Bis heute geheimnisumwittert: Der Mord an Johannes Nepomuk

Foto: Martina Schneibergová

Auf zahlreichen Brücken in Tschechien, Österreich und Bayern steht eine Statue von Johannes Nepomuk. Der „Brückenheilige“ aus Böhmen soll von Häschern des böhmischen Königs von der Karlsbrücke gestürzt und in der Moldau ertränkt worden sein. Der Legende nach wollte Nepomuk nicht das Beichtgeheimnis der Königin brechen, obwohl der König ihn dazu drängte. Historiker können diese Version jedoch nicht bestätigen. Was stattdessen zum Mord an Johannes Nepomuk geführt haben könnte, dazu im Folgenden mehr.

Wenzel IV.
Prag, Ende des 14. Jahrhunderts. Auf dem Königsthron sitzt Wenzel IV., einer der kontroversesten böhmischen Herrscher überhaupt. Der Sohn von Karl IV. verkörpert das absolute Gegenteil seines Vaters: Während Karl als frommer, milder und weiser Man geschätzt wurde, verhält sich Wenzel wie ein Tyrann, der rücksichtslos seine Gegner umbringt. Zudem wird ihm vorgeworfen, lieber auf Jagd zu gehen und dem Alkohol zuzusprechen als sich um das Wohl des Landes zu sorgen.

Vielleicht war Wenzel auch ratlos angesichts der äußerst verfahrenen Lage in Europa. Die katholische Kirche steckt seit 1378 in einem Doppelpapsttum – und weil die kirchliche Macht mit der Politik eng verbunden ist, hat dies fatale Konsequenzen für die böhmische Gesellschaft. Während König Wenzel den Gegenpapst in Avignon unterstützt, bleibt der Prager Erzbischof Johann von Jenstein Rom treu. Der höhere Adel stellt sich, seinen eigenen Interessen folgend, auf die Seite des Erzbischofs. Der König will aber seine Position gegenüber dem Erzbischof um jeden Preis verbessern. Ein guter Anlass ergibt sich, als der Abt des Klosters im westböhmischen Kladruby / Kladrau stirbt. Die königlichen Pläne werden jedoch durch den Generalvikar von Erzbischof Jenstein, Johannes Nepomuk, vereitelt. Jiří Rak ist Historiker an der Prager Karlsuniversität:

Johann von Jenstein (Foto: Packare, CC0 1.0)
„Es ging um das Eigentum. Dem damaligen böhmischen Recht zufolge gehörte das kirchliche Eigentum zur Zeit einer ‚Sedisvakanz‘, also wenn ein kirchliches Amt nicht besetzt war, dem König. Das war eben in dem Moment der Fall: Wenzel wollte den Tod des Abtes nutzen, um eine neue Diözese zu gründen, die die Ländereien des Klosters übernommen hätte. Als König hätte er dann selbst den Bischof ernannt. Das hätte die Macht von Erzbischof Jenstein deutlich geschwächt. Doch bevor der König seinen Plan umsetzen konnte, wählten die Klosterbrüder unter sich einen neuen Abt, und der Generalvikar der Prager Erzdiözese, Johannes Nepomuk, bestätigte die Wahl. Dazu hatte er das Recht, und der König konnte nichts daran ändern.“

Der König hilft bei der Folter

Johannes Nepomuk (Foto: Martina Schneibergová)
Der Generalvikar Johannes Nepomuk war ein treuer Mann der Kirche. Er hatte Jura und Theologie studiert, danach war er unter anderem Kanoniker beim Kapitel des Prager Vyšehrad. 1389 erhielt er die Stelle des Generalvikars, das bedeutete den Höhepunkt seiner Karriere. Alles verlief für ihn relativ ruhig bis zum 10. März 1393, als er die Ernennungsurkunde des Abtes in Kladruby unterschrieb. Nepomuk ahnte wahrscheinlich, dass er damit den Zorn des Königs auf sich ziehen würde. Was sich dann aber tatsächlich abspielte, war selbst für die etwas gröberen Manieren im Mittelalter eher außergewöhnlich. Der König schickte dem Erzbischof eine schriftliche Aufforderung, die später in vielen Büchern zitiert wurde. Frei übersetzt lautete sie:

„Du, Erzbischof, gib mir Roudnice und meine anderen Burgen zurück und verschwind aus meinen böhmischen Landen! Sollte dir einfallen, etwas gegen mich zu unternehmen, dann ertränke ich dich!“

Martyrium des heiligen Johannes Nepomuk, CC BY-SA 3.0
Johannes Nepomuk engagiert sich erneut in der Sache. Er empfiehlt dem Erzbischof, dem König eine Unterredung anzubieten. Die Hauptfiguren treffen sich auch tatsächlich am 18. März, man kann sich aber nicht einigen. Im Gegenteil: Der König wirft dem Erzbischof vor, er habe hinter seinem Rücken gehandelt und seine Interessen verraten. Nach dieser Auseinandersetzung flieht der Erzbischof aus Prag. Der Herrscher lässt Generalvikar Nepomuk und zwei seiner Mitarbeiter festnehmen und foltern. Laut späteren Aussagen der Beteiligten leistet er persönlich dem Henker Hilfe. Das Verhör bringt jedoch kein Ergebnis. Nepomuks Mitarbeiter werden daher freigelassen. Zuvor müssen sie aber vor einem einbestellten Notar schwören, niemals und nirgendwo über die Ereignisse zu sprechen.

Von der Karlsbrücke geworfen

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag
Nepomuk ist jedoch durch die Folterung bewusstlos, und nach einer Weile atmet er ein letztes Mal aus. Die Helfer des Henkers schnüren seinen Körper zusammen, und etwa gegen neun Uhr abends werfen sie ihn von der Karlsbrücke in die Moldau. Jiří Rak glaubt, dass König Wenzel in diesem Moment wahrscheinlich klar gewesen sein muss, dass er es übertrieben hat.

„Der Henker, der ja auch die Folter ausübte, war der am meisten verachtete Beruf. Er stand auf der niedrigsten Stufe der Gesellschaft. Da ist es äußerst ungewöhnlich, dass der König bei dieser Arbeit mithalf. Noch weniger akzeptabel war es, einen Priester zu quälen. Das entspricht jedoch dem Charakter vom Wenzel IV. Ihm geriet aber die Lage völlig außer Kontrolle. Er wollte wahrscheinlich aus dem Schatten seines Vaters heraustreten, deswegen entließ er zum Beispiel alle erfahrenen Berater aus Karls Zeit und umgab sich mit Menschen sehr zweifelhafter Natur. Auch sprach er gern dem Alkohol zu, was seine Aggressionen vielleicht noch gesteigert hat. Kurz gesagt, er galt auch unter damaligen Umständen als kontroverse Person.“

Beichte der Sophie von Bayern bei Johannes Nepomuk (Foto: Herzi Pinki, CC BY-SA 3.0)
In der Legende wird aber noch ein Grund erwähnt, warum Johannes Nepomuk ermordet wurde: Er soll es abgelehnt haben, dem König das Beichtgeheimnis seiner Gemahlin Sophia zu verraten. Sophia war die zweite Ehefrau von Wenzel – und beide Ehen waren kinderlos. Der Herrscher muss sehr bekümmert gewesen sein, keinen Nachfolger zu haben. Daher sollte er seine Ehe mit Sophia in Rom für ungültig erklären lassen und ein drittes Mal heiraten. Dazu brauchte Wenzel aber das Gutachten eines kirchlichen Würdenträgers.

Die Legende vom Beichtgeheimnis

Die Legende sagt, Sophia habe darüber mit Johannes Nepomuk als einem erfahrenen kirchlichen Juristen gesprochen. Wenzel wollte von Nepomuk den Inhalt dieses Gesprächs erfahren und folterte ihn deswegen. Doch der Priester habe sich nicht brechen lassen. Auf dieser Legende wurde später der Kult um den Märtyrer Johannes aufgebaut. Das sei aber wirklich nur eine Legende, betont Historiker Vít Vlnas von der Prager Nationalgalerie. Er hat eine Biographie über Johannes Nepomuk verfasst.

Vít Vlnas (Foto: Archiv der Prager Nationalgalerie)
„Wir wissen, dass Erzbischof Johann von Jenstein 1393 eine umfangreiche Klage gegen König Wenzel nach Rom schickte. Darin beschrieb er den Hintergrund seines Streites mit dem Herrscher und informierte auch über den Mord an seinem Generalvikar. Als Grund nannte er, dass Nepomuk den Abt in Kladruby bestätigt hatte, das Beichtgeheimnis erwähnte er nicht. Wäre nur ein leiser Verdacht gewesen, dass der König den Generalvikar zum Verrat des Beichtgeheimnisses gedrängt hätte, dann dürfte der Erzbischof dies auch erwähnt haben.“



Johannes Nepomuk (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
Der Tod von Johannes Nepomuk wird in den historischen Quellen erst deutlich später mit dem Beichtgeheimnis in Zusammenhang gebracht. Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts erwähnt dies der österreichische Chronist Thomas Ebendorf von Haselbach. Woher diese Legende stammt, das wissen die Historiker nicht. Eine mögliche Variante ist, dass die Herren des Prager Veitsdoms sie aufgebracht haben, als sie während der Hussitenkriege in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert in Breslau Zuflucht fanden. Sicher ist nur, dass diese Legende Johannes Nepomuk zu einem zweiten Leben verholfen hat: das Leben eines Märtyrers, der in der Barockzeit einer der meist geehrten Heiligen in der Habsburger Monarchie war.