Blüte der Kunst in einer Zeit der Krise: Länderübergreifende Ausstellung feiert Karl IV.
Die Ausstellung heißt schlicht Karl IV. 1316 – 1378. Ihre Eröffnung in der Prager Nationalgalerie erfolgt am 14. Mai 2016, das heißt genau am 700. Geburtstag von König und Kaiser Karl IV. Die Vorbereitung laufen aber bereits jetzt auf vollen Touren, und zwar auf internationaler Ebene. Neben der Prager Nationalgalerie sind drei Institutionen auf deutscher Seite beteiligt, darunter das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Genau dorthin zieht die Ausstellung aus der Prager Nationalgalerie im Herbst kommenden Jahres.
„Wir versuchen, der Persönlichkeit so nah zu kommen, wie es nur geht. Wir wollen ein, ich würde sagen, psychologisches Portrait von Karl IV. rekonstruieren. Karl IV. war ein Herrscher, der mit vielen Überlieferungen quasi ans Tageslicht gebracht werden kann. Die Chronisten haben uns wirklich wertvolle Zeugnisse vermittelt, mit denen wir jetzt arbeiten. Von tschechischer Seite wird er als ‚Urvater des Landes‘ bejubelt, als einer der größten Tschechen überhaupt. Auf deutscher Seite wurde Karl IV. bis vor Kurzem als ‚Stiefvater des Reiches‘ gedeutet. Wir wollen nun diese historische Persönlichkeit entmythisieren und aufgrund historischer Quellen ein Porträt erstellen. Ich würde sagen, dass die Ausstellungsbesucher an manchen Stellen vom Ergebnis überrascht sein dürften.“
Handelt es sich bei der geplanten Ausstellung nun um eine Geschichts- oder eine Kunstausstellung?„Wir wollen schon eine attraktive Kunstausstellung machen. Wir wollen aber auch Geschichten erzählen. Denn mit jedem Kunstwerk verbindet sich eine ganz tolle Geschichte. Das interessiert uns, das zieht uns an und das wollen wir auch dem Besucher vermitteln. Von daher handelt es sich schon um eine Kunstausstellung, mit den tollsten Kunstwerken, die man sich vorstellen kann. Zugleich wollen und werden wir die Kunstwerke aber in einen historischen Kontext setzen.“
Krone aus der Reliquienbüste Karls des Großen zum ersten Mal in Prag
Die Ausstellung zeigt rund 170 Schaustücke aus allen künstlerischen und kunsthandwerklichen Bereichen sowie archivalische Dokumente, die aus über hundert Museen, Kirchen- und Privatsammlungen entliehen werden. Eines der bedeutendsten Exponate ist die kostbare, mit Edelsteinen und antiken Gemmen besetzte Krone, die zur Reliquienbüste von Karl dem Großen in der Aachener Domschatzkammer gehört.
„Ich kann jetzt schon bestätigen, dass wir aus der Schatzkammer des Doms in Aachen die Krone Karls IV. bringen, mit der er sich 1349 in Aachen zum König des Heiligen Römischen Reiches krönen ließ. Damit besucht die Krone zum ersten Mal seit ihrer Herstellung sozusagen ihre Heimatstadt, denn sie wurde höchstwahrscheinlich in Prag angefertigt. Es freut uns sehr, dass wir dieses sakrale Objekt in Prag und in Nürnberg zeigen können.“
Karl IV. ließ sich mit dieser Krone über dem Grab von Karl dem Großen, dem Urvater des neuzeitlichen Heiligen Römischen Reichs zum König von Rom krönen. Anschließend verehrte er dieses kostbare Krönungskleinod symbolisch der Reliquienbüste seines Namensvetters und Schutzheiligen, die er zu diesem Anlass bei den dortigen Goldschmieden in Auftrag gegeben hatte. Karls Krone samt der Reliquienbüste Karls des Großen gehören heute zu den wertvollsten Zeugnissen der deutschen und europäischen Geschichte.
Aus Venedig hingegen werden Objekte der Goldschmiedekunst ausgeliehen. Sie stellen die enge geistige Bindung von Karls Hof an die spätantike Tradition der byzantinischen Kaiser in Konstantinopel unter Beweis. Außerdem werden technisch meisterhafte Arbeiten der venezianischen Mosaizisten von San Marco ausgestellt, die auf Einladung Karls IV. um das Jahr 1370 die großformatige Szene des Jüngsten Gerichts an der Südfassade des Veitsdoms in Prag geschaffen haben.Eine der Institutionen, die sich an der Ausarbeitung der Ausstellungskonzeption beteiligt haben, ist das Geisteswissenschaftliche Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas bei der Universität Leipzig. Christian Lübke leitet das Institut:
„Man muss dazu sagen, dass wir ein Institut sind, das sich mit diesem Ost-Mitteleuropa in einem sehr breiten zeitlichen Spektrum beschäftigt, nämlich vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart. Wir haben verschiedene Projektgruppen, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen. Aber wir haben eben auch eine kleine Abteilung von Mitarbeitern, die sich an der Vorbereitung, Konzeption und Organisation von Ausstellungen beteiligt. Und diese Mitarbeiter sind auch ständig auf der Suche nach geeigneten Kooperationspartnern und nach geeigneten Themen, um dem größeren Publikum nahezubringen, wie wir arbeiten. Wir sind besonders interessiert an solchen Themen, die über nationale Zugänge zur Geschichte hinausgehen, also Dinge, die eben nicht nur die Deutschen interessieren, sondern die Deutschen und die Tschechen und die Polen und die Ungarn, wenn sich das irgendwie machen lässt. Und der Zugang über Karl IV. bietet eine sehr gute Möglichkeit, solche übernationale Prozesse darzustellen.“
Die geplante Ausstellung soll darum nicht nur Karl IV., sondern auch die Zeit in der er lebte, darstellen.
„Natürlich kann man sich immer fragen, was ist der Sinn von solch einer Ausstellung, was ist die Botschaft über die tollen Exponate hinaus. Man muss – glaube ich – immer einen gewissen Kompromiss finden: Einerseits sind die Medien fixiert darauf, besonders wertvolle Objekte zu sehen, die sie in den Mittelpunkt ihrer Darstellung stellen können. Aber als Historiker möchte man natürlich auch eine gewisse Botschaft transportieren, und dazu eignet sich die Zeit Karls IV. besonders, weil dieses 14. Jahrhundert so interessant ist. Es ist vielfältig und vor allen Dingen kann man am 14. Jahrhundert auch darstellen, dass nicht alles, was sich in der Kunst niederschlägt, auch damals in der entsprechenden Alltagskultur so gewesen ist. Das 14. Jahrhundert gilt in der Geschichtswissenschaft als eine Zeit der Krisen. Es ist die Zeit, die von den großen Pestepidemien gekennzeichnet war. Der Schwarze Tod hat zugeschlagen und große Teile der Bevölkerung hinweggerafft, anschließend kamen Krisen in der Landwirtschaft, wobei die Bauer nicht mehr genügend Abnehmer gefunden haben, Wüstungsperioden und so weiter. Die Ausstellung ist eine sehr gute Gelegenheit, all diese verschiedenen Aspekte auch dem Publikum nahezubringen.“Nürnberg – die zweitwichtigste Residenzstadt Karls IV.
Die Ausstellung wird an zwei Orten gezeigt. Warum die Wahl neben Prag auf Nürnberg gefallen ist, erklärt Jiří Fajt:
„Es überrascht wenig, wenn man sich vor Augen führt, was diese Stadt für Karl bedeutet hat. Nürnberg war nach Prag nämlich die zweitwichtigste Residenzstadt Karls IV. Karl hat dort seine Ämter errichtet, er hat seine Hofleute in Nürnberg gehabt und er stand auch dem Stadtrat und den Patriziern in Nürnberg ganz nah. Es waren die Nürnberger Patrizier, die Karl IV. finanziell sehr stark unterstützt haben. Es ist kein Geheimnis, dass eben um die Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten Bankhäuser nördlich der Alpen entstanden. Und eben die Nürnberger waren dabei. Karl brauchte für seine Tätigkeit als Stifter und Mäzene viele Finanzmittel, die ihm auch die Nürnberger zur Verfügung gestellt haben. Also nicht nur Silber aus Kuttenberg, sondern die Hochfinanz der Nürnberger Herkunft standen im Hintergrund der Blüte der Kultur und Kunst am Kaiserhof Karls IV.“
Daniel Hess, der stellvertretende Leiter des Germanischen Nationalmuseums ergänzt:
„Nürnberg ist stark geprägt von der Kultur zur Zeit Karls IV., der eine große Rolle gespielt hat. Es sind verschiedene Episoden der Geschichte mit ihm verbunden: Die Synagoge wurde abgerissen, das Judenviertel wurde zerstört. Auch das sind Aspekte der Geschichte des 14. Jahrhunderts, die uns in Europa verbinden. Und Nürnberg wurde 1356 durch die Goldene Bulle Karls IV. zu einer der wichtigsten Städte für das Deutsche Reich. Insofern ist Nürnberg der ideale Ort in Deutschland, um sich von der Bedeutung der Kunst und Kultur in der Mitte des 14. Jahrhunderts ein Bild zu machen.“Die Ausstellung Karl IV. 1316 – 1378 wird vom Mai bis September 2016 in Prag und anschließend vom Oktober bis März in Nürnberg stattfinden.







