Aufstieg und Fall der Genossenschaften in Böhmen

Die Kampelička in Chotělice (Foto: Museum der Wertpapiere)

Die Genossenschaften in der ganzen Welt feiern in diesem Jahr ihr großes Jubiläum. Vor 200 Jahren wurde Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der als Gründer dieses Geschäftsmodels gilt. Zu jener Zeit entstanden aber auch in Böhmen schon die ersten Genossenschaften.

Pavel Hlavatý (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Kollektivwirtschaft hat in Tschechien keinen guten Ruf. Viele Menschen haben noch im Gedächtnis, wie sich das kommunistische Regime diesen Begriff auf die Fahnen schrieb und die Wirtschaft dabei ruinierte. Heutzutage organisieren sich hierzulande nur noch Imker oder andere Interessenverbände genossenschaftlich. Bis zum Zweiten Weltkrieg war das jedoch anders: die Genossenschaften waren eine wichtige Säule des gesellschaftlichen Lebens und der sozialen Gerechtigkeit. Ihre Geschichte reicht zurück bis in das Jahr 1847, als in Prag der sogenannte Lebensmittel- und Sparkassenverein gegründet wurde. Schon bald folgten in zahlreichen Städten Böhmens und Mährens weitere solcher Verbände, die jedoch oft wegen mangelhaften Erfahrungen und Naivität pleitegingen. Dies erläutert der Publizist und Schriftsteller Pavel Hlavatý:

„Es wurde versucht, Arbeiter in Fördervereinen zu organisieren. Ihre Mitglieder sammelten einen Betrag und nutzten diesen für die Unterstützung derjenigen, die in Not gerieten, vom Arbeitgeber gekündigt oder ungerecht behandelt wurden. Je nach Lage verliehen die Vereine ihren Mitgliedern Geld zu günstigen Konditionen. Auf dem Land haben sich auf dieser Basis vor allem Landwirte organisiert, was auch den ärmeren ermöglichte, Landwirtschaftsmaschinen zu kaufen. Wichtig war dabei, dass diese Initiativen von unten her als Hilfe zur Selbsthilfe entstanden sind.“

Unternehmertum mit sozialer Verträglichkeit zu verbinden – das war von Anfang an die Hauptidee der Genossenschaften weltweit. Auch im Finanzwesen: nach dem Vorbild der deutschen Raiffeisensparkassen wurden ab den 1860er Jahren auch in Böhmen vergleichbare Institute gegründet. Im Volksmund hießen sie „kampeličky“ – nach dem Namen des Schriftstellers und Kulturförderer František Kampelík, der für ihre Gründung warb. Ihre größte Popularität fällt in die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, 1913 gab es laut den Statistiken rund 5000 solcher Genossenschaftsbanken in den böhmischen Ländern.

Selbstbestimmung und faire Preise

Die Genossenschaften hatten auch unter den tschechischen Politikern ihre einflussreichen Befürworter. Einer von ihnen war František Modráček, in seiner Jugendzeit Anarchist, der in den 1890er Jahren zweimal für seine Aktivitäten verhaftet wurde. Bald danach trat er jedoch der Sozialdemokratischen Partei bei und engagierte sich in mehreren Fördervereinen. Er habe die Genossenschaftsidee in der Praxis umgesetzt, so Pavel Hlavatý:

František Modráček
„1904 gründete Modráček den Ersten Arbeiter Konsumverein im Prager Stadtviertel Vršovice, wo er wohnte. Zwei Jahre später war der Verein schon in ganz Prag tätig. Zu seinen Aktivitäten gehörte unter anderem der Masseneinkauf von Lebensmitteln und anderer Waren. Die Preise waren dabei niedriger als im Einzelhandel. Die Mitglieder des Vereins konnten dadurch ziemlich viel sparen. Modráček engagierte sich auch im genossenschaftlichen Wohnungsbau. In Vršovice organisierte er den Bau einiger Miethäuser, deren Bewohnern gewisse Standards garantiert wurden: eine regulierte Miete, unbefristete Mietverträge, Sanitäranlagen und sogar ein Sportplatz. Die Mitglieder der Genossenschaft verpflichteten sich dazu, die Häuer zu pflegen und kleine Reparaturen selbst zu übernehmen. Die gewonnene Popularität konnte Modráček in der Politik nutzen: 1907 wurde er zum Abgeordneten im Wiener Reichsrat gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er seine Karriere im Tschechoslowakischen Parlament fort – und obwohl er sich auch anderen Dingen widmen musste, war er weiterhin in den Genossenschaften engagiert.“

Gerade zwischen den beiden Weltkriegen erlebten diese nämlich ihre Blütezeit. Laut einer Statistik gab es Anfang der 1930er Jahre fast 1500 Genossenschaften mit fast einer Million Mitgliedern. Sie setzten sich praktisch in jedem Wirtschaftsbereich durch, vor allem aber in der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion. Fast 5000 Läden wurden in der Tschechoslowakei von Genossenschaften betrieben. Versorgt wurden sie von der sogenannten Großeinkaufsgesellschaft der Genossenschaften, die landesweit ihre Betriebe hatte. Dazu gehörte auch die Fabrik für Margarine, Kosmetik und Reinigungsmittel in Nelahozeves bei Prag, die eine der modernsten Fabriken dieser Art in Europa war.

Ende einer Erfolgsgeschichte

Mit dem Zweiten Weltkrieg war aber Schluss mit diesem Erfolg. Die Genossenschaften wurden von Nazi-Verwaltern übernommen, um die Ziele der Kriegswirtschaft zu erfüllen. Das nachkommende kommunistische Regime habe dann die ursprünglichen Ideen der Genossenschaften ganz auf den Kopf gestellt, sagt Pavel Hlavatý.

Ilona Švihlíková (Foto: Archiv der Ilona Švihlíková, CC BY-SA 3.0)
„Die Nazis wussten ganz genau, dass die relative Autonomie dieser Wirtschaftssubjekte bedrohlich für sie war. Die Genossen setzten nämlich nicht nur ihre Interessen um, sondern auch gesellschaftlich nützliche Ziele – und das steht im Widerspruch zu jedem totalitären Gedanken. Die Kommunisten wagten es später nicht, die Genossenschaften direkt zu liquidieren. Sie gaben dem Begriff aber eine andere Bedeutung, was vor allem für die Landwirtschaft galt. Die Agrar-Genossenschaften wurden damals nach dem Prinzip des sowjetischen Kolchoz umorganisiert. Man zwang die Bauern, in staatlich gelenkte Genossenschaften einzutreten. Wer sich dagegenstellte, der endete im Gefängnis und sein Gut wurde enteignet. Das war offener Hohn gegenüber den ursprünglichen Ideen von Kampelík, Modráček und anderen. Auf ähnliche Weise haben die Kommunisten auch die Wohnungsgenossenschaften vernichtet.“

Nach der Wende von 1989 gab es Versuche, an die alte Tradition der Genossenschaften anzuknüpfen. Der Erfolg war aber bescheiden. Das lag unter anderem daran, dass die Kollektivwirtschaft nach den Erfahrungen aus dem Kommunismus in Verruf geraten war. Die Genossenschaften galten als uneffektiv, wie die ganze damalige Planwirtschaft an sich. Trotzdem wurden in den 1990er Jahren mehrere Volkssparkassen neu gegründet, viele von ihnen gingen jedoch pleite und mehrere Tausend Menschen kamen um ihre Ersparnisse. Einige Manager dieser Finanzanstalten wurden später zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ein paar wenige Volkssparkassen existieren zwar auch heute noch in Tschechien, ihre Bedeutung im Bankwesen ist jedoch marginal. Ilona Švihlíková ist Dozentin an der Commenius Universität in Prag:

Schlechter Ruf und Comeback

„Die ‚Kampeličky‘ waren leider eines der großen Probleme der wirtschaftlichen Transformation nach der Wende. Der Misserfolg dieser Anstalten liegt einerseits in der mangelhaften Kontrolle seitens der Zentralbank und anderseits in der überstürzten Entwicklung des Finanzwesens. Die Manager hatten in diesem Bereich keine Erfahrung und trafen oft falsche Entscheidungen. Das zeigte sich nicht nur bei Volkssparkassen, aber auch bei großen Banken, bis diese im Zuge der Privatisierung von ausländischen Finanzanstalten übernommen wurden. Die Bilanzen der Genossenschaftsbanken waren durch faule Kredite belastet, was sie letztlich ruinierte.“

Die Kampelička in Chotělice (Foto: Museum der Wertpapiere)
Seit einigen Jahren ändert sich jedoch das gesellschaftliche Klima. Begriffe wie ökonomische Demokratie, Lokalwirtschaft, Bürgerbeteiligung oder Sharing Economy sind derzeit in aller Munde – und spielen den Genossenschaften in die Karten. Die Prinzipien, die viele Initiativen heute umsetzen wollen, sind nämlich identisch mit den ursprünglichen Ideen der Genossenschaften. Ilona Švihlíková:

„Grundsätzlich können sich die genossenschaftlichen Ideen in allen Wirtschaftsbereichen durchsetzen. Hilfe zur Selbsthilfe, Verantwortlichkeit, Solidarität, Demokratie oder Nachhaltigkeit – solche Werte sind doch nicht nur an die Landwirtschaft oder Wohngemeinschaft gebunden. Viele Menschen spüren, dass der globale Kapitalismus eine ethische Korrektur braucht, dass die Wirtschaft wieder ein menschliches Ausmass haben muss. Da können die traditionellen Genossenschaften alle Firmen inspirieren, sei es zum Beispiel GmbH.“