Bank der tschechoslowakischen Legion – sonderbare Kreditanstalt der Zwischenkriegsära

Legiobank (Foto: Petr Vilgus, CC BY-SA 3.0)

An der Straße Na Poříčí im Stadtzentrum von Prag ist das Haus nicht zu übersehen: Auf seiner neokubistischen Fassade tritt eine monumentale Plastik mit dem Namen „Die Rückkehr der Legionäre“ hervor. Architekten halten das Gebäude für eines der wertvollsten aus der Zwischenkriegsära in Prag. Außerordentlich war auch der Zweck des Baus: Es war Sitz der Bank der tschechoslowakischen Legion, die in den 1920er und 1930er Jahren eine eigenartige Rolle in der Tschechoslowakei spielte.

Legion in Russland (Foto: Public Domain)
Während des Ersten Weltkriegs formierten sich Truppen der Tschechen und Slowaken, die in Russland, Frankreich und Italien gegen Österreich-Ungarn und seine Verbündeten kämpften. Am umfangreichsten waren die Truppen in Russland, zu Ende des Krieges entwickelten sie sich zu einer regulären Armee mit etwa 40.000 Soldaten. Nach der Oktoberrevolution kämpften sie gegen die Rote Armee. Um diese sogenannte Tschechoslowakische Legion versorgen zu können, hatten die Vertreter der künftigen selbständigen Tschechoslowakei bei der amerikanischen Regierung einen Kredit ausgehandelt. Im März 1918, noch bevor der Entstehung dieses Staates, wurden die Truppen Teil der französischen Armee, und diese zahlte den Tschechen und Slowaken ihren Sold. Die Legion war also nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich eine Einheit.

Antonie Doležalová (Foto: Archiv der Ökonomischen Hochschule Prag)
1917 gründeten die Legionäre in Irkutsk eine eigene Sparkasse, bei der sie ihre Besoldung einzahlten. Die Anstalt war wirtschaftlich sehr aktiv, sie gewährte den Einheimischen kleine Kredite und handelte mit verschiedener Ware. Dies dauerte bis 1920, als die letzten Legionäre aus Russland in ihre Heimat zurückkehrten. Unternehmertum war bei Militärs damals nicht selten, erläutert Antonie Doležalová, Wirtschaftshistorikerin an der Prager Karlsuniversität.

„Auch Großbritannien versuchte, einen solchen Plan umsetzen, denn London hatte strategische Interesse im Norden und Osten Russlands. Die britische Regierung gründete in Murmansk eine Bank, die sowohl ihren Soldaten, als auch den Einheimischen dienen sollte. Während des Bürgerkrieges nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde in Murmansk sogar eine spezielle Währung eingeführt. Dieser Schritt sollte der beabsichtigten wirtschaftlichen Expansion des Vereinigten Königsreichs in der Region dienen. Bemerkenswert ist auch, dass mit der Leitung des Projekts John Maynard Keynes beauftragt wurde, später einer der bedeutendsten Ökonomen weltweit.“

Irkutsk (Foto: A. C. Lawrentew, Public Domain)
Die Pläne scheiterten wegen des wirtschaftlichen Zerfalls in Russland und wegen des Sieges der Bolschewiken im Bürgerkrieg. Auch die Tschechoslowakei musste auf diese Entwicklung reagieren: Im Jahr 1919 übernahm sie die Haftung für alle Sparanlagen in der Sparkasse und transformierte die Kreditanstalt offiziell in die Bank der tschechoslowakischen Legion. Ihr Sitz wurde aus Irkutsk nach Prag verlagert und die Aktivitäten in Russland schrittweise zu Ende gebracht. Die Legiobank, wie sie umgangssprachlich hieß, gehörte zwar nicht zu den größten Kreditanstalten in der Tschechoslowakei, sie erfreute sich jedoch einer besonderen Stellung.

Legiobank (Foto: Petr Vilgus, CC BY-SA 3.0)
„Bei ihrer Gründung hatte diese Bank für damalige Verhältnisse eine sehr große Klientel, denn die Legionäre samt ihrer Familienmitglieder zählten rund 90.000 Kunden. Sie alle legten ihre Ersparnisse dort an. Außerdem genossen die Legionäre nach dem Krieg verschiedene Vorteile wie zum Beispiel prominente Posten im Staatsapparat und gute Renten. Das ließ ihre Kaufkraft noch wachsen. Die Legiobank überstand deswegen die wirtschaftlich schwierigen Jahre nach den Ersten Weltkrieg sehr gut. Das einzige Problem war die Übertragung des Kapitals aus Russland. Wegen der hohen Inflation dort musste man für einen Teil der Anlagen Waren kaufen, diese in die Tschechoslowakei transportieren und wieder gegen Geld tauschen. Das geschah nicht ohne bestimmte Verluste.“

Um die Geschichte der Legiobank rankt sich bis heute ein geheimnisvolles Ereignis. Die Legionäre hatten nämlich ab August 1918 anderthalb Jahre lang den goldenen Zarenschatz unter ihrer Kontrolle. Um diesen nicht in die Hände der Kommunisten fallen zu lassen, brachten sie ihn aus Kazan mit einem Sonderzug auf der transsibirischen Eisenbahn bis nach Wladiwostok. Während des Transports kam es zu zahlreichen Gefechten mit der Roten Armee. Ein paar Monate lang war der Schatz dann unter Kontrolle des aufständischen Generals Koltschak. Anfang 1920 wurde wegen der kritischen militärischen Lage jedoch entschieden, das Gold und weitere Wertsachen den Bolschewiken zu übergeben. Später schossen viele Spekulationen ins Kraut, dass die Legionäre einen Teil des Schatzes gestohlen und in ihrer Bank angelegt hätten. Offiziell wurde dies aber natürlich nie bestätigt, und heute ist es kaum noch möglich, der Wahrheit auf Grund zu gehen.

Legiobank (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Doch zurück zur Bank der Legionäre. Ihre Tätigkeit fügte sich ein in das allgemeine Banksystem der Zwischenkriegszeit, betont Antonie Doležalová.

„Die Banken bildeten während der Ersten Republik so etwas wie Konzerne, das heißt, sie konzentrierten sich jeweils auf einen bestimmten wirtschaftlichen Bereich. Die größte Rolle spielte die Gewerbebank (Živnobanka), sie besaß viele Schwerindustriebetriebe und gewährte ihnen Kredite. Unter ihrer Kontrolle befand sich ein Drittel des gesamten Kapitals in der Tschechoslowakei. Die Agrarbank war hingegen in der Landwirtschaft aktiv, sie hatte Eigentumsanteile in zahlreichen Betrieben dieser Art. Und das Hauptfeld der Legiobank war die Distribution von Tabakwaren, denn die Legionäre betrieben häufig Tabakwarenläden. Daneben engagierte sich diese Kreditanstalt im Geschäft mit Mineralöl und Treibstoff und besaß einen Verlag und eine Brauerei in Prag.“

Aktie der Legiobank (Foto: Archiv ČNB)
Die Bank der tschechoslowakischen Legion setzte sich jedoch selbst eine folgenschwere Beschränkung: Nur Legionäre durfte ihre Aktionäre sein. Erst in den 1930er Jahren, als die Zahl der Legionäre zurückging, wurden auch Familienmitglieder der ehemaligen Soldaten zugelassen. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass sich die Bank praktisch nicht entwickeln konnte:

„Das Aktienkapital der Bank blieb während der gesamten Zwischenkriegszeit auf dem gleichem Niveau wie bei der Gründung der Anstalt. Der reale Wert pro Aktie stieg nur sehr langsam, wobei er nur auch nur so einigermaßen der Inflation folgte. Mit den Aktien wurde praktisch nicht gehandelt, daher schrumpften auch die Dividenden. Die Bank verlor von Jahr zu Jahr an Bedeutung, es gab offensichtlich kein Interesse an ihren Aktien. Diejenigen, die sie kaufen wollten, hatten dies schon längst getan – und andere hatten keine Möglichkeit dazu.“

Foto: Tschechisches Fernsehen
Mit dem Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei 1938 dazu zwang, ihre Grenzgebiete an Deutschland abzutreten, begann der Untergang der Bank. Sie verlor ihre Filialen im Sudetenland. Ein halbes Jahr später, als der Rest der Tschechoslowakei in das Protektorat Böhmen und Mähren und die Slowakei geteilt wurde, kamen ihr auch die slowakischen Zweigstellen abhanden. Deswegen verhandelte die Bank intensiv über eine Fusion, diese Bemühungen scheiterten jedoch. Der Torso der früheren Anstalt wurde 1939 offiziell weiter Legiobank genannt, aber schon ein Jahr später musste der Hinweis auf die Legionen gestrichen werden. Der neue Name war zunächst Böhmisch-Mährische Bank und dann Kreditanstalt für Deutsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle Banken in der Tschechoslowakei verstaatlicht.