Bilanz des extrem heißen Sommers in Tschechien: Rettungskräfte und Experten schlagen Alarm

Jana Poštová

Am Mittwoch, den 23. September, ist der astronomische Sommer zu Ende gegangen. Er hat sich mit der höchsten jemals in Tschechien gemessenen Temperatur von fast 42 Grad Celsius in die Geschichte eingetragen. Die extreme Hitze führte unter anderem zu einer deutlich höheren Zahl von Rettungseinsätzen und einem sprunghaft gestiegenen Interesse an Projekten zur Kühlung von Straßen und Gebäuden.

Jana Poštová | Foto: Martin Pařízek,  Tschechischer Rundfunk

Jana Poštová leitet die Einsatzzentrale des Prager Rettungsdienstes. Beim Rückblick auf die vergangenen Monate zieht sie eine Bilanz, die Anlass zur Sorge gibt:

„Wir erfassen gezielt sogenannte Hitzekollapse. Das ist eine kurzzeitige Bewusstlosigkeit, bei der man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass die Person die Besinnung eben wegen der großen Hitze verloren hat. In den drei Sommermonaten haben wir mehr als 400 solcher Einsätze registriert, was wirklich viel ist.“

Illustratinsfoto: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

Damit ist das Ausmaß der hitzebedingten Notfälle jedoch noch lange nicht erschöpft. Poštová verweist auf einen weiteren großen Bereich, der in dieser Statistik gar nicht auftaucht:

„Man muss bedenken, dass auch viele der alltäglicheren Einsätze durch das heiße Wetter verursacht werden. Das betrifft vor allem ältere, chronisch kranke Menschen mit Herz- oder Atemwegserkrankungen, deren Gesundheitszustand sich durch die Hitze akut verschlechtert.“

Hitzekollapse und überlastete Rettungskräfte

Der Sommer war für die Prager Rettungskräfte eine außergewöhnliche Belastung – und das ist ungewöhnlich, wie Poštová betont:

„Eigentlich verzeichnen wir in der Hauptstadt während der Sommermonate langfristig eher einen Rückgang der Einsätze um etwa zehn Prozent, weil viele Prager die Stadt verlassen und in ihre Wochenend- und Ferienhäuser ziehen. In diesem Jahr haben wir aber einen spürbaren Anstieg um einige Prozent im Vergleich zu den Vorjahren verzeichnet. Das bedeutet, dass dieser Sommer für uns – was die Zahl der Anrufe und Einsätze angeht – weitaus anstrengender war als üblich.“

Foto: Josef Beneda,  Tschechischer Rundfunk

Ein deutlicher Anstieg der Sterberate an extrem heißen Tagen lässt sich auch an den landesweiten und europäischen Daten ablesen. Obwohl diese noch nicht für den gesamten Sommer vollständig veröffentlicht sind, dürften es in Tschechien mindestens einige Hundert Hitzetote gewesen sein. In der Europäischen Union gehen die Opferzahlen in die Zehntausende. Pavel Zahradníček, Klimatologe an der Akademie der Wissenschaften, bezeichnet die Hitze als einen stillen Killer, den niemand sehe:

Pavel Zahradníček | Foto: Radim Strachoň,  MFDNES + LN / Profimedia

„Meist handelt es sich um Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weshalb der direkte Einfluss der Hitze schwer nachzuweisen ist. Statistische Methoden zeigen jedoch eine signifikante Übersterblichkeit. Bei der Hitzewelle 2015 starben in Tschechien 330 Menschen – obwohl die Temperaturen damals nicht einmal die 40-Grad-Marke von diesem Jahr erreichten. Die diesjährigen Statistiken bleiben abzuwarten. Das Problem wird hierzulande einfach nicht angegangen: Weder das Gesundheitssystem ist darauf eingestellt, noch haben Krankenhäuser Klimaanlagen. Bisher fehlt jeglicher Wille, das für die Zukunft anzupacken.“

Neues Denken bei Bau und Natur

Zahradníček beschäftigt sich bei der Akademie der Wissenschaften am Institut für Globalen Wandel mit den nötigen Anpassungen an solche Hitzewellen.

„Die 40-Grad-Marke war ein Extrem, an das wir uns bisher nicht anpassen konnten und vielleicht auch gar nicht anpassen können. Unsere Gebäude sind absolut nicht dafür konstruiert. Niemand hat damit gerechnet, dass uns so schnell eine derart dichte Abfolge an extremen Hitzetagen einholen würde. Die gesamte Infrastruktur ist darauf schlichtweg nicht ausgelegt.“

Tereza Hnátková von der Tschechischen Agraruniversität leitet das Team, das genau diese Anpassungsmaßnahmen projektiert und umsetzt. In diesem Jahr verzeichnete sie sowohl von Privatpersonen als auch von Gemeinden ein spürbar gestiegenes Interesse an Projekten, mit denen Häuser, Straßen oder Gärten so umgestaltet werden, dass Hitze erträglicher wird und Wasser besser gespeichert werden kann.

Tereza Hnátková | Foto: Tschechische Landwirtschaftsuniversität

„Hand in Hand damit gehen auch das Vertiefen von Brunnen sowie die Überprüfung der Wasserqualität. Denn die aktuellen Veränderungen der Niederschlagsmengen führen nicht nur dazu, dass die Wassermenge in den Brunnen sinkt, sondern sie beeinträchtigen auch die Wasserqualität.“

Soweit die Expertin. Als Kleingärtnerin besitze sie auch einen eigenen Garten, fügt sie hinzu:

„Selbst dieser hat mir gezeigt, dass ich die Auswahl von Gemüse und Obst definitiv überdenken muss, sollte dieser Sommer zum Standard für die kommenden Jahre werden. Der entscheidende Anpassungsschritt wird für mich also darin bestehen, die Kulturen, die ich anbaue, komplett umzustellen.“