Baumspitzen, Kugeln und Schwäne: Gläserner Weihnachtsschmuck aus Ostböhmen

Jugendstil Kollektion

Das Glasbläserhandwerk ist typisch böhmisch. Der Weihnachtsschmuck gehört dabei zu den beliebtesten Produkten, die sich jenseits von Nutzglas herstellen lassen. Einer der Produzenten hierzulande ist die Firma Koulier, sie ist nahe dem Städtchen Hlinsko zwischen Pardubice / Pardubitz und Jihlava / Iglau angesiedelt. Radio Prag International hat das Unternehmen besucht und sich von den Schmuckerzeugnissen verzaubern lassen.

Vladimíra Jelínková | Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Oflenda heißt ein Ortsteil der Gemeinde Mrakotín in Ostböhmen. Hier sitzt die Firma Koulier, die Weihnachtsschmuck aus Glas herstellt. Die meist weiblichen Angestellten haben langjährige Erfahrung im Glasblasen und Bemalen. Dabei gibt es die Firma erst seit Dezember 2021. Vladimíra Jelínková führt durch die Räume des Unternehmens und erläutert:

„Nicht weit entfernt liegt das Dorf Horní Bradlo. Dort war ein Werk zur Herstellung von Weihnachtsschmuck. Unser Firmeneigner, das Ehepaar Šrámek, hörte, dass die Angestellten in Horní Bradlo entlassen werden sollten. Herr und Frau Šrámek berieten sich und kamen überein, dass sie in Oflenda in den Räumen einer früheren Schreinerei genug Platz hätten und auch die Finanzen da wären, um die entlassenen Arbeiterinnen aus Horní Bradlo anzustellen und selbst eine Fabrik für Weihnachtsschmuck aufzubauen. So kamen wir zur Welt. Wir sind jetzt zwei Jahre alt und nennen uns Koulier.“

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Tatsächlich wird in dem Unternehmen nicht nur Weihnachtsschmuck hergestellt – sondern unterschiedliche Glaskunst je nach Jahreszeit und Anlass. Im Februar sind dies zum Valentinstag zum Beispiel rote Herzen oder kurz darauf dann Ostereier. Doch was auch immer ansteht, die Fertigungsweise bleibt die gleiche…

„Bei uns entsteht alles in Handarbeit, man findet hier keine einzige Maschine. Einige Stücke sind so schwer herzustellen, dass sie 52 Mal in die Hand genommen werden müssen, bis sie in die Schachtel kommen und den Betrieb verlassen können. Für die Herstellung des Schmucks verwenden die Bläser lange Glasröhren, die sie in Einzelteile zerlegen. Das Blasen des Weihnachtsschmucks geschieht auf den ersten Versuch. Was nicht gelingt, wird weggeschmissen, und die Glasarbeiter müssen von vorne beginnen“, so Jelínková.

Jugendstil Kollektion | Foto: Koulier

Alles in Handarbeit

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Die klassische Form des geblasenen Christbaumschmucks ist die Kugel. Bei Koulier werden sie in Größen von sechs bis zwölf Zentimetern gefertigt. Dabei liege die Toleranzgrenze bei einem Millimeter, betont Jelínková. Aber für die Beschäftigten mit ihrer Erfahrung stelle dies kein Problem dar, sagt sie. Und wie läuft der Arbeitsprozess ab?

„Ich erhitze die Glasröhre an einem Ende und nehme das andere sofort in den Mund. Mit einem Atemzug, den ich mir aufteile, drehe ich das Glas im Mund und bilde eine Rundung von etwa acht Zentimetern Durchmesser. Dann blase ich die Kugel aus. Um die richtige Größe zu bestimmen, habe ich eine Blechschablone auf dem Tisch, anhand derer ich den Durchmesser überprüfen kann“, sagt die Leiterin der Firmenkommunikation.

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Andere Designs sind zum Beispiel Tannenzapfen, Herzen oder auch Christbäume. Doch diese werden in Förmchen gefertigt. Das heißt, das benötigte Stück Glasröhre wird erhitzt und angeblasen. Dann kommt es in die Form, wird dort fertiggeblasen und danach herausgenommen.

Das schwierigste Stück in der Herstellung ist die Baumspitze. Denn sie besteht aus einer oder zwei Kugeln und einer sehr langgezogenen Spitze. Doch eine Formschale dafür gibt es nicht, und so darf eine längere Glasröhre immer nur an der Stelle erhitzt werden, die gerade bearbeitet werden soll. Ein Meister der Baumspitzen bei Koulier sei Vítek Landsman, schildert Jelínková:

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

„Er ist 42 Jahre alt und damit der jüngste männliche Glasbläser von Weihnachtsschmuck in Tschechien. Vítek ist aber gerade in Elternzeit, und wir zählen schon die Tage, bis er zurückkommt. Denn er hat lange Finger und kann Baumspitzen von bis zu anderthalb Metern Länge herstellen. Wir freuen uns also sehr, wenn er wieder da ist, wir wollen nämlich einen Rekord aufstellen.“

Welcher Rekord das genau sein soll, verrät Vladimíra Jelínková allerdings nicht. Doch sie verweist auf jenen aus dem vergangenen Jahr. Da versammelte man in einem einzigen Raum insgesamt 2022 Glas-Schwäne – und diese in 167 unterschiedlichen Formen und ebenso vielen Farben.

Der Kommissar aus dem Museum der Kuriositäten und Rekorde in Pelhřimov kam vorbei und zählte jeden einzelnen Schwan. Dann trug er den Rekord in das Buch ein. Aber nun wollen wir den nächsten Rekord. Wir möchten wahrgenommen werden“, so unsere Führerin durchs Unternehmen.

Denn Koulier exportiert nicht ins Ausland, wie viele andere Hersteller von mundgeblasenem Christbaumschmuck in Tschechien. Vielmehr kommen die Kunden zum Firmenstandort und bestellen dort.

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Schauspiel der Innenversilberung

Beim Hersteller aus Oflenda werden unterschiedliche Veredelungstechniken angewendet. Ein Klassiker aus Böhmen ist das Innenversilbern. Dadurch entstehe in den Hohlformen ein Spiegeleffekt, erläutert Vladimíra Jelínková. Dafür wird mit einer Nadel eine Lösung aus reinem Silber in den zu bearbeitenden Glasschmuck gespritzt:

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

„Zunächst passiert gar nichts. Dann baden wir die Form in 52 Grad warmem Wasser, wodurch sie erhitzt wird. Und jetzt kann man sich ein Schauspiel ansehen. Die Reduktion der erhitzten Silberlösung beginnt. Dabei muss man die Form schütteln, sonst verteilt sich das Silber nicht. Es muss bis zur Mitte des Stiels gelangen. Das Silber gibt allerdings dem Glasschmuck keine zusätzliche Stabilität, dieser ist immer noch zerbrechlich. Aber er ist jetzt nicht mehr durchsichtig und hat den gewünschten Spiegel-Effekt. Auch hier gilt, dass es nur einen Versuch gibt.“

Im Übrigen erhalten die weihnachtlichen Schmuckstücke noch vor dem Innenversilbern ihre Grundfarbe. Das passiert entweder mit einer Farbpistole oder einem Farbenbad. Das weitere Bemalen und Verzieren ist dann aber eine Arbeit, für die Fingerspitzengefühl nötig ist. Jelínková beschreibt diesen Veredelungsprozess…

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

„Jeder Weihnachtsschmuck braucht sein Dekor. Dafür gibt es aber keine Schablonen oder Stempel. Man muss jedes einzelne Stück in die Hand nehmen, dabei schauen sich die Malerinnen jeweils das benötigte Muster an. Obwohl sie es selbst entworfen haben, müssen sie noch einmal hinschauen, weil sie vielleicht zwei oder drei Monate lang dieses Muster nicht mehr genutzt haben und nicht mehr alles auswendig wissen. Sie schauen also den Schmuck genau an, nehmen den Pinsel zur Hand und malen.“

Eine weitere Art der Verzierung ist das Bestreuen des Weihnachtsschmucks, um bestimmte Konturen zu schaffen. Jelínková schildert zudem den Malprozess:

„Wenn eine Besuchergruppe herkommt, gebe ich immer folgendes Beispiel: einen Teddybär, der eine gelbe Hose, ein rotes T-Shirt und schwarze Schuhe trägt und blaue Augen hat. Dann mischt man die erste Farbe an und malt auf 120 Teddybären nacheinander die gelbe Hose. Dann kehrt man zum ersten Bär zurück, an dem die gelbe Farbe bereits getrocknet ist, und malt das rote T-Shirt. Das heißt, manchen Schmuck nimmt die Malerin bis zu acht, neun Mal in die Hand, bis sie ihre zehn Dutzend Stück voll hat.“

Foto: Koulier

Über die schwierige Herstellung der Baumspitzen war bereits die Rede. Eine andere Besonderheit sind die Schwäne – und zwar haben sie echte Schwanzfedern.

„Die Federn stammen von lebenden Marabus aus Afrika. Die Vögel müssen dafür nicht sterben, sie werden auch nicht gerupft. Sondern der Marabu verliert Federn, wenn er sich schüttelt. Ein Farmer in Afrika hält diese Vögel. Abends sammelt er die Federn ein, trocknet sie und färbt sie nach unseren Wünschen ein“, so Jelínková.

Aber was ist speziell am Weihnachtsschmuck in diesem Jahr? Koulier hat zum Beispiel auf die Krönung von Charles III. im Mai reagiert und eine Serie nach dem Vorbild der britischen Kronjuwelen entworfen. Konkret handelt es sich um eine Baumspitze und mehrere Kugeln, die dem britischen Reichsapfel nachempfunden sind:

Foto: Zdeňka Kuchyňová,  Radio Prague International

Diese Kronjuwelen sind mit blauen und grünen Muggelsteinen verziert. Drumherum sind geschliffene Chatonrosen. Wirklich jeder Stein muss dafür extra aufgeklebt werden. Es handelt sich jeweils um 175 Steinchen, und ich wage zu behaupten, dass man für zwölf dieser Baumspitzen einen ganzen Arbeitstag braucht.“

Im Übrigen sollen diese Weihnachten nicht leuchtende Farben im Trend sein, sondern gedämpfte Töne. Aber letztlich zählt ohnehin der eigene Geschmack, denn man möchte ja sein Zuhause dekorieren. Und es soll sogar Menschen geben, die an Weihnachten auf Schwarz schwören…

Jugendstil Kollektion | Foto: Koulier
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