Aus dem Kuhländchen nach Wiesbaden - Fritz Höpp erinnert sich
Fritz Höpp lebt seit vielen Jahren in Wiesbaden, stammt jedoch aus dem Kuhländchen. Er war zwölf Jahre alt, als seine Familie vertrieben wurde. Martina Schneibergová begegnete Fritz Höpp im Mai dieses Jahres am Rande des Sudetendeutschen Tags in Brno / Brünn. Dort entstand das folgende Gespräch mit dem Zeitzeugen.
Herr Höpp, wo sind Sie geboren?
„In Jistebník – Stiebnig, im Kuhländchen. Dieses Kuhländchen war ja mal Sudeten-Schlesien. Friedrich II. hat nämlich mit Maria Theresia über Jahre hinweg in drei Kriegen um das Schlesien gekämpft, hat nicht Ruhe gegeben, bis er ganz Schlesien hatte, außer diesem unteren Zipfel. Da gibt es den Spruch von Maria Theresia: ,Den Garten hat er mir genommen, und den Zaun darf ich behalten.‘ Und also neben dem Zaun stand meine Wiege.“
Wie alt waren Sie, als Ihre Familie vertrieben wurde?
„Genau zwölf Jahre. Ich habe eine gute Erinnerung daran. Ich bilde mir ein, ich hätte gar nichts vergessen.“
Wohin sind Sie dann gezogen?
„Wir sind von einem Lastwagen abgeladen worden. 50 Kilo durften wir damals mitnehmen. Wir wurden dann auf die Dörfer verteilt. Da bin ich heute noch. Das ist mir zu einem zweiten Zuhause geworden. Das Dorf heißt Delkenheim und gehört jetzt zu Wiesbaden. Also bin ich jetzt Landeshauptstädter.“
Bei diesem Treffen in Brünn werden unter anderem Volkstänze präsentiert. Ich habe gehört, dass Sie vor kurzem noch mitgetanzt haben…
„Ja, vor zwei Jahren ging das noch. Jetzt hat der Kalender einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben Tänze aus dem Kuhländchen getanzt und hatten auch Partnerschaft mit dem Tanzensemble Javorník aus Nový Jičín. Ich fand das interessant.“
Wird diese Volkstanz- und vielleicht Musiktradition weiter gepflegt und bewahrt?
„Ja, aber ich habe das erst bei dem Tanzensemble gelernt, in meiner Heimat war das nicht üblich.“
Tante starb beim Brünner Todesmarsch
Waren Sie bei der Versöhnungswahlfahrt dabei, die aus Pohořelice nach Brünn führte?
„Nein, war ich nicht. Aber ich verfolge alles in der Zeitung. Ich hatte auch eine Tante, das war die älteste Schwester meines Vaters. Sie lebte mit ihrer Familie in Ostrau, aber sie waren dann in den letzten Monaten des Krieges nach Brünn gezogen. Warum, weiß ich nicht. Und dann sind sie in diesen Todesmarsch geraten. Dort ist meine Tante in den Armen ihrer Töchter im Feld verstorben. Sie haben ihre Mutter – wie das gegangen sein könnte, habe ich keine Ahnung – mit den blanken Händen begraben. Also ,begraben‘ kann man das vielleicht gar nicht nennen, eher verscharrt. Irgendwo im Feld. Diese Cousinen leben auch nicht mehr. Sie sind dann in Österreich gelandet. Irgendwann in den 1950er Jahren sind sie nach Deutschland gekommen.“
Haben die Cousinen später vielleicht danach gesucht, wo ihre Mutter begraben liegt?
„Nein, das ging damals nicht. Das war nicht möglich.“
Nehmen Sie regelmäßig am Sudetendeutschen Tag teil?
„Ich würde sagen, in den letzten 20 Jahren. Früher hatte ich andere Gedanken und war durch die Familie ausgelastet. Vier Kinder haben wir. Mittlerweile sind sie fast im Rentenalter. Erst nachher, in späteren Jahren, nahm ich an den Treffen teil.“
Alle zwei Jahre zu Besuch in der alten Heimat
Gibt es noch Leute aus dem Kuhländchen, mit denen Sie in Kontakt sind?
„Ja, sicherlich sind da Altersunterschiede. Aber die Kuhländer haben hier auch einen Stand, ich kenne sie alle. Ich beziehe ja auch dieses Heft, was alle zwei Monate erscheint. Es heißt ,Alte Heimat Kuhländchen‘. Da findet man alles Mögliche von Menschen, die irgendwelche Größen waren, und alle Kontakte.“
Besuchen Sie Ihre Heimatregion manchmal noch?
„Ja. Man hat den Friedhof, die Friedhofsgräber, geschleift, nachdem wir weg waren. Zuerst war meine Schwester mal dort, dann mein Bruder. Ich war mit meiner Familie 1991 das erste Mal dort. Direkt nach dem Krieg konnte man ja nicht hinreisen. Da meine Frau aus dem Böhmerwald stammt, haben wir in Budweis und in Krummau ihre Verwandten besucht, die sie dort noch hatte. Ich besuche alle zwei Jahre das Kuhländchen.“
Wie ist es, wenn man nach so vielen Jahren in die Heimatregion kommt? Erkennen Sie die Orte wieder?
„Ja, natürlich. Ich könnte genau aufzeichnen, welches Haus hier und welches dort gestanden hat, wo sich die Schule befand und so weiter.“
Wie haben Sie damals erfahren, dass Sie den Wohnort in ein paar Tagen verlassen müssen?
„In drei Tagen. Wir haben so einen Zettel gekriegt, uns dann und dann dort am Dorfplatz einzufinden und dass man 50 Kilo Gepäck haben darf.“
Was wollten Sie mitnehmen?
„Da gab es so viel. Jeder sah das anders – der Vater anders als die Mutter.“
Mit Grabsteinen wurde Böschung befestigt
Hatten Sie mehrere Geschwister?
„Ja. Wir waren insgesamt sieben Geschwister. Nur, zwei Geschwister kannte ich gar nicht. Sie sind vor meiner Geburt verstorben. Vier von meinen Geschwistern ruhen auf dem Friedhof in Jistebník. Es ist natürlich kein Grabstein da. Alles ist in einer Böschung gelandet, die mit den Grabsteinen befestigt wurde. Die Gräber sind halt weg. Nach der Wende, wie gesagt, war ich alle zwei Jahre dort. Ich habe die Organistin, die für uns immer den Gottesdienst besorgt hat, gebeten, dass ein Pfarrer, der Deutsch spricht, mit uns den Gottesdienst feiert. Nach weiteren drei oder vier Jahren habe ich gehört, dass in der einen oder anderen Gemeinde Friedhofsdenkmäler aufgestellt werden. Da habe ich eine Skizze gemacht – das ist ein Kreuz, das durch die Gestaltung der Steine sichtbar ist. Es gibt dort einen Text auf Deutsch und auf Tschechisch. Das sind jetzt Spuren von uns, die da zu finden sind. Mit dem Altbürgermeister von Nový Jičín, Pavel Wessely, bin ich über die vielen Jahre befreundet. Er hat das dann mit dem Steinmetz gemanagt und diesen Entwurf von mir sowohl für den Text als auch für die Form verwendet.“
Können Sie sich daran erinnern, ob Sie nach der Vertreibung etwas besonders vermisst haben?
„Ich war zwölf, und es hat nicht lange gedauert, da wurde ich 16. Da habe ich mir gewünscht, eine Frau zu haben, die auch aus Stiebnig stammt. Das ist so nicht eingetreten. Meine Frau stammt aus Krummau, also aus dem Böhmerwald. Wir sind aber gut zurechtgekommen. Als wir an den neuen Wohnort kamen, waren wir dort fremd. Wir haben das Fremde irgendwie auch gespürt. Das Haus meiner Eltern im Kuhländchen war nicht klein gewesen, aber es gab dort nicht viele Räume. Mein Bett stand damals in der Küche, und dort hing ein großes Kreuz. Im Juni 1945 sind Leute gekommen – wo sie herkamen, weiß ich nicht, aber es waren keine Landwirte. Ich weiß auch nicht, was sie dazu bewogen hat. Die Beneš-Dekrete gab es damals noch nicht. Sie sagten uns, dass wir rausgehen müssen. Was sollten wir machen? Wir waren entrechtet und enteignet. Das Kreuz durften wir damals nicht mitnehmen. Die Mutter dieser Familie war jedoch eine Katholikin.“
Das Kreuz aus dem Geburtshaus
Haben Sie später nach dem Kreuz gesucht?
„Mein Bruder hat nach etwa 20 Jahren diese Frau angesprochen. Sie war zu der Zeit schon von ihrer Familie ins Altenteil geschickt worden. Mein Bruder fragte sie irgendwann in den 1960er Jahren, wo denn das Kreuz wäre. Sie ging zum Schrank, und zwischen dem Schrank und der Wand war so ein Spalt, aus dem sie das Kreuz herauszog. Sie hat es meinem Bruder ohne Kommentar gegeben. Man hätte das damals nicht mitnehmen dürfen, aber er hat es irgendwo unter anderen Sachen im Auto versteckt. Jedenfalls sind wir zu dem Kreuz gekommen.“
Haben Sie es heute noch zu Hause?
„Meine Schwester ließ das wiedergefundene Kreuz restaurieren. Bei uns wurde damals ein Gemeindezentrum gebaut. Meine Familie hat das Kreuz dann der Kirche zur Verfügung gestellt und sagte jedoch: ,Wenn ihr das mal nicht mehr brauchen solltet, gebt es bitte an jemanden der Familie zurück.‘ So ist es auch gekommen. Das Kreuz war denen nicht gut oder nicht ausdrucksstark genug. Meine Schwester hat es dann in ihrem Schlafzimmer hängen gehabt. Jetzt bin ich der letzte Mohikaner. Da kam ich auf eine Idee – bei uns in Delkenheim wurde in den 1950er Jahren am Friedhof eine neue Trauerhalle errichtet. Ich habe das Kreuz der Gemeinde gestiftet. Und auf der Rückseite steht wieder dieselbe Formulierung: Wenn es die Gemeinde nicht mehr haben möchte, dann bitte zurück an eine der Höpp-Familien. So wie mein Bett vor Jahren unter dem Kreuz stand, wird auch mein Sarg mal in der Trauerhalle unter dem Kreuz stehen.“









