Anstieg des Drogenkonsums in der Tschechischen Republik

Drugs

Ende Februar erschien der Bericht des UN-Drogenkontrollrats. Dieser stellte für die Tschechische Republik fest, dass es hier eine andauernde massive Drogenproduktion, eine leichte Zugänglichkeit der Drogen und einen ansteigenden Verbrauch der sogenannten Tanzdrogen, wie vor allem Extasy, gebe. Doch dem noch nicht genug, wiesen weitere Erhebungen und Studien in jüngster Zeit ebenfalls auf einen stark ansteigenden Drogenkonsum in der tschechischen Bevölkerung hin. Mehr dazu im folgenden Schauplatz von und mit Olaf Barth.

Die Einwohner der Tschechischen Republik haben im Jahr 2000 Drogen im Wert von 15 Milliarden Kronen (knapp eine halbe Milliarde Euro) konsumiert. So eine Schätzung des Tschechischen Statistischen Amtes, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher.

Rund 100 000 Menschen bekennen sich in der Tschechischen Republik zum Drogenkonsum - 35 000 bezeichnen sich als ständige Konsumenten. Das bedeutet einen Zuwachs um rund 100% gegenüber dem Jahr 1995. Mehr als die Hälfte von ihnen benutzen zwei oder mehr narkotische Mittel.

4233 Drogensüchtige wurden allein im vergangenen Jahr in den tschechischen Drogenberatungsstellen neu registriert. Rund 530 der neu Erfassten sind heroinabhängig. Soweit ein Auszug aus den nackten Zahlen.

Da drängt sich die Frage nach den Ursachen für diesen Trend auf. Die stellvertretende Leiterin des Drogenberatungszentrums in Prag, Stepanka Ctrnacta, meinte dazu:

"Eine der Ursachen sehe ich darin, dass es zunehmend mehr Einrichtungen gibt, an die sich die Menschen, die Suchtprobleme haben, wenden können. Auf diese Weise bekommen wir immer mehr Informationen über die Zahl der Drogenkonsumenten. Aber der Drogenkonsum als solches nimmt natürlich auch zu, das Angebot wird immer breiter und das auch in den ländlichen Gegenden."

Ein Stadt-Land-Gefälle sei aber bei den jeweils bevorzugten Narkotika immer noch erkennbar. Heroin und Kokain sind die beliebtesten Drogen in der Hauptstadt Prag. Pervitin, Extasy und Mariuhana sind insgesamt weit verbreitet.

Vor allem die Zahl der Konsumenten der sog. harten Drogen ist seit 1995 stetig angestiegen, auf derzeit 35 000 - 45 000, wie Ctrnacta schätzt. Das wären etwa 40% der tschechischen "Drogenuser".

Cannabi
Besonders erschreckend:

Die am stärksten betroffene Altersgruppe ist die der 15-19 Jährigen, sie stellen 42% der Neuregistrierten dar. Zwei Drittel der Konsumenten leben im elterlichen Haushalt.

Drogenberaterin Ctrnacta rät allen Eltern, genau zu verfolgen, was ihre Kinder tun, welche Freunde sie haben. Die Erfahrungen in der Drogenberatung hätten gezeigt, dass die Eltern die Probleme ihrer Kinder häufig erst spät erkennen - oftmals zu spät, um noch wirklich helfen zu können.

Aber es kommt nicht nur auf die Eltern an:

"Ich denke, die größten Reserven hat die Politik auf dem Feld der Prävention. Es gibt noch kein ausgereiftes, langfristig angelegtes Präventionssystem. Dort sehe ich die größten Verbesserungsmöglichkeiten",

sagt Ctrnacta und beschreibt auch gleich, wie ein solches Präventionssystem aussehen könnte:

"Informationen gibt es eigentlich genug. Es geht nicht nur darum, zu warnen und aufzuklären, sondern wir müssen auch Beispiele geben. Auf das Verhalten der Menschen, der Umgebung der potenziell Gefährdeten kommt es an. Es geht darum, die Kinder entsprechend zu erziehen. Schon ab der 2. oder 3. Klasse muss man mit den Kindern in kleineren Gruppen gezielt an ihrer Einstellung gegenüber Drogen arbeiten. Auf diese Weise kann man letzten Endes die Nachfrage nach Drogen effektiv reduzieren."

Vor allem bedürfe es auch weiterer finanzieller Mittel um mehr professionell geschultes Personal sowohl für den Beratungs- als auch für den Betreuungsbereich anstellen zu können. In Prag z.B. seien die bestehenden Einrichtungen hoffnungslos überlastet.

Härtere Strafen und strengere Gesetze helfen dagegen laut Ctrnacta wenig. Repressionen sollte man nur gegen die Dealer anwenden:

"Drogenkonsumenten sollten aber keinesfalls kriminalisiert werden. Hier sehe ich auch ein Problem bei den jüngsten Gesetzesänderungen in diesem Bereich. Da wird nicht genügend differenziert. Repressionen gibt es insgesamt schon genug, die Frage ist aber, wie die Polizei und die Behörden vorgehen. Und da gibt es sicherlich noch ein Manko, nämlich bei der Strafverfolgung der Drogenproduzenten und -händler."

Der eingangs erwähnte Bericht des UN-Drogenkontrollrats hält sich mit Kritik an den tschechischen Behörden jedoch zurück. Gestützt auf die Angaben der tschechischen Polizei weist er auf die immer noch anhaltende massive Drogenproduktion hin, kritisiert auch schon mal, dass die Drogen bzw. die Basisstoffe zur Drogenproduktion, wie etwa Ephidrin, auf dem Markt zu leicht zugänglich sind. Andererseits erwähnt er ausdrücklich die resoluten Polizeimaßnahmen gegen die "Drogenkriminellen" hierzulande. Man erfülle seine vertraglichen Verpflichtungen, heißt es da. Von Kritik keine Spur.

Wie kann es sein, dass die Behörden hierzulande bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität und des -konsums angeblich zufriedenstellend, ja gar resolut vorgehen und sich die Anzahl der Drogenkonsumenten in den vergangenen 5 Jahren dennoch verdoppelt hat, wollte ich von dem Leiter des tschechischen UN-Zentrums in Prag, Andreas Nicklisch, wissen:

"Das ist ein globales Problem, die Tschechische Republik stellt da keine Ausnahme dar. Der Bericht beschäftigt sich auch mit der Diskussion um die Legalisierung der sog. leichten Drogen. Er warnt vor einem solchen Schritt ... Er spricht da von einem historischen Fehler, wenn man diesen Weg gehen würde. Allerdings sagt der Kontrollrat auch, jede Gesellschaft ist frei, sich ihre eigenen Gesetze zu machen..."

Ein weiterer sehr interessanter Punkt im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität wurde vom Kontrollrat ins Spiel gebracht. Nämlich der Unsegen der neuen Techniken wie Internet und Handys, die von Drogenproduzenten wie -Dealern genutzt werden, was der Polizei die Arbeit deutlich erschwert. Andreas Nicklich dazu: Es bleibt also zum einen abzuwarten, welche Schritte die tschechische Regierung, die Behörden aber auch die gemeinnützigen Organisationen in den nächsten Jahren unternehmen, um dem steigenden Drogenkonsum und der damit verbundenen Kriminalität Herr zu werden und zum anderen, ob diese Schritte auch erfolgreich sein werden.

Autor: Olaf Barth
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