Ausstellung "Die böhmische Marionette" auf der Prager Burg

r_2100x1400_radio_praha.png

Sie sind stumm, aus Holz, Pappe, Textil oder Glas, und doch voller Leben: Marionetten. Gemeinsam mit Bier, Becherovka und Kristallglas aus Böhmen stellen Marionetten einen begehrten tschechischen Markenartikel dar. Und kaum ein Tourist verlässt die hunderttürmige Moldaustadt ohne ein solches Mitbringsel im Gepäck. Den Marionetten hat unsere freie Mitarbeiterin Lucie Drahonovska den heutigen Kultursalon gewidmet - jedoch in einem anderen Zusammenhang:

Die beweglichen Puppen werden nicht nur als Souvenirs verkauft - sie gehören gleichzeitig zur alten böhmischer Kunsttradition. Dass sie keinesfalls nur als eine billige Touristenattraktion zu sehen sind, beweist die Ausstellung "Die böhmische Marionette" - "Ceská loutka" im Kaiserlichen Stall der Prager Burg. Anhand von 450 Exponaten aus 40 tschechischen Museen und Privatsammlungen wollten die zwei Autoren Ausstellung, Jaroslav Blecha und Pavel Jirásek, die facettenreiche Geschichte der böhmischen Marionette dokumentieren.

Die Konzeptionsidee der beiden Puppen-Kenner geht auf den ursprünglichen Kunstcharakter der Marionetten zurück. Jirásek und Blecha nehmen alle ausgestellten Exponate aus ihrem Puppentheatermilieu heraus und hängen sie als selbstständige Kunstobjekte in einzelne Vitrinen und Schaukästen. Gleichzeitig suchen sie einen gemeinsamen Nenner, der die böhmische Marionette charakterisiert und von der Marionettentradition anderer Länder deutlich unterscheidet.

"Das Ziel der Ausstellung ist es, die Marionette als ein Objekt, als einen Artefakt zu zeigen. Deswegen ist die Marionette aus dem Theaterkontext herausgerissen - der Besucher findet in der Ausstellung keine Requisiten, keine Dekorationen, kein Marionettentheater oder dergleichen, sondern wirklich nur Puppen, die für das Marionettentheater entstanden sind und gleichzeitig einen künstlerischen Wert besitzen..."

.... erklärt Jaroslav Blecha die Konzeption der Ausstellung. Blecha arbeitet als Leiter der Abteilung für Theatergeschichte des Mährischen Landesmuseums im südmährischen Brno/ Brünn.

Die schlichte, fast sterile Zurschaustellung der Marionetten als selbstständige Objekte ist keinesfalls von Nachteil. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird gebündelt, die Bedingungen für jedes ausgestellte Objekt sind gleich. Die Auswahl der Exponate erfolgte nach unterschiedlichen Kriterien. So werden in der Ausstellung wahre Unikate präsentiert, die einst den ältesten böhmischen Wandertheater-Familien gehörten.

Die Tradition des wandernden Puppentheaters reicht in Böhmen bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Zuerst zogen Puppentheater-Gesellschaften aus deutschen Landen und Italien von Dorf zu Dorf. Ihr Repertoire setzte sich aus dramatischen Stoffen zusammen, die ursprünglich für menschliche Schauspieler geschrieben wurden. Zu den ältesten und beliebtesten Stücken gehörten "Doktor Faustus" und "Don Juan." Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der Besuch von Marionettentheatern in der Stadt und auf dem Land zum festen Bestandteil von Jahrmärkten und Volksfesten geworden. Eine sehr bedeutende Rolle hatten die wandernden böhmischen Puppengesellschaften während der Zeit der Nationalen Wiedergeburt: Sie erreichten mit ihren Stücken nicht nur ein breites Publikum, sondern wandten sich an dieses auch in einer verständlichen Sprache: nämlich auf Tschechisch.

Und gerade mit den ältesten Marionetten aus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts setzt die Ausstellung chronologisch an. Die drei besonders kostbaren - "der Klausner", "der Husar" und "die Zofe" - stellen die attraktivsten Ausstellungsexponate dar. Sie stammen aus dem Besitz der berühmten Wanderfamilie der Kopeckýs. Matej Kopecký, der Vater der böhmischen Marionettentradition, bekam 1797 als erster die Konzession zum Betreiben der "optischen und mechanischen Vorführungen", wie man damals das Puppentheater bezeichnete. Kopecký, ein enthusiastischer Puppenspieler, und nach ihm seine Söhne durchkreuzten mit ihrem Wagen ganz Böhmen und beschenkten jahrzehntelang ihre Zuschauer mit Freude, weckten ihren Lebensmut und belehrten sie.

In der Ausstattung eines wandernden Puppentheaters durften keinesfalls Klausner, Kasperl, Teufel, Ritter, Räuber oder der böhmische, etwas schwerfällige Bauer "Å krhola" fehlen. Anhand der Exponate verfolgt die Ausstellung unterschiedliche handwerkliche Techniken bei der Herstellung von Marionetten: von der historischen Holzpuppe eines der berühmtesten Schnitzer des 19. Jahrhunderts, Mikolás Sychrovský, über seriell gefertigte Marionetten aus der Prager Firma Münzberg bis hin zum verrückten Hutmacher aus "Alice im Wunderland" aus der Werkstatt des zeitgenössischen Surrealisten-Ehepaares Jan und Eva Svankmajer.

Bemerkenswert sind Marionetten, die seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts namhafte tschechische Künstler, wie zum Beispiel Mikolás Ales, entworfen haben. Diese Kunstpuppen entstanden nicht mehr für den Bedarf eines Wandertheaters, sondern für die zahlreichen Familien- und Stadttheater. Zu diesem Zeitpunkt etablierte sich die Puppenherstellung und das Puppentheater in Böhmen und Mähren endgültig als ein selbstständiges Kunstfach.

Unter den modernen Theaterpuppen befinden sich in der Ausstellung auch die expressionistischen Marionetten aus der Werkstatt von Michaela Bartonová und Antonín Müller. Deren Holzpuppen werden Hieronymus-Bosch-Kennern bekannt vorkommen - sind sie doch den mittelalterlichen Bildern des niederländischen Malers entsprungen. Monströse Köpfe, fliegende Fische, grinsende Dämonen zwischen Himmel und Hölle. Die Autorin dieser Fantasiegeschöpfe, Michaela Bartonová, die die Entwürfe für die Marionetten zeichnet, um sie später von ihrem Ehemann Antonín Müller aus Lindenholz schnitzen zu lassen, erklärt:

"In der Ausstellung "Ceská loutka" auf der Prager Burg befinden sich Puppen, die wir für unser Marionettentheater "Tineola" hergestellt haben. Es sind drei Darsteller, "Das Mädchen", "Der Scharlatan", und "Der Lauten-Mann" aus der Aufführung "Vuz se senem" - "Der Heuwagen". Die Marionetten sowie die gesamte Aufführung des Marionettentheaters "Tineola" geht auf das gleichnamige Gemälde des niederländischen Malers Hieronymus Bosch zurück. Zuletzt haben wir die Aufführung 'Der Heuwagen' im vergangenen Sommer auf dem Schiff der Gebrüder Forman gespielt. Am 5. Dezember spielten wir für die Kinder gemeinsam mit dem Barockensemble "Ritornello" unsere Aufführung "Vánocní roztomilosti" / "Die weihnachtlichen Liebenswürdigkeiten", und zwar im Prager Vrtba-Garten auf der Kleinseite. "Die weihnachtlichen Liebenswürdigkeiten" werden nochmals am 21. Dezember, und zwar auf der Burg Krivoklát unweit von Prag zu sehen sein."

Um die Puppen selbst tanzen zu lassen, genügt es, in das Untergeschoss des Ausstellungsraumes hinabzusteigen. In einem Marionettentheater kann hier nämlich jeder, ob Groß oder Klein, in die Rolle des Puppenspielers schlüpfen. Und zum Schluss noch ein Tipp: Auf einem großen Marionettenfest am 21. Dezember im Kaiserlichen Stall auf der Prager Burg soll eine außergewöhnliche Marionettenaufführung sowie ein fröhlicher Laternenumzug stattfinden.

Die Ausstellung "Ceská loutka" - "Die böhmische Marionette" ist vorläufig bis zum 23. Februar 2002 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr in den Ausstellungsräumlichkeiten "Kaiserlicher Stall" - "Císarská konírna", auf der Prager Burg zu sehen.

Für diejenigen, die auch nach dem voraussichtlichen Ende der Ausstellung am 23. Februar den Marionetten weiterhin begegnen möchten, sei das Marionettenmuseum in der ostböhmischen Kleinstadt Chrudim empfohlen. Die einzigartige Sammlung dokumentiert anhand von 7.000 Marionetten die Geschichte sowie den aktuellen Stand des Puppentheaters in Tschechien sowie im Ausland. Das Puppenmuseum, das in diesem Jahr seinen bereits 30. Geburtstag feierte, ist in einem wunderschönen historischen Renaissance-Haus angesiedelt. Neben den Tausenden Marionetten aus Böhmen und aus dem Ausland sind in der Ausstellung noch 6.000 weitere Exponate rund um das Marionettentheater vertreten - wie szenografische Entwürfe, Kulissen, Theatermodelle, Fotografien, Handschriften, Plakate, Theaterprogramme und weitere kostbare Archivalien.

Das Marionettenmuseum in Chrudim, aus dem die meisten der Ausstellungsexponate stammen, ist auch im Winter geöffnet, und zwar von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr, am Wochenende nur nachmittags von 13-17 Uhr. Außerdem findet in Chrudim bereits seit 50 Jahren, jeweils in der ersten Juli-Woche, das internationale Marionettenfestival "Loutkárská Chrudim" statt.