Böhmen-Reisen Richard Wagners

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In der nachfolgenden Touristensprechstunde erwartet Sie eine weitere musikalische Wanderung. Markéta Maurová und Olaf Barth wollen heute auf den Spuren des deutschen Komponisten Richard Wagner reisen, der sich mehrere Male in Böhmen aufhielt.

"Die fremdartige Nationalität, das gebrochene Deutsch der Bevölkerung, gewisse Kopftrachten der Frauen, der heimische Wein, die Harfenmädchen und Musikanten, endlich die überall wahrnehmbaren Merkmale des Katholizismus, die vielen Kapellen und Heiligenbilder machten mir stets einen seltsam berauschenden Eindruck."

Mit diesen Worten charakterisierte der deutsche Komponist Richard Wagner in seinem Memoirenbuch das böhmische Land. Wir wollen uns heute durch seine Feder führen lassen und Orte besuchen, die ihn beeindruckten. Wie sie erfahren werden, nimmt die nordböhmische Burg Strekov-Schreckenstein eine besondere Stellung unter diesen Orten ein. Wir wollen aber nichts vorwegnehmen. Richard Wagner hielt sich in seinem Leben etwa ein Dutzend Mal in Böhmen auf. Zum ersten Mal überschritt er die Landesgrenze schon als zweimonatiges Kind, auf dem Arm seiner Mutter, die im nordböhmischen Badeort Teplitz, im Haus "Zu den drei Fasanen" Unterkunft fand. Auch Richard weilte am häufigsten in Teplitz, mehrere Male traf er aber auch in Prag ein. Andere Reisen führten ihn nach Marienbad und an andere Orte. Eine besondere Vorliebe entwickelte sich bei Wagner für das Böhmische Mittelgebirge, eine romantische Landschaft, die das Tal der Elbe sowie kegelförmige vulkanische Hügel prägen.

Die Aufenthalte in Böhmen fanden auch in Wagners Memoirenbuch "Mein Leben" ihren Platz. So können wir in den Notizen zum Jahre 1826, in dem der Komponist sein 13. Lebensjahr erreichte, folgendes lesen:

"Am mächtigsten wirkte aber in diesem Jahre der Entfernung von meiner Familie ein kurzer Besuch, den ich derselben in Prag abstattete. Es war im vollen Winter, als meine Mutter in Dresden ankam und mich auf acht Tage mit sich nahm. Das Reisen mit der Mutter war von ganz besonderer Art; sie zog bis an ihr Lebensende dem schnelleren Reisen mit der Post die abenteuerlichere Fahrt mit dem Lohnkutscher vor. Von Dresden nach Prag waren wir in großer Kälte drei volle Tage unterwegs. Die Fahrt über das böhmische Gebirge schien oft mit völligen Gefahren verbunden, und nach glücklicher Überstehung der aufregendsten Abenteuer kamen wir endlich in Prag an, wo ich mich plötzlich in ein ganz neues Element versetzt fühlte. Lange Zeit hindurch hat der Besuch Böhmens und namentlich Prags von Sachsen aus auf mich einen völlig poetischen Zauber ausgeübt. Die fremdartige Nationalität, das gebrochene Deutsch der Bevölkerung, gewisse Kopftrachten der Frauen, der heimische Wein, die Harfenmädchen und Musikanten, endlich die überall wahrnehmbaren Merkmale des Katholizismus, die vielen Kapellen und Heiligenbilder machten mir stets einen seltsam berauschenden Eindruck, der vielleicht an die Bedeutung sich anknüpfte, welche bei mir der bürgerlichen Lebensgewohnheit gegenüber das Theatralische gewonnen hatte. Vor allem übte die altertümliche Pracht und Schönheit der unvergleichlichen Stadt Prag auf meine Phantasie einen unerlöschlichen Eindruck."

Schon im darauffolgenden Jahr begab sich Richard Wagner, damals 14 Jahre alt, erneut nach Prag. Diesmal ohne Mutter und überwiegend zu Fuß, da er nicht genug Geld für ein Fuhrwerk hatte.

"Im folgenden Frühjahr 1827 wiederholte ich von Dresden aus einen Besuch in Prag, diesmal aber zu Fuß und in Begleitung meines Genossen Rudolf Böhme. Die Reise war voller Abenteuer; noch eine Stunde Weges vor Teplitz, bis wohin wir am ersten Abend gelangten, mußten wir andern Tages, da wir uns die Füße wund gegangen hatten, auf einem Fuhrwerk uns weiterbefördern lassen, jedoch nur bis Lobositz, weil von nun an das Geld uns vollständig ausging. In glühender Sonnenhitze, halb verschmachtend und mit hungerndem Magen wandernd, durchstreiften wir auf Seitenwegen das wildfremde Land... "

Die Reise der beiden jungen Freunde war recht anstrengend. Das Erlebnis, das ein Blick auf Prag kurz vor dem Ziel bot, belohnte jedoch jede Mühe: Der Rest der Wanderung habe die jungen Glieder noch große Mühen gekostet. Unbeschreiblich sei die Freude bei dem langersehnten Anblick Prags von einer Anhöhe - ca. eine Stunde von der Stadt entfernt - gewesen, lesen wir in Wagners Memoiren.

Am wichtigsten war jedoch Wagners Besuch im Jahre 1842, als der Komponist den Entwurf zur Oper über Tannhäuser, damals noch unter dem Namen "Venusberg" im Kopf trug. An einem Mai-Tag führe ihn ein Ausflug zum Elbe-Ufer, über dem die Burgruine des Schreckensteins emporstieg, die sich beim Komponisten mit dem unvergesslichen Bild der mächtigen Wartburg verknüpfte. Wagner machte sich zu einer mehrtägigen Fußwanderung in das böhmische Gebirge auf, um seinen Plan vom "Venusberg", unter den angenehmen Eindrücken eines solchen Ausfluges in sich gedeihen zu lassen.

"Hierzu reizte es mich auf dem so romantisch gelegenen Schreckenstein bei Aussig, wo ich für mehrere Tage in dem kleinen Gastzimmer, in welchem des Nachts mir eine Streu aufgemacht wurde, mein Quartier nahm. Tägliche Besteigung der Wostrai, der höchsten Bergspitze der Umgegend, erfrischten mich, und die phantastische Einsamkeit regte meinen Jugendmut in der Art wieder auf, daß ich eine volle Mondnacht, in das bloße Bettuch gewickelt, auf den Ruinen des Schreckensteins herumkletterte, um mir so selbst zur fehlenden Gespenstererscheinung zu werden, wobei mich der Gedanke ergötzte, von irgend jemand mit Grausen wahrgenommen zu werden. Hier setzte ich denn nun in mein Taschenbuch den ausführlichen Plan zu einer dreiaktigen Oper "Der Venusberg" auf, welchem vollkommen getreu ich später die Dichtung ausführte."

Die Halle auf der Wartburg. Tannhäuser und Elisabeth gestehen in einem Duett ihre Liebe für einander. Während Tannhäuser sich entfernt, naht der Landgraf, um gemeinsam mit seiner Nichte Elisabeth die zum Sängerwettstreit geladenen Gäste zu empfangen. Trompetensignale hinter der Szene verkünden ihre Ankunft. Mit den Klängen des bekannten festlichen Einzugsmarsches betreten die Ritter und Damen Thüringens die Halle. Landgraf Hermann eröffnet den Sängerwettstreit: Wer am besten das Wesen der Liebe ergründe, dem solle Elisabeth den Preis reichen. Gerade zu dieser wohl bekanntesten Szene aus dem 2. Akt der Oper fand Richard Wagner während seiner Wanderung im Jahre 1842 eine direkte Inspiration.

"Bei einer Ersteigung der Wostrai überraschte mich beim Umbiegen um eine Talecke die lustige Tanzweise, welche ein Hirt, auf eine Anhöhe gelagert, pfiff. Ich befand mich sogleich im Chor der Pilger, welche an dem Hirten vorbei durch das Tal ziehen, vermochte es aber in keiner Art, später die Weise des Hirten mir zurückzurufen, weshalb ich mir dafür auf die bekannte Art selbst zu helfen hatte."

An den Aufenthalt des Komponisten erinnert heute eine Gedenktafel am Burgeingang. Richard Wagner war aber nicht der erste und einzige Künstler, den Schreckenstein mit seiner Lage und Atmosphäre entzückte. Diese Burg spielte als eine Wachtfestung über einem wichtigen Handelsweg des Mittelalters eine bedeutende Rolle. Sie diente noch im 18. Jahrhundert den militärischen Zwecken, Ende des Jahrhunderts war sie aber schon eine Ruine. Dies war aber keineswegs das Ende ihres Ruhmes, wie es hätte scheinen können. Zur selben Zeit begann die Burg nämlich die Aufmerksamkeit der Wanderer und Künstler auf sich zu ziehen. Die Romantik des 19. Jahrhunderts konnte die herrliche Lage und die umliegende Szenerie mit dem Elbe-Fluss bewerten und die Burg wurde immer mehr Ziel zahlreicher Besucher.

Der tschechische Romantik-Dichter Karel Hynek Mácha besuchte einige Male Schreckenstein und der deutsche Poet Theodor Körner fand dort Inspiration zu mehreren Gedichten. Das damalige Aussehen Schreckensteins erfassten auch zahlreiche Zeichner und Maler, wie etwa der Dresdner Maler Ludwig Adrian Richter und Ernst Gustav Doerell.

Die Burgruine wurde infolge des Interesses der Wanderer einige Male umfangreichen Baumaßnahmen unterzogen, die sie vor der Vernichtung retteten. Dank dieser Bauarbeiten sind bis heute ein 17 Meter hoher zylindrischer Turm, der Burgpalast auf dem oberen Burghof, Überreste eines Erkerzimmers und des Verbindungsflügels, ein Teil des Palastes mit der angeblichen Kapelle sowie Überreste der Befestigungsmauern auf der höchsten Burgebene erhalten geblieben. Auf dem unteren Burghof stehen bis heute zwei Wachtürme, ein Gebäude mit dem sog. Rittersaal sowie das Gebäude, das im 19. Jahrhundert in eine Gaststätte verwandelt wurde. Die Burg kann daher bis heute Wanderer und Touristen zu Besuch einladen.

Autor: Olaf Barth
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