Antisemitismus in Böhmen: Der Hilsner-Prozess und ein neuer Versuch der Rehabilitierung

Hilsner-Prozess (Quelle: Archiv des Klubs Für das alte Prag)

Auch die böhmischen Länder hatten so etwas wie eine Dreyfuss-Affäre. 1899 wurde ein junger jüdischer Mann wegen eines angeblichen Ritualmords angeklagt. Mehr als 120 Jahre später versucht nun ein tschechischer Anwalt, den Verurteilten von damals zu rehabilitieren.

Lubomír Müller  (Foto: Post Bellum / Archiv von Lubomír Müller)

Lubomír Müller hat sich als Anwalt in den zurückliegenden Jahren einen Namen gemacht. Seine Spezialität ist die Rehabilitierung von zu Unrecht strafrechtlich Verfolgten vor allem aus den Zeiten des Kommunismus. Unter anderem hat er zahlreiche Kriegsdienstverweigerer vertreten, die auch nach der politischen Wende weiter als Straftäter galten. Dabei wies er nach, dass auch in der sozialistischen ČSSR die Gesetze eigentlich eine Verweigerung aus Gewissensgründen ermöglichten.

Selbst wurde Müller ebenfalls von der Staatssicherheit verfolgt. 1973 begann er an der Prager Karlsuniversität ein Jura-Studium. Doch ihm wurde seine Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas zum Verhängnis. Er kam in Haft und durfte nicht weiterstudieren. Erst 1990 konnte er seine Doktorarbeit machen. Seit 1993 ist er Anwalt und hält sich dabei an einen Grundsatz:

Pavel Wonka  (Foto: Jedensvetnaskolach.cz)

„Es geht nicht darum, sozusagen Millionensummen vor Gericht zu erkämpfen. Wenn ich aber sehe, dass das Recht auf Seiten eines Menschen ist, dann versuche ich ihm zu helfen. Dabei spielt keine Rolle, wie viel Geld auf dem Spiel steht. Das Wichtigste ist das Rechtsprinzip. Und wenn sich dieses durchsetzt, können Hunderte oder Tausende weitere Menschen davon profitieren.“

Schon viele Hundert Verfahren hat Lubomír Müller nach diesem Prinzip für seine Mandanten entscheiden können. Und dies bis hoch zu den höchsten Gerichtsinstanzen. In einem der neueren Fälle ging es zum Beispiel um Pavel Wonka. Er kam 1988 unter ungeklärten Umständen im Untersuchungsgefängnis von Hradec Králové / Königgrätz ums Leben. Damit gilt er als letztes Todesopfer der kommunistischen Justiz in der früheren Tschechoslowakei.

Die Legende vom Ritualmord

Anežka Hrůzová

Seit dem vergangenen Jahr ist ein Verfahren hinzugekommen, das so weit zurückreicht wie noch nie für Anwalt Müller. Es geht um den Juden Leopold Hilsner. Er wurde 1899 dafür angeklagt, die 19-jährige Anežka Hrůzová umgebracht zu haben. Der Leichnam der jungen Frau war zuvor in einem Wald nahe der Stadt Polná auf der Böhmisch-Mährischen Höhe gefunden worden. In einer Atmosphäre, die von Antisemitismus geprägt war, wollte man Hilsner einen Ritualmord anhängen.

Der Arzt Jan Prchal leitet den Klub für das historische Polná. Er hat vor kurzem einen Reporter des Tschechischen Rundfunks an den Ort des damaligen Mordes geführt. Prchal denkt, dass Hilsner als Täter eigentlich nicht infrage gekommen sein kann:

„Auf diesem Weg ist Anežka Hrůzová nach Hause gegangen… Und hier wurde die Tat begangen, jetzt ist dort ein symbolisches Grab. Die Kleidung der jungen Frau fand man damals verstreut in den Ästen der Bäume. Dies zeigt, dass es sich um einen Sexualtäter gehandelt haben muss.“

Tatort  (Foto: Irena Šarounová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Die Leiche von Anežka Hrůzová wurde am 1. April 1899 gefunden. Sie hatte eine tiefe Wunde am Nacken. Zugleich wurde behauptet, es sei fast kein Blut am Tatort entdeckt worden. Das sollte ganz offensichtlich die Meinung stützen, es habe sich um einen Ritualmord gehandelt. Der Antisemitismus zu Ende des 19. Jahrhunderts sei als Folge der nationalen Mobilisierung entstanden, sagt Michal Frankl. Vor einigen Jahren erläuterte der Historiker in einem Interview für Radio Prag International:

„Entgegen der gängigen Interpretation, dass sich der tschechische Antisemitismus als ein Nebenprodukt des nationalen Konflikts zwischen Deutschen und Tschechen entwickelte, wurde er ein essentieller Bestandteil des tschechischen politischen Diskurses im Rahmen der Wahlen in den Reichsrat 1897. Bei diesen Wahlen durfte zum ersten Mal ein Teil der Abgeordneten durch allgemeine Wahlen bestimmt werden, und deswegen gelangten auch einige sozialdemokratische Abgeordnete nach Wien. Das hatte wiederum zur Folge, dass sowohl die katholischen Politiker als auch die tschechischen Nationalisten gegen die Sozialdemokratie mobilisierten, und zwar mit Hilfe des Antisemitismus. Das bedeutet: Die Juden wurden als die Verschwörer, die Wortführer hinter den Kulissen der Sozialdemokratie dargestellt. Sie sollen versucht haben, durch den Sozialismus die Integrität der tschechischen nationalen Bewegung zu unterminieren und zu zerstören, um die Welt besser beherrschen zu können. So etablierte sich der Antisemitismus wirklich im Zentrum des politischen Diskurses. Der Erfolg einer Ritualmordbeschuldigung, wie 1899 in Polná, in der sogenannten „Hilsner-Affäre“, lässt sich gar nicht begreifen, wenn man nicht den Einfluss des politischen Antisemitismus versteht.“

Hilsner wurde letztlich aufgrund von sehr fragwürdigen Indizien verurteilt. Und zwar wegen Mittäterschaft. Anežka Hrůzová soll er zusammen mit weiteren Komplizen umgebracht haben, hieß es. Das Wort von einer jüdischen Verschwörung machte die Runde. Vor allem der Anwalt der Kläger, der nationalistische Karel Baxa, drängte auf diese Version. So sagte er damals in seinem Abschlussplädoyer:

„Sie wollten eine Christin töten, ein unschuldiges Mädchen, um an ihr Blut zu kommen. Alle Versuche, davon abzulenken, helfen nicht: Das war das Ziel des Mordes.“

Recht auf fairen Prozess verweigert

Karel Baxa  (Foto: Wikimedia Commons,  CC0)

Das erste Urteil wurde Mitte September 1899 im mittelböhmischen Kutná Hora / Kuttenberg gefällt. Allerdings setzte sich der spätere tschechoslowakische Staatspräsident T. G. Masaryk für Hilsner ein. Deswegen wurde der Schuldspruch aufgehoben, und im Herbst 1900 schloss sich ein zweiter Prozess an. Dieser fand am Kreisgericht in Písek statt. Dabei wurde dem jungen Mann allerdings noch ein zweiter Mord an einem Mädchen angehängt, zu dem es zwei Jahre vorher gekommen war. Es gab einen erneuten Schuldspruch. Die Todesstrafe wurde jedoch aufgrund einer kaiserlichen Begnadigung in lebenslänglich umgewandelt. Der heutige Anwalt Lubomír Müller meint aber:

„Hilsner hat keinen fairen Prozess erhalten. Das Verfahren wurde von außen beeinflusst. Das heißt, es gab starken antisemitischen Druck. Und dieser hatte einen starken Anteil am Endergebnis. Die Verhandlungen erfolgten am Kreisgericht in Písek. Dieses gibt es nicht mehr, Rechtsnachfolger ist das Kreisgericht in Budweis. Zuständig ist also die dortige Kreis-Staatsanwaltschaft.“

Lubomír Müller hat daher dort eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. Josef Český ist der zuständige Staatsanwalt. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks bestätigte er, den Antrag erhalten zu haben. Zugleich sagte Český, dass er bereits Dokumente aus den Archiven angefordert habe:

Hilsner-Prozess  (Quelle: Archiv des Klubs Für das alte Prag)

„In diesem konkreten Fall haben wir das staatliche Gebietsarchiv in Třeboň um eine Stellungnahme gebeten. Es geht um die Frage, ob es die Prozessakten überhaupt noch gibt und, wenn ja, in welchem Umfang wir zu diesen Zugang erhalten. Bisher haben wir noch keine Antwort erhalten.“

Leopold Hilsner wurde 1918 aus dem Gefängnis entlassen. Kaiser Karl I. begnadigte den Häftling kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs. In der Folge schlug sich Hilsner als Hausierer durch, er lebte unter dem Namen Heller in Wien. In der österreichischen Hauptstadt starb er 1928 im Alter von nur 52 Jahren. Bereits 1919 versuchte eine jüdische Organisation, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Doch erfolglos. Bis heute ist Leopold Hilsner nicht rehabilitiert.