir nicht, dass jemand nach einer pathetischen Botschaft in meinem Schaffen sucht. Trotzdem wäre ich froh, wenn jemand die ´Flaschenpost´ mit meiner Nachricht findet. Nachricht, das ist das richtige Wort. Eine Nachricht ist in meinem Schaffen zu finden.“