„Am liebsten trinke ich aus der Schlangenquelle“: Der Schriftsteller Clemens Meyer in Karlsbad
Im Rahmen des Projekts „Jenseits von Prag“ schicken das Goethe-Institut und der Verlag Větrné mlýny zwölf bekannte deutschsprachige Schriftsteller für einen Monat in eine der tschechischen Kreisstädte. Den Mai hat Clemens Meyer in Karlovy Vary / Karlsbad verbracht. Vergangene Woche hat er im Prager Goethe-Institut bei einer Lesung über seine Zeit in dem Kurort berichtet und sein neuestes Buch, „Die Projektoren“ vorgestellt. Ferdinand Hauser hat Clemens Meyer kurz zuvor zum Interview getroffen.
Herr Meyer, Sie verbringen im Rahmen des Projekts ‚Jenseits von Prag‘ gerade mehrere Wochen in Karlsbad. Wie gefällt es Ihnen in dieser Stadt? Wie verleben Sie Ihre Tage dort?
„Ich bin in einem Kurhotel untergebracht, kann dort schwimmen und die Sauna nutzen. Ich gehe aber auch viel spazieren. Es ist schon eine seltsame Stadt. Zum einen ist da der Kurteil, wo eindeutig das Geld verkehrt. Dort lassen sich die Russen oder mittlerweile Menschen aus dem Nahen Osten in schönen Hotels kuren. Aber wenn man über eine bestimmte Schwelle geht, ist man in der normalen Stadt. Das ist schon interessant.“
Haben Sie bereits das heilende Wasser getrunken und Ihre Lieblingsquelle gefunden?
„Ich gehe zur Schlangenquelle, weil die in der Nähe vom Hotel Thermal ist. Das hat durchschlagenden Erfolg. Wenn ich das getrunken habe, habe ich eine ungeheure Stoffwechselbeschleunigung, also eine sehr gute Verdauung. Ich liebäugele mit dem Gedanken, privat noch einmal wiederzukommen. Ich habe auch schon ein ganz billiges Hotel entdeckt, in dem man absteigen kann. Man muss in Karlovy Vary ja nicht im Thermal, im Imperial oder im Pupp residieren. Man kann auch für 50 Euro die Nacht ins Zlatý sloup gehen.“
Wie kommt es, dass Sie gerade in Karlsbad gelandet sind?
„Das war Zufall. Ich habe irgendwann für das Projekt zugesagt und mich bereiterklärt, einen Monat in einer tschechischen Stadt zu verbringen und – mit genügend zeitlichem Abstand – etwas darüber zu schreiben. Als es dann nach Karlovy Vary ging, war ich überrascht. Eigentlich war das aber auch ganz gut, weil ich zwischendurch noch einmal nach Hause musste. Mit dem Auto war ich in drei Stunden in Leipzig und konnte dann wieder zurückfahren.“
Kannten Sie Karlovy Vary schon? Und waren Sie früher generell bereits in Tschechien?
„In Tschechien war ich relativ oft, etwa in Brno und dreimal in Prag – einmal davon auch drei Wochen lang. In Karlovy Vary war ich, glaube ich, im Frühjahr 1992. Es lag Schnee, und wir machten dorthin einen Tagesausflug mit einer Jugendgruppe. Es sah dort aber ganz anders aus. Die Stadt war noch in diesem sozialistischen Grau, wie ich es aus Leipzig kannte. Eindrucksvoll war sie aber trotzdem. Und vielleicht noch nicht ganz so übervölkert von den Russen, die das alles mehr oder weniger aufgekauft haben.“
Ihr Großvater, der Maler Otto Möhwald, kam aus dem Riesengebirge – aus Krausebauden, was heute ein Stadtteil von Špindlerův Mlýn ist. War das, was er erlebt hat – die Vertreibung der Sudetendeutschen – Thema in Ihrer Familie?
„Absolut. Ich stand meinem Großvater sehr nah. Er ist mit 19 Vater meiner Mutter geworden. Das heißt, ich hatte immer einen sehr jungen Großvater. Er ist weit über 80 geworden, weshalb wir auch lange zusammen sprechen konnten. Wir sind einmal mit einem Teil der Familie nach Krausebauden, nach Spindlermühle gefahren. Er hat Zeit seines Lebens über die Beneš-Dekrete sinniert, das hat ihn geprägt. Zu Anfang sagte er, es gab keine andere Möglichkeit nach diesem Hitler-Faschismus. Er meinte: ‚Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus.‘ Aber je älter er wurde, umso weniger hat er das verstanden. Es machte sich eine gewisse Bitterkeit bei ihm breit. Und er erzählte immer mehr darüber.“
Gibt es tschechische Autoren, die Sie schätzen und gern lesen?
„Ich habe so eine Troika von den älteren Autoren. Dazu gehört natürlich Jaroslav Hašek. ‚Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg‘ – das ist Weltliteratur und eines meiner Lieblingsbücher. Ich habe außerdem Bohumil Hrabal gern gelesen, etwa ‚Ich habe den englischen König bedient‘. Und auch von Josef Škvorecký habe ich zwei Romane gelesen, die mich sehr beeindruckt haben.“
Ihr neuestes Buch, „Die Projektoren“, wird gerade von Michaela Škultéty ins Tschechische übersetzt. Was bedeutet das für Sie?
„Es ist natürlich eine große Freude, dass ich endlich ins Tschechische übersetzt werde. Denn vorher gab es die Bücher hier nicht, und ich habe mich immer gefragt, warum. Gerade ‚Als wir träumten‘ hätte ja wunderbar hierher gepasst. Aber egal, es ist nie zu spät. Nun kommt ‚Die Projektoren‘, und ich bin sehr gespannt auf die tschechische Übersetzung.“
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