„Der Mensch ist xenophob – dagegen muss man sich wehren“ – Jan Sokol zur Flüchtlingswelle

Jan Sokol (Foto: V. Pokorný, CC 3.0)

Výzva vědců - Aufruf der Wissenschaftler, so heißt die Stellungnahme von tschechischen Wissenschaftlern zur aktuellen Flüchtlingswelle, dem sich inzwischen über 7000 Menschen aller Gesellschaftsschichten angeschlossen haben. Der Professor für Philosophie an der Prager Karlsuniversität Jan Sokol hat die Petition als einer der ersten unterzeichnet. Er plädiert für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Flüchtlingen.

Jan Sokol  (Foto: V. Pokorný,  CC 3.0)
Professor Sokol, Sie sagen, die Flüchtlingsdebatte sei zu wichtig, um sie den Politikern allein zu überlassen. Diese würden die Problematik für die eigene Popularität nutzen ohne Lösungen vorzuschlagen. Kürzlich haben Sie eine Petition „Wissenschaftler gegen Angst und Gleichgültigkeit“ unterzeichnet. Was erhoffen Sie sich davon?

„Uns geht es nicht darum, pauschal die Politiker zu kritisieren. Ich bin davon überzeugt, dass die tschechische Regierung eigentlich ganz vernünftig handelt. Es gibt aber auch Politiker, die jetzt versuchen, aus menschlichem Elend politisches Kapital zu schlagen. Uns geht es um den politischen Auftrag an den staatlichen Apparat. Und selbstverständlich wollen wir vor der Vermischung des realen Problems der Flüchtlinge mit xenophoben Phantasien warnen. Der Mensch ist von Natur aus einigermaßen xenophob. Wir sind auch zum Teil Tiere, also territoriale Lebewesen. Aber dagegen muss man sich wehren. Und gerade der Missbrauch dieses ernsthaften Problems für kurzfristige Zwecke erscheint uns gefährlich.“

„Etwa seit der Bader-Meinhof-Affäre in Deutschland geht es den Terroristen immer darum, die ganze Gesellschaft so sehr zu ängstigen, dass sie sich selbst ihre Freiheiten nimmt.“

Sie sind Professor für Philosophie an der Prager Karlsuniversität. Was kann die Philosophie zur Flüchtlingsfrage beitragen?

„Europa hat seit jeher das Ziel, Menschen menschlich zu behandeln. Und bei aller Gefährlichkeit der Situation darf man nicht die Menschen außer Acht lassen. Natürlich muss man schon unterscheiden zwischen den tausenden Menschen im äußersten Elend und jenen Hunderttausenden, die einfach nach besseren Bedingungen suchen. In Tschechien wiederum gibt es Menschen, die vor Angst und Furcht außer sich sind. Und es gibt ganz irrationale Vorschläge, wie zum Beispiel eine Mauer zu bauen, oder vielleicht sogar eines Tages auf Flüchtlinge zu schießen. Dorthin, scheint mir, kann der Weg nicht gehen. Etwa seit der Bader-Meinhof-Affäre in Deutschland vor dreißig, vierzig Jahren, geht es den Terroristen immer darum, die ganze Gesellschaft so sehr zu ängstigen, dass sie sich selbst ihre Freiheiten nimmt. Das wäre nach dem 11. September in den USA fast gelungen. Dagegen sollte sich die europäische Gesellschaft wehren. Wir sollten uns nicht durch diese Angst und diese hysterische Panik unserer Freiheiten und unserer Menschlichkeit berauben lassen.

Foto: ČTK
Die tschechische Regierung will 1.500 Flüchtlinge aufnehmen. Das ist kein ernsthaftes Problem. Das Problem ist meines Erachtens eher ein europäisches Problem. Es ist klar, dass man nicht alle aufnehmen kann, die das gerne möchten. Die Frage ist, wie man damit umgeht und was man dann mit den aufgenommenen Flüchtlingen anfängt.“

Der immense Zustrom an Flüchtlingen ist kein Problem einzelner Staaten, sondern betrifft ganz Europa, sagen Sie. Welche Schritte wären also auf europäischer Ebene notwendig?

Foto: ČTK
„Eigentlich sind alle derzeit dringenden Probleme international: Organisierte Kriminalität, Drogen, Umwelt. All das sind Probleme, die nicht staatlich begrenzt sind. Daher ist es äußerst wichtig, dass Europa möglichst einheitlich handelt und gemeinsam diesen politischen Auftrag ausdiskutiert. Außerdem muss die bürgerliche Bildung und Ausbildung in den europäischen Sprachen, besser organisiert werden. Den Flüchtlingen, die man aufnimmt, sollte man helfen, sich wirklich zu integrieren.“

“Es werden die gleichen Argumente gebracht, die vor 40 Jahren gegen die Charta 77 angeführt wurden.“

Dem Aufruf haben sich mittlerweile außer den Wissenschaftlern über 7000 weitere Personen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten angeschlossen. Jiří Ovčáček, Sprecher von Präsident Miloš Zeman, behauptet aber, die Petition würde den Graben zwischen der Gesellschaft und der sogenannten Elite vertiefen. Was würden Sie ihm entgegnen?

„Ich bin ein alter Mensch mit viel Erfahrung. Das sind die gleichen Argumente, die vor 40 Jahren gegen die Charta 77 angeführt worden sind. Man versucht, das Problem zu umgehen und dem anderen einen Hundekopf aufzusetzen. Also aus ihm einen Dummkopf machen. Keiner hat sich zur Elite erhoben.“

Charta 77  (Foto: ČT24)
Sie haben als einer der ersten die Charta 77 unterzeichnet. Der am 6. Januar 1977 herausgegebene Text machte auf die Nichteinhaltung der Menschenrechte in der kommunistischen Tschechoslowakei in der Zeit der sogenannten Normalisierung aufmerksam. Ist die Petition zur Flüchtlingsdebatte heute ebenso richtig und wichtig wie jene zu den Menschenrechtsverletzungen unter dem kommunistischen Regime?

Foto: ČTK
„Ich würde das nicht so direkt vergleichen. Heute brauchen wir keine Angst haben vor der Geheimpolizei und die Grenzen sind offen. Wir leben in einer anderen Welt als damals. Die Gefahren, denen sich die Gesellschaft stellen muss, sind ähnlich. Deswegen konnte ich, gerade mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht schweigen. Ich werde oft gefragt, wozu die Charta 77 gut war. Vielleicht hat sie unmittelbar nicht viel verändert. Aber sie hat Menschen in ihrer Hoffnung darauf unterstützt, dass die Menschenrechte einmal gelten werden. Und das gleiche habe ich auch in diesem Fall gehofft. Ich habe ein paar wirklich hasserfüllte E-Mails bekommen. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass man darüber nachdenkt, spricht, und sich wehrt gegen hysterische Gefühle wie ‚Alles ist verloren, wir werden untergehen‘, die Menschen auf fatale Weise mobilisieren, und die sie auch zu kindischen Reaktionen verleiten. Was der Präsident gesagt hat, ist zwar nichts Schreckliches, aber etwas kindisch ist es doch: Niemand hat euch hierher eingeladen. Stimmt, aber was folgt daraus? Keiner hat besondere Lust auf die Flüchtlingswelle. Es sind wirklich zu viele. Aber das bedeutet nicht, dass wir jetzt die Augen verschließen und schreien: Wir wollen euch nicht. Denn das hilft nicht. Die Flüchtlinge, die hierher kommen, wollen fast ausnahmslos weiter nach Deutschland, Schweden, England oder auch Österreich. Es gibt ganz wenige, die hier bleiben wollen. Aber genau über die Flüchtlinge, die hier bleiben wollen und unsere Hilfe einigermaßen verdienen, müssen wir nachdenken.“

Die USA bestehen zu einem Großteil aus Europäern,  die im 19. und 20. Jahrhundert geflohen sind
Ist es Teil der Geschichte, dass es immer Flüchtlinge gab und auch immer welche geben wird, und dass sich aber unser Umgang damit immer der Problematik der jeweiligen Zeit anpasst?

„Zu Zeiten der Kolonialisierung ist ein riesiger Strom von Leuten von Europa aus auf andere Kontinente gefahren, zum Beispiel Engländer nach Indien, Holländer nach West- und Ostindien, oder auch alle Europäer nach Amerika. Die USA bestehen zu einem Großteil aus Europäern, die im 19. und 20. Jahrhundert geflohen sind. Heute kehrt sich die Richtung um. Und damit muss man irgendwie fertig werden. Wichtig ist auch die demographische Entwicklung. Europa reproduziert sich kaum. Deshalb braucht die Wirtschaft jetzt Arbeitskräfte. Und die macht sich solche Idealbilder von den Immigranten. Gerade aus ökonomischer Sicht hat man in den 60er und 70er Jahren unglaubliche Fehler gemacht. Man hat junge Männer aufgenommen in der Hoffnung, dass sie nach ein paar Jahren wieder nach Hause gehen. Aber Gegenteil ist passiert, sie haben ihre Familien nachgeholt. Das ist ein Teil des europäischen Problems.“

„In der Multikulturalismus-Debatte hat man leider vergessen, dass die Mischung der Kulturen nur dann fruchtbar ist, wenn diese verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren.“

Es gibt ja diese philosophische Debatte zu Grenzen, dass man Grenzen einerseits braucht, um eine sinnvolle Gemeinschaft zu bilden und füreinander einzustehen, dass es aber auch einen negativen Effekt haben kann, nämlich dieses ‚wir und das ‚die‘-Gefühl.

„Damit hat Europa seit Jahrhunderten gekämpft und dabei sehr viele und sehr interessante Methoden entwickelt. José Ortega y Gasset hat ein sehr hübsches Essay geschrieben mit dem Titel ‚Europa und die Idee der Nation‘. Die neueren europäischen Völker haben gelernt eine Gemeinschaft zu bilden, innerhalb derer die einzelnen Völker unterschieden werden. Das westslawische Wort ‚němce‘ bedeutet ‚die Stummen‘. Ursprünglich wurde es für alle Fremden verwendet, die man nicht verstanden hat. Später hat man dann angefangen zu unterscheiden, zum Beispiel zwischen Italienern, Franzosen, Engländern, Deutschen und Österreichern. Gerade dieser Weg der Einheit in Verschiedenheit ist ein großes Thema. In der Multikulturalismus-Debatte hat man leider vergessen, dass die Mischung der Kulturen nur dann fruchtbar ist, wenn diese verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren. Wenn sie aber nebeneinander leben, ist das nur gefährlich. Das ist das kulturanthropologische oder philosophische Fazit.“