Der Kampf um den Rundfunk

Das Rundfunkgebäude im Mai 1945
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Unsere heutige Sendung steht ganz im Zeichen des 60. Jahrestages des Kriegsendes im Mai 1945. Zunächst blickt Katrin Bock auf die Rolle, die der tschechische Rundfunk während des Prager Aufstands spielte.

Gedenkstunde zum Maiaufstand 1945
"Wir rufen die tschechische Armee und Gendarmerie. Kommt sofort zum tschechischen Rundfunk, kommt uns zur Hilfe. Kommt uns sofort zur Hilfe. Wir rufen alle Tschechen."

Mit diesem Aufruf begann am 5. Mai 1945 um 12 Uhr 33 in Prag der bewaffnete Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Die Lage der Aufständischen war zu Beginn ungewiss: man hatte keine genauen Informationen über den Vormarsch der Roten und der amerikanischen Armee, die von Osten und Westen das Land befreiten. In Mittelböhmen befanden sich zudem immerhin noch schätzungsweise eine Millionen Wehrmachtssoldaten. Vier Tage dauerten die Kämpfe auf den Prager Strassen, bei denen an die 1700 Tschechen starben. An sie erinnern noch heute kleine Gedenktafeln überall in der Stadt. Aber auch rund 900 deutsche und über 500 russische Soldaten ließen in jenen Maitagen vor 60 Jahren in Prag ihr Leben. Während des Aufstands spielte der Rundfunk eine große Rolle. Er gab nicht nur das Signal für dessen Beginn, sondern informierte auch das In- und Ausland über das Geschehen in Prag. Den Technikern und Reportern gelang es, trotz Kämpfe und anderer Schwierigkeiten die Sendungen aufrechtzuerhalten, was von enormer moralischer Bedeutung für die tschechische Bevölkerung war. Die Leistung der Rundfunkangestellten war im besetzten Europa einmalig: während keines anderen Aufstands gegen die deutschen Okkupanten sendete ein Radio ununterbrochen Informationen der Aufständischen.

 Das Rundfunkgebäude im Mai 1945
Die Vorbereitungen für einen Aufstand gegen die deutschen Besatzer begannen im Rundfunk bereits im Herbst 1944. Einer der Techniker erinnert sich in einer Rundfunkaufnahme von 1960 an diese:

"Seit 1944 vergaßen unsere Techniker immer etwas von ihrer Ausrüstung bei Orgelkonzerten, die aus der Hus-Kirche in den Prager Weinbergen übertragen wurden: mal ein Mikrophon, mal Kabel, mal Stecker. So sammelte sich mit der Zeit das nötige Zubehör für ein Ersatzstudio an, das funktionieren würde, sollte es nicht möglich sein, vom Hauptgebäude zu senden."

Ende April 1945 traten die Vorbereitungen für einen Aufstand in die letzte Phase, längst war der Rundfunk in die Pläne des militärischen Widerstands eingezogen - man rechnete mit seiner Besatzung durch tschechische Polizisten. Deren Leiter wurde Anfang Mai 1945 in das Hauptgebäude eingeschmuggelt, um dieses zu besichtigen, zudem wurde ein genauer Plan der verwirrenden Gänge und Treppenhäuser gezeichnet. Wer das Innere des Rundfunksgebäudes mit seinen verwinkelten Gänge, Nischen, Treppenhäusern und Studios kennt, der weiß, wie wichtig solche Vorbereitungen waren.

 Die Toten an der Ecke des Rundfunkgebäudes
Aber auch die deutsche Seite bereitete sich auf einen bevorstehenden Kampf um den Rundfunk vor: die Wachen wurden verstärkt, Stacheldraht umgab das Gebäude, in dem überall Sprengstoff deponiert wurde. Am 4. Mai besetzten Deutsche alle technisch wichtigen Standorte, um mögliche Sabotage zu verhindern. Ein Techniker erinnert sich in einer Aufnahme von 1960 an die Atmosphäre jener Tage:

" Als ich am 4. Mai den Dienst antrat, war schon zu spüren, dass etwas in der Luft lag. Am 5. Mai morgens gegen sechs Uhr haben wir dann begonnen, die deutschen Beschriftungen im Gebäude zu entfernen."

Am frühen Morgen des 5. Mai begann der Sprecher Zdenek Mancal die Sendung mit seiner in die tschechischen Geschichtsbücher eingegangenen Begrüßung:

"Je sechs hodin"

Von nun an sendete der Prager Rundfunk nur tschechisch. Dazu wurden bis dahin verbotene tschechische Lieder gespielt. Die Polizisten, die den Rundfunk erobern sollten, bekamen ihre Befehle, wie sich einer von ihnen, Karel Trachta in einer Rundfunksendung von 1960 erinnert:

".Ich war Mitglied in der Polizeieinheit, die als erste beim Rundfunk eintraf. Gegen halb zehn haben wir die Nachricht erhalten, dass wir den Rundfunk besetzen sollen. Als wir eintrafen, standen SS-Männer vor dem Eingang, einen von ihnen erschossen wir. Zehn von uns gelang es dann, in die Eingangshalle zu kommen, wo SS-Männer auf uns schossen. Der hinter mir, Svoboda hieß er, wurde direkt ins Herz getroffen - er war der erste, der im Kampf um den Rundfunk fiel."

Während in und um das Haus gekämpft wurde, sendete der Rundfunk ununterbrochen Hilferufe:

"Wir bitten die tschechische Polizei, wir rufen die tschechische Armee, wir rufen alle Tschechen, kommt dem Rundfunk zur Hilfe. Kommt so schnell ihr könnt. Wir rufen die tschechische Gendarmerie, Regierungstruppen, alles, was tschechisch ist, kommt zum Rundfunkgebäude. Die SS schießt auf Tschechen."

 Rekonstruktion des Kampfes um den Rundfunk
Bereits nach dem ersten Hilferuf von 12 Uhr 33 kamen Hunderte von Freiwilligen zum Rundfunk. Die damalige Situation beschrieb ein Techniker wie folgt:

"Im Erdgeschoss waren unsere Polizisten, im 1. und 2. Stock die Deutschen, im 4. und 5. Stock wieder Tschechen. Die Deutschen waren auch in einer nahen Schule, von der sie die gesamte Balbin-Strasse neben dem Rundfunk unter Beschuss hatten. Unseren kamen immer mehr Leute zur Hilfe, die über das Dach, über den Seiteneingang und durch ein Mauerloch zu einem Nachbarhaus in das Rundfunkgebäude gelangten."

Nach ca. fünf Stunden war die Schlacht im Sendehaus entschieden: die Deutschen ergaben sich gegen 18 Uhr.

Das Rundfunkgebäude war zwar in den Händen der Tschechen, doch die endgültige Schlacht noch nicht gewonnen. Überall in Prag wurde gekämpft und Barrikaden gebaut. Die Rundfunktechniker hatten ein anderes Problem zu lösen: die Aufrechterhaltung der Sendungen. Der Sender Liblice hatte zwar die ersten Hilferufe der Aufständischen gesendet, doch schon bald waren seiner deutschen Besatzung die tschechischen Meldungen suspekt, so dass sie diese einstellten. Noch am 5. Mai gelang es aber die Telefonzentrale in Prag zu besetzen sowie den kleinen Sender in Prag Strasnice. Von hier wurden die revolutionären Sendungen fast ununterbrochen bis zum 9. Mai auf der legendären Welle 415m übermittelt. Die Kämpfe um das Sendehaus gingen weiter. Ein Angestellter erinnert sich in einer Aufnahme von 1960:

 Rekonstruktion des Kampfes um den Rundfunk  (Foto: CTK)
"Noch am Sonntag, den 6. Mai, wurde hier alles beschossen und dann traf gegen 17 Uhr 30 ein Lufttorpedo das Gebäude. Es flog durch alle Stockwerke bis in den Keller, wo es explodierte. Ich war im Studio, als die Bombe nur zwei, drei Meter neben mir vorbei flog - ich habe all die Getroffenen und Verletzten gesehen."

Das Hauptgebäude war so stark beschädigt, dass die Sendungen eingestellt werden mussten. Nach 80 Minuten meldete sich der Prager Rundfunk jedoch wieder im Äther. Die Techniker beim Sender Strasnice hatten ein provisorisches Studio eingerichtet, aus dem sie nun über die Lage berichteten. Informationen erhielten sie per Telefon. Die einzige Platte - einen Marsch des von den Okkupanten verbotenen Turnverbands Sokol, die sie von Nachbarn erhalten hatten, wurde zum Symbol des Kampfes:

 Rekonstruktion des Kampfes um den Rundfunk  (Foto: CTK)
Nach ca. 24 Stunden übernahm das bereits erwähnte provisorische Studio in der Hus-Kirche in den Prager Weinbergen. Von hier sendete man nun bis Kriegsende. Das Hauptgebäude in der damaligen Schwerinstr., der heutigen Vinohradska, wurde jedoch weiterhin von den Deutschen beschossen, da diese hier noch immer das Sendestudio vermuteten.

Am 6. Mai gegen 2 Uhr morgens begannen zwei provisorische, auf der Letna-Höhe in Prag installierte Kurzwellensender das Ausland über die Geschehnisse in Prag zu informieren. Die BBC übernahm damals die Nachrichten über den Beginn des Prager Aufstands. Außerdem wurden auf russisch und englisch die alliierten Armeen um Hilfe für das kämpfende Prag gebeten. Nach dem Bombentreffer auf das Hauptgebäude am 6. Mai, gelang es nicht mehr, die Kurzwellensendungen wieder herzustellen.

Am 8. Mai gelangten die großen Sendeanlagen in Liblice, Melnik und Podebrady in die Hände der Aufständischen. An jenem Tag hörten die tschechischen Zuhörer die Nachricht von der deutschen Kapitulation. In Prag wurde jedoch noch weiter gekämpft.

"Sowjetische Panzer schlagen den letzten deutschen Widerstand nieder und nähern sich schnell dem Prager Zentrum. Die Bevölkerung bereitet ihre Begrüßung vor."

Gegen 8 Uhr morgens am 9. Mai 1945 verkündete der Rundfunk den Einzug der Roten Armee in Prag - der Krieg war nun auch in Prag zu Ende.