Ausbau der Erneuerbaren in Tschechien: Regierung bremst, Ökologen fordern Beschleunigung
Tschechien steckt mitten im Umbau seiner Energieversorgung. Immer mehr Kohlekraftwerke werden vom Netz genommen. Ihre Leistung muss ersetzt werden. Doch welche Rolle kommt unter der neuen Regierung dabei den erneuerbaren Energien zu? Diese Frage ist spannend angesichts der Tatsache, dass die Autofahrerpartei Motoristé sobě ausgerechnet das Umweltministerium übernommen hat.
Die Koalition aus den Parteien Ano, Motoristé sobě und „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) will den Anteil der Erneuerbaren am Energiemix in Tschechien weiter erhöhen. Das geht aus der Rede hervor, die Industrie- und Handelsminister Karel Havlíček (Partei Ano) vergangene Woche bei der Fachkonferenz Power Shift in Prag gehalten hat. Bei dieser diskutierten Vertreter von Industrie und Energiewirtschaft über die Transformation der Strom- und Wärmeproduktion hierzulande.
Die Erneuerbaren gehören laut Havlíček genauso zur Zukunft der tschechischen Energieversorgung wie die Atomkraft und übergangsweise auch Gas. Allerdings sagte der Minister ebenfalls, dass die Subventionen für grünen Strom zurückgefahren werden sollen:
„Die staatliche Unterstützung müssen wir nach und nach in die öffentliche Infrastruktur überführen. Wenn ich das rein kaufmännisch sagen darf: Etwas weniger direkte Subventionen in die Projekte A der Institution B, aber mehr Förderung für die öffentliche Infrastruktur. Denn wir werden außergewöhnliche Ausgaben haben für die Sicherheit der Stromnetze. Da geht es nicht um mehrere Dutzend, sondern um mehrere Hundert Milliarden Kronen.“
Allerdings wurde das Umweltministerium im neuen tschechischen Kabinett der Autofahrerpartei Motoristé sobě zugeschlagen. Und diese hat sich schon mehrfach negativ zu den Klimazielen der EU geäußert und auch die Förderung für erneuerbare Energien an sich angezweifelt. Karel Havlíček sagte jedoch am Rand der Konferenz gegenüber den Reportern des Tschechischen Rundfunks:
„Die Autofahrerpartei lehnt nicht die erneuerbaren Energien ab, sondern nur die uferlose Unterstützung von etwas, das letztlich weitere Ausgaben hervorruft. Wir sind daher übereingekommen, dass die Förderung ausgewogen sein sollte. Die Motoristé blicken im Grunde sachlich auf diese Frage. Der Anteil der Erneuerbaren ist hierzulande so sehr angestiegen, dass es aus dem Ruder läuft – und zwar in dem Sinn, dass wir abnorme Ausgaben für die Netze haben. Und das verteuert letztlich den Strom und deklassiert die Firmen hierzulande. Dadurch haben wir weniger Finanzmittel und auch weniger Geld für den ökologischen Umbau.“
Man wolle den Ausbau der Erneuerbaren daher nicht zu sehr vorantreiben, sondern Schritt für Schritt vorgehen, ergänzt der Industrie- und Handelsminister.
Dabei gehört Tschechien zu jenen Ländern in der Europäischen Union, die den geringsten Anteil von Strom aus Wind und Sonne haben. Dies geht aus einem neuen Bericht der Denkfabrik Ember hervor. Anders als die derzeitige Koalition in Prag plädieren Klimaexperten daher für einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energien. Ondráš Přibyla ist Chef der NGO „Fakta o klimatu“ (Fakten über das Klima). Er betont, dass die Nutzung von Wind und Sonne die Kosten der Energiegewinnung eindeutig senken würde und damit den Strompreis verringern könnte...
„Wenn wir die Erneuerbaren ausbauen, muss das Netz dafür angepasst werden. Das kostet natürlich etwas. Es sind aber Investitionsausgaben, die wir brauchen, um nach und nach die gesamte Wirtschaft umzustellen. Die Erklärung der Autofahrerpartei, dass man keinen kopflosen Ausbau der Erneuerbaren wolle, geht an den Problemen vorbei. Denn hierzulande werden nur wenige Solar- und vor allem zu wenige Windkraftanlagen gebaut, die auch im Winter Strom liefern. Wenn wir uns wirklich über Lösungen unterhalten wollen und nicht nur über politische Proklamationen, dann brauchen wir einen differenzierten Dialog darüber, wie groß die Kapazitäten sein sollen, wie schnell sie erhöht werden und wie sich dies mit dem Ausbau der Stromnetze synchronisieren lässt“, so Přibyla.
Das sieht man auch beim Verband moderner Energiewirtschaft (Svaz moderní energetiky) so. Es handelt sich um die Dachorganisation für Verbände aus dem Bereich erneuerbarer Energien in Tschechien.
„Da es Jahre dauert, bis der Bau einer Solar- oder Windkraftanlage bewilligt wird, erwartet uns sicher kein massiver Ausbau dieser Art der Stromgewinnung. Aber wir brauchen eine realistische Strategie. Und ich sehe es als positives Signal, dass die Erneuerbaren weiter im Spiel sind – ebenso wie ein möglicher beschleunigter Ausbau. Außerdem kann die Tschechische Republik den Modernisierungsfonds der EU gerade in Kombination mit den Erneuerbaren dazu nutzen, um das Netz zu stärken. Wir können also durch die Einnahmen, die wir durch den Verkauf von Emissionszertifikaten in Europa erzielen, auch die Kosten für die Energiegewinnung aus den Erneuerbaren senken“, meint Martin Sedlák, Leiter des Verbandes moderner Energiewirtschaft.
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