Brauner Tourismus im böhmischen Grenzgebiet

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Neonazismus, Rechtsradikalismus, rassistische Gewalt - diese Begriffe sind seit den frühen Neunziger Jahren zum festen Bestandteil der gesellschaftlichen Realität in der Tschechischen Republik geworden. Tschechien ist neben Ungarn das Land mit der stärksten Neonaziszene Osteuropas. Die deutschen Behörden beunruhigt außerdem ein anderes Phänomen: Tschechien ist für Neonazis aus Deutschland nicht nur ein attraktiver Umschlagplatz für verbotene Musik-CDs, illegales Propagandamaterial und militärische Ausrüstung - sondern immer öfter auch ein beliebter Austragungsort für Rockkonzerte. Anne Lemhöfer berichtet über den braunen Tourismus im Grenzgebiet.

Ihre Musik ist laut und schnell. In ihren Texten verehren sie Hitler, die Wehrmacht, das dritte Reich, sie predigen Hass gegen Ausländer und Andersdenkende. Sie nennen sich "Kraftschlag", "Endstufe" oder "Weiße Wölfe". Rechtsradikale Musikgruppen sind nicht nur in Deutschland der Dreh- und Angelpunkt der Neonaziszene. Nach einem Bericht des deutschen Verfassungsschutzes sind die Konzerte rechter Skinheadgruppen "der Treffpunkt der Szene, weil sie ein Gefühl der Gemeinschaft und Stärke erzeugen."

Wegen ihres rassistischen und ausländerfeindlichen Inhalts steht die Musik zahlreicher Gruppen in Deutschland auf dem Index. Es ist deutlich schwieriger für die braune Szene geworden, die rechte Skinhead-Gemeinde zu Konzerten zu versammeln. Immer öfter ist nun folgendes Phänomen zu beobachten: Deutsche Skinheads verlagern ihre Konzerte nach West- oder Nordböhmen und bringen ihre rechten Fans dorthin mit.

Pavel Valenta, Pressesprecher der Polizei im Kreis Karlovy Vary, berichtet vom deutschen Fascho-Tourismus ins Nachbarland:

"Im Kreis Karlsbad haben wir in den vergangenen zwei Jahren acht solcher Konzerte registriert. Die Aufklärungsquote ist sehr gering, weil es sehr schwierig ist, herauszufinden, wo Neonazi-Konzerte stattfinden. Meist sind es Gaststätten auf dem Land, außerhalb der großen Städte. Oft buchen die Veranstalter mehrere Lokale, nicht selten ohne die Zustimmung der Betreiber. Erst wenige Stunden vor dem Konzert verbreitet sich über Handys oder das Internet die Nachricht in der rechten Szene, wo das Konzert tatsächlich stattfindet. In diesem Zusammenhang arbeiten wir eng mit der deutschen Polizei zusammen, was sehr gut funktioniert und verschiedene Maßnahmen an Grenzübergängen umfasst. Doch nicht nur zu Konzerten, auch um sich zu treffen, kommen Gruppen deutscher Neonazis nach Tschechien."

Das Phänomen ist beidseits der Grenze bekannt. Die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den tschechischen Polizeibehörden funktioniert gut - das bestätigt auch Silke Specht, die Pressesprecherin des Landeskriminalamts Sachsen. Sie berichtet von einem Fall:

"Einmal erfolgte eine Direktinformation über die Polizeidirektion in Aue, auf Anfrage der zuständigen tschechischen Behörden zu einem Konzert in Horni Blatna, das ist im Kreis Karlovy Vary. Das Konzert soll in einem Hotel "Zum Blauen Stern" stattgefunden haben. Die Zusammenarbeit zwischen tschechischer und deutscher Polizei erfolgt im Wesentlichen im Informationsaustausch in Folge von Auskunftsersuchen, vorwiegend über das Bundeskriminalamt. Teilweise geschieht dies aber auch im so genannten "kleinen Grenzverkehr" zwischen den Polizeidienststellen, die direkt im Grenzbereich liegen."