Corona-Pandemie und verdeckte Armut in Tschechien

Illustrationsfoto: Soňa Daňková, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Bisher sind die Arbeitslosenzahlen in Tschechen trotz Corona-Pandemie noch relativ niedrig. Im Stillen aber spielen sich Dramen ab, denn viele Menschen hierzulande sind sozial abgerutscht. Sie kommen nicht mehr mit den eigenen Einnahmen über die Runden. Dies zeigen das Forschungsprojekt „Leben in der Pandemie“ und die zahlreichen Gespräche mit Betroffenen, die die Journalistin und Publizistin Apolena Rychlíková für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks geführt hat. Wir haben für Sie die Erkenntnisse zusammengefasst.

Illustrationsfoto: Michaela Danelová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Es sind Menschen wie Lenka aus dem nordböhmischen Ústí nad Labem / Aussig an der Elbe. Sie ist alleinerziehend mit einem dreijährigen Sohn. Gelernt hat sie Kellnerin. Die letzten Jahre bediente Lenka nachts in einer Bar, um tagsüber für ihren Sohn da sein zu können…

„Als die Pandemie kam, wurde die Bar, in der ich gearbeitet habe, praktisch als Erstes geschlossen. Danach war ich erst einmal einen Monat zu Hause, habe dann aber eine zeitweilige Arbeit im Lager einer Drogerie gefunden. Da habe ich im Monat nur 10.000 Kronen verdient, meine ständigen Ausgaben liegen aber doppelt so hoch – allein für die Wohnung und weitere grundlegende Dinge, plus Essen“, so Lenka.

Foto: Miloslav Hamřík,  Pixabay / CC0

10.000 Kronen netto entsprechen gerade einmal 385 Euro. Ein bisschen finanzielle Unterstützung bekam Lenka von ihrer Mutter. Staatliche Hilfe wurde ihr verweigert. Und so droht, dass die junge Mutter schon mit einer zweiten Monatsmiete in Rückstand gerät.

Die Journalistin Apolena Rychlíková hat für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks die alleinerziehende Mutter aus Ústí nad Labem interviewt. Sie sagt, Leute wie ihre Gesprächspartnerin fühlten sich vom tschechischen Staat mit ihren Problemen alleingelassen:

Apolena Rychlíková | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

„Dieser Frau wurde auf dem Arbeitsamt gesagt, sie solle sich einen Sponsor suchen. Sie war dann abhängig von der Tafel, weil ihr Geld nicht mehr fürs Essen gereicht hat. Ihre Erklärung dafür lautete, sie habe seit ihrem 15. Lebensjahr in der Gastronomie gearbeitet und kenne nur Menschen aus genau diesem Bereich. Und allen würde es gleich schlecht gehen, niemand könne ihr helfen. Dieser Kommentar zeigt, wie sich Menschen in einer solchen Lage fühlen.“

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Gerade in der Gastronomie und auch in Dienstleistungsbetrieben arbeiten hierzulande traditionell viele Arbeitnehmer ohne festen Vertrag. Sie haben stattdessen Zeitverträge beziehungsweise sind scheinselbständig. Der Soziologe Daniel Prokop vom Meinungsforschungsinstitut PAQ Research hat mitgearbeitet an dem Projekt „Leben in der Pandemie“ und führt weiter aus:

Daniel Prokop  (Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Viele Menschen, die als Solo-Selbständige gearbeitet haben, sagen uns, dass sie sich nicht beim Arbeitsamt gemeldet haben. Die beiden Gründe sind, dass sie entweder keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben oder ihr Gehalt so gering war, dass sich für sie die Hilfe des Staates nicht lohnt. Das heißt, eine gar nicht so geringe Zahl von Menschen hat sich lieber Saisonarbeit gesucht. Sie sind also nicht arbeitslos geworden, dafür aber zum Teil in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgerutscht. Oder sie können nicht mehr die Nebenjobs machen, die sie ansonsten finanziell über Wasser gehalten haben. Laut unseren Daten betrifft diese verdeckte Armut etwa 13 Prozent der Beschäftigten.“

Auch der frühere Koch Tomáš schildert seine Lage und die seiner Kollegen. Er war vor der Krise in einem Restaurant in Prag beschäftigt:

Illustrationsfoto: Pexels,  Pixabay / CC0

„Ich hatte nur einen Vertrag in Höhe des Minimallohns. Dazu kamen aber drei Zeitverträge. Als ich meine Arbeit verlor, hätte ich nur 60 Prozent des Minimallohns bekommen. Deswegen habe ich lieber den Sektor verlassen. Aber gerade meine Kollegen mit Kindern arbeiten weiter im Straßenverkauf des Restaurants und schuften zusätzlich noch in einer Fleischerei oder fahren für einen Online-Lebensmittelhandel aus. Ich habe gleich gesagt, dass ich das den Leuten mit Kindern überlasse, und habe mir etwas anderes gesucht.“

Letztlich ist Tomáš in der Gärtnerei eines Freundes untergekommen. Ebenso schlecht ist die Lage für die Beschäftigten im Bereich Tourismus. Und das ganz besonders in Prag, denn der Fremdenverkehr in der tschechischen Hauptstadt lebt eigentlich von den Besuchern aus dem Ausland – die aber seit einem Jahr kaum noch in die Stadt kommen. Andrej, Vater zweier Kinder, hat deswegen seine Arbeit verloren.

Illustrationsfoto: Gerry Popplestone,  CC BY-NC-ND 2.0

„Meine Frau ist ebenfalls während der ersten Corona-Welle arbeitslos geworden. Plötzlich standen wir beide ohne Verdienst da. Zum Glück kann meine Frau seit Oktober als Lehrerin unterrichten. Aber seitdem müssen wir nur noch mit einem einzigen Lohn auskommen. Wir haben schon vorher ein eher spartanisches Leben geführt, konnten aber unseren Kindern wenigstens das Nötigste bieten. Die Corona-Krise hat da ziemlich reingeschlagen. Einkaufen geht eigentlich nur noch, wenn es Rabatt gibt. Man muss sich genau überlegen, was man sich noch leisten kann und was nicht. Diese Unsicherheit, wenn man keine Arbeit hat, aber Kinder versorgen muss, ist unglaublich belastend“, sagt Andrej.

Und das ist eine weitere Erkenntnis: Viele Beschäftigte, die schon in normalen Zeiten keine großen Sprünge machen konnten, kämpfen angesichts der Lage zusätzlich mit psychischen Problemen.

Nicht in den Statistiken erfasst

Lucie Trlifajová  (Foto: Michaela Danelová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

In den offiziellen Statistiken kommen diese Menschen aber häufig gar nicht vor. Lucie Trlifajová ist Sozialanthropologin beim Zentrum für soziale Fragen in Prag:

„Die Pandemie hat ganz entscheidend ein Licht geworfen auf den Teil der Gesellschaft, über den normalerweise nicht im Zusammenhang mit sozialen Problemen gesprochen wird. Das sind Menschen mit niedrigen Einkünften aus zum Teil unterschiedlichen Quellen. Das müssen keine Löhne sein, sondern es kann sich auch um Elterngeld oder die Rente handeln, plus weitere Bezüge. Oder man arbeitet als Selbständiger auf Honorarbasis ohne Einkommensgarantie. Andere wiederum sind schwarz beschäftigt. Solche Fälle tauchen nicht in den Armuts-Statistiken auf. Hinzukommt, dass diese Leute bisher meist keine Sozialleistungen des Staates in Anspruch genommen haben. Und bei diesen beobachten wir jetzt in der Pandemie den negativen Effekt niedriger Löhne und der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen. Darüber wurde bei uns bisher nur in geringem Maße diskutiert.“

Karel Dvořák  (Foto: Archiv des Diözesan-Caritasverbands für das Bistum Brno)

Dass solche Menschen derzeit durch alle Raster fallen, lässt sich an anderer Stelle sehen. Zum Beispiel bei den Tafeln und an den Essensausgaben überall im Land. Im südmährischen Znojmo / Znaim zum Beispiel stehen normalerweise nur einige wenige Menschen an, um bei der Caritas eine heiße Suppe und ein Stück Brot zu bekommen. Mittlerweile sind es aber bis zu 40 Bedürftige am Tag. Karel Dvořák leitet die Hilfe für Menschen in Notlagen bei der Caritas:

„Es kommen Leute aus Obdachlosenheimen her, aber auch aus weiteren Notunterkünften. Sie sind früher zum Schwarzarbeiten nach Österreich gefahren und haben jetzt gar nichts mehr.“

Illustrationsfoto: Michal Husák,  Pixabay / CC0

In den vergangenen Monaten sei zudem der Anteil der Eltern oder Alleinerziehenden unter den Klienten gestiegen, ergänzt Dvořák. Das heißt, häufig leiden auch noch Kinder mit an der schweren Lage. Dabei sind besonders alleinerziehende Mütter wie die Kellnerin Lenka aus Ústí nad Labem gefährdet. Denn die Pandemie trifft die Geschlechter unterschiedlich stark, wie Journalistin Apolena Rychlíková betont:

„Das erklärt sich allein schon deswegen, weil Frauen teils deutlich weniger verdienen. Sie arbeiten häufig in Berufen, die gesellschaftlich unterbewertet sind. Dazu gehören etwa Krankenschwestern, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen oder Angestellte im einfachen Dienst. Überall dort sind die Löhne sehr gering. In der Altenpflege liegen sie auf dem Niveau des Mindestlohns. Da zeigt sich dann auch, wie wenige Frauen hierzulande bessere Positionen innehaben.“

Foto: Engin Akyurt,  Pixabay,  CC0

Eine positive Erkenntnis hat Rychlíková allerdings bei ihren Recherchen gewonnen: Keiner ihrer Gesprächspartner hat Corona geleugnet oder bagatellisiert. Das habe sie angenehm überrascht, so die Journalistin.

Autoren: Till Janzer , Apolena Rychlíková
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