Der Mann, der Bäume pflanzt

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Der Mann, der Bäume pflanzte - so lautet der Titel des zarten Buches des französischen Schriftstellers Jean Giono, das auch verfilmt wurde. Es erzählt von einem Menschen, der das Pflanzen von Bäumen an den öden Berghängen als sein Lebensziel wählt. Ähnliches lässt sich auch von einem unserer Hörer erzählen, der uns vor kurzem einen Brief zukommen ließ. Diese Geschichte des Mannes, der Bäume pflanzt, haben wir für eine neue Ausgabe unserer Sendereihe „Panorama CZ“ aufgezeichnet.

Dorf Jezvé (Foto: Google Maps)
Der Garten von Rudolf Zahrádka im Dorf Jezvé bei Česká Lípa ist in keinem Reiseführer, auf keiner Webseite und auch auf keinem Werbeplakat zu finden. Trotzdem kommen viele Leute von nah und fern, um den Garten zu bewundern. Das rund einen Hektar große Grundstück liegt am Rande des Dorfes und zieht sich bis zum Flüsschen Ploučnice hin. Es erinnert an einen kleinen botanischen Garten. Dabei gibt es hier weder Exotik zu bewundern noch einen englischen Rasen. Zu finden sind dort vielmehr Fichten, Kiefern, Birken, Eichen, Beerensträucher und Waldkräuter. Insgesamt sind sie ein Abbild unserer Natur im Kleinformat. Und jeder Baum hat auch seine persönliche Geschichte.

„Alle diese Bäume, die sie hier sehen können, haben wir selbst gepflanzt: ich, meine Ehefrau und unsere drei Kinder. Sie sind überwiegend aus Samen entsprungen, nur ab und zu haben wir auch ein kleines Bäumchen von irgendwo, wo es nicht mehr wachsen konnte, hier hergebracht. Hier stehen wir zum Beispiel bei meinem Liebling: eine 52 Jahre alte Eiche, die so mächtig wurde, weil ich die Eichel unabsichtlich in einen ehemaligen Misthaufen gesetzt hatte. Und daneben? Meine Ehefrau sagte mir einst: Du pflanzt verschiedene Baumarten, aber ich möchte einen Birkenhag. Ich habe ihr also diesen Birkenhag angelegt. Und schauen sie: Die Bäume sind bereits fast 20 Meter hoch“, erzählt Rudolf Zahrádka.

Der Familienname Zahrádka bedeutet auf Deutsch „Gärtchen“. Kein Wunder, dass sein Träger seit seiner Kindheit schon Bäume pflanzt. Rudolf Zahrádkas Mutter arbeitete im Wald, er brachte ihr und anderen Frauen die Jause und half bei der Arbeit. Die Handwerkskunst lernte er bei seinem Großvater, der professioneller Gärtner war. Weil die Familie aber unter Geldmangel litt, war es ihm nicht möglich, Förster zu werden. Der Liebe zu den Bäumen ist Zahrádka aber treu geblieben. Dies half ihm vor allem in der schweren Zeit, als er aus dem kommunistischen Gefängnis entlassen wurde, sein Leben weiterzuführen.

„Auf dem Prager Hradschin, unter dem Loretto, wurde ich verhaftet. Man schrieb das Jahr 1948, das kommunistische Regime war gerade angetreten. Es war schrecklich, wir waren 18 Leute in einem winzigen Raum, zu Essen bekamen wir verdorbenes Kraut mit verdorbenen Kartoffeln. Täglich wurden wir geschlagen, vier Tage lang hatte ich sogar 18 Kilo schwere Eisenketten an den Händen und Füßen. Nach meiner Verurteilung verbrachte ich mehrere Jahre im Arbeitslager. Und als ich frei gelassen wurde, ging ich schnurstracks in den Wald und umarmte einen Baum. Dort fühlte ich mich geborgen, dort schrie mich niemand an.“

Nachdem Rudolf Zahrádka mit 30 Jahren geheiratet hatte, legte er mit seiner Frau den Baumgarten an. Die Verfolgung hörte jedoch nicht auf. Den hiesigen Kommunisten waren selbst die Bäume Dornen im Auge. Sechsmal rissen sie die Weidenruten heraus, die Herr Zahrádka mit seinem Sohn am Ufer eingesetzt hatte.

„Mein Sohn Vašek weinte, er war damals etwa drei Jahre alt. Ich tröstete ihn: ´Keine Angst, sie werden nicht durchhalten können, wir aber schon.´ Und wirklich, beim siebten Mal ließen sie die Ruten in Ruhe. Heute sind daraus große Bäume geworden. Das war aber nicht alles: Einmal kam ich aus dem Krankenhaus nach Hause und traf den Bürgermeister, zwei Frauen aus dem Parteikomitee und einen Mann mit einer Motorsäge. Zwei Eschen waren schon gefällt. Ich nahm die Axt, zerhackte die Säge und rief die Polizei an. Es kamen zwei Polizisten und verboten den Holzschlag. Die Leute mussten weg. Ein paar Wochen später begegnete mir der Bürgermeister und schrie mich an: ´Ich werde Sie noch zwingen, diese Schweinerei zu beseitigen! In den Gärten dürfen nur Blumen oder Gemüse wachsen!´ Dann aber kam die Wende. Wir haben jetzt einen neuen Bürgermeister, einen anständigen und herzensguten Mann. Er hat mich sogar persönlich besucht und gesagt, er danke mir, dass ich hier solch nützliche Arbeit leiste.“

Die Bäume von Rudolf Zahrádka wachsen jedoch nicht nur in Jezvé bei Česká Lípa. Nahe Dresden liegt Bannewitz, ein Dorf, in dem sich die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Jezvé vertriebenen Deutschen niederlassen haben. Schon zu DDR-Zeiten haben mehrere von ihnen Kontakte mit Rudolf Zahrádka geknüpft, wie er berichtet:

„Rund um das Dorf wurde früher Kohle gefördert und die Umgebung ist dadurch ziemlich verwüstet worden. Eines Tages stellte mir mein Freund Olaf die Frage, ob ich ihm nicht einige Setzlinge verkaufen könnte. Da sagte ich: ´Schau her, hier habe ich gerade 800 Fichten! Und ich nehme selbstverständlich kein Geld dafür, denn die Baumzucht ist mein Hobby und ich verdiene nichts daran.´ Am nächsten Tag kam Olaf mit einem Kastenwagen, um sie mitnehmen zu können. Bäume von mir sind jedoch noch auf eine weitere Reise gegangen: Olafs Sohn hat bei mir die Graufichten bewundert, die ich ebenfalls ziehe. Er baute damals ein neues Haus in Wieda im Südharz und bat mich um ein paar Exemplare. Dieses Jahr war ich bei ihm zu Besuch. Das Haus ist mittlerweile fertig gestellt und die weiterhin wachsenden Bäume von mir schmücken seinen Garten. Können sie sich da meine Freude vorstellen?“

Rudolf Zahrádka bezeichnet sich selbst als Kind der Natur. Wie der Mensch die Natur behandelt, so behandelt er auch seinen Nächsten – das ist das Lebensmotto von Rudolf Zahrádka. Dem lässt sich nur zustimmen.

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