Des Pudels Kern: Diskussion um Kernkraft in Tschechien und Deutschland

Während in Deutschland Ende kommenden Jahres die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden, wird in Tschechien über den Bau neuer Reaktorblöcke diskutiert. Warum ist das Vertrauen in die Kernkraft unter den Tschechen weiterhin so hoch? Und warum hat sich Deutschland entschieden, Atomenergie nicht mehr zu nutzen? Dies ist das Thema für die erste Folge unseres neuen tschechisch-deutschen Klima-Podcasts „Karbon“.

Bahnhof von Pačejov  (Foto: Qwertz0451,  Wikimedia Commons,  CC0 1.0)

Gerade kommt der Zug am Bahnhof von Pačejov / Patschiw an, einem Dorf in der Nähe von Horažďovice / Horaschdowitz im Südwesten Böhmens. Die Reise führt hierher, weil in der Region in Zukunft ein Atommüllendlager entstehen könnte. Die Ortsansässigen sind davon natürlich alles andere als begeistert. Der Bürgermeister von Pačejov, Jan Vavřička, hat sich zum Interview bereit erklärt. Im Auto kündigt er an:

„Ich möchte Ihnen das Areal zeigen, auf dem der oberirdische Teil des Endlagers entstehen soll, auf einer Fläche von 20 bis 30 Hektar. Sie werden sehen, dass sich dieser Ort quasi nur ein paar Schritte vom letzten Gebäude eines malerischen kleinen Dorfes hier in unserer Region befindet.“

Visualisierung des Atommüllendlagers in Pačejov  (Quelle: EGP INVEST)

Ein Eichhörnchen läuft vor dem Auto über die Straße. Der Bürgermeister lacht:

„Ja, ich habe es auch gesehen. So ein schönes, rotes…“

Sofort kommt er jedoch zurück auf das Thema, das ihn beschäftigt – das Atommüllendlager:

„In den technischen Berichten wird sogar angegeben, dass einige Dörfer nicht mehr zum Wohnen dienen sollen. Dabei handelt es sich um die Gemeinden Maňovice und Jetenovice. Genau zwischen diesen beiden Orten soll der oberirdische Teil des Atommüllendlagers entstehen“, erklärt der Bürgermeister.

Jan Vavřička  (Foto: Rostislav Duršpek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Schon bald sind wir am Ziel angekommen. Aus dem Beifahrerfenster ist eine leicht hügelige Landschaft zu sehen. Gerade hier soll das Tiefenlager entstehen, rund 500 Meter unter der Erde. Den genauen Standort zeigt Jan Vavřička auf einem der Pläne:

„Hier sind die Grenzen des unterirdischen Endlagers markiert. Es soll eine Fläche von 306 Hektar haben – also mehr als 400 Fußballfelder.“

Diskussion ohne die Betroffenen

Foto: Jitka Englová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Schon allein wegen seiner Ausmaße hätte der Bau des Endlagers einen spürbaren Einfluss auf das Leben der Menschen in der weiteren Umgebung. Das betrifft sowohl die 15-jährige Bauphase, als auch die Zeit nach der Inbetriebnahme. Das Endlager soll ab 2050 gebaut und dann unglaubliche 100.000 Jahre lang genutzt werden. Die Anwohner sorgen sich nicht nur wegen des zu erwartenden steigenden Verkehrsaufkommens, sondern auch wegen der Grundwasservorkommen. Zudem warnen sie vor negativen Auswirkungen auf die Land- und Forstwirtschaft. Jan Vavřička zufolge finden die Anwohner aber kein Gehör:

„Die Regierung verhält sich von oben herab und arrogant. Hier herrscht im Prinzip eine Diktatur der weißen Kragen, die mit dem Finger auf der Karte gezeigt haben, wo etwas so Wichtiges entstehen soll. Mit uns wollen sie sich gar nicht unterhalten. Sie bieten uns zwar an, in verschiedenen Arbeitsgruppen mitzuwirken. Bisher sind diese Arbeitsgruppen aber nur pro forma geschaffen worden, um der Öffentlichkeit und den Medien eine angebliche Zusammenarbeit zu präsentieren. Aber alles, was wir in den Arbeitsgruppen gesagt haben, wurde abgelehnt. Es wurde einfach alles vom Tisch gewischt, und keine unserer Ideen wurde für die weitere Arbeit übernommen“, so die Kritik des Bürgermeisters von Pačejov, Jan Vavřička.

Edvard Sequens  (Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Ähnlich bewertet die Situation Edvard Sequens, Energieberater und Vorsitzender des Umweltverbandes Calla. Er hält ebenfalls die bisherige Vorgehensweise der Ämter bei der Auswahl passender Orte für problematisch:

„Die tschechische Staatsverwaltung geht die Sache zu technokratisch an. Bei der Lösung des Problems wird vergessen, dass an den Lagerorten für den Abfall auch Menschen leben. Das geht schon seit mehr als zwei Jahrzehnten so. Das hat Proteste ausgelöst. Die Menschen bekamen ihre Informationen nicht direkt von staatlicher Seite, sondern eher durch Informationslecks. Das wurde von den Leuten nicht gerade als eine faire Einstellung angesehen. Und jetzt fordert der Staat von ihnen, sie müssten dem öffentlichen Interesse nachgeben. Wir hätten hier die Kernenergie, und sie müssten nun einmal einsehen, dass bei Ihnen ein passender Ort zu Lagerung des Atommülls sein könnte, heißt es.“

Sequens zufolge haben die deutschen Ämter lange Zeit ähnlich bevormundend agiert. Bis sich 2013 die Strategie in Deutschland radikal änderte:

Einer der Proteste gegen Atomkraft in Deutschland  (Foto: Michael Miess,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

„Nach weitreichenden Protesten hat Deutschland zurückgerudert und per Gesetz auf Bundesebene eine Kommission eingerichtet, die ganz offen zwei Jahre lang verhandelt hat. Es wurde gesamtgesellschaftlich nach einer Lösung gesucht. Das ist ein Schritt, zu dem es in Tschechien bisher nicht gekommen ist. Hier haben sich die Technokraten hinter verschlossenen Türen überlegt, dass Granit eben der beste Ort für ein Endlager sei. Man hat angefangen, entsprechende Orte zu suchen, aber die Menschen wurden erst irgendwann später gefragt. Und genau das ist das Problem“, kritisiert Edvard Sequens das Geschehen in Tschechien.

Trotz der genannten Probleme hätten die Tschechen aber nach wie vor Vertrauen in die Kernenergie, resümiert Dana Drábová. Sie ist die Vorsitzende des Staatlichen Amtes für nukleare Sicherheit:

Dana Drábová  (Foto: Elena Horálková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Die Zustimmung zur Atomenergie ist gleichbleibend hoch. Schon mehrere Jahre bewegt sie sich zwischen 60 bis 65 Prozent. Auch nach dem Unfall im Atomkraftwerk Fukushima vor zehn Jahren ist sie nicht deutlich zurückgegangen. Das ist interessant, denn in Deutschland ist damals der Anteil der Menschen gestiegen, die Kernkraftwerke ablehnen.“

Unumkehrbares Nein

In Deutschland gibt es bereits seit den 1970er Jahren eine kritische Haltung zur Atomkraft. Nach der Katastrophe in Tschernobyl 1986 wurde der Widerstand gegen diese Form der Energiegewinnung noch stärker. Der später beschlossene Atomausstieg war also keine große Überraschung. Die Abschaltung aller Reaktoren bis Ende 2022 würde in Deutschland von niemanden in Frage gestellt, sagt Professor Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Claudia Kemfert  (Foto: Daniel Morsey / DrUrban,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0 DE)

„Das Thema Kernenergie ist abgehakt, die Deutschen sind fertig damit. Es wird auch keine neue Debatte mehr geben. Mittlerweile setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass ein Großteil der Kosten der Atomenergie von der Bevölkerung zu tragen ist, insbesondere was den Atommüll angeht. Das ist für die deutsche Bevölkerung inakzeptabel. Die Risiken sind groß. Deutschland ist dichtbesiedelt und hat nicht so viel Platz für strahlenden Müll, der trotzdem irgendwohin muss. Die Deutschen wundern sich über Diskussionen wie in Tschechien oder anderen Ländern, in denen sogar über den Neubau von Atomkraftwerken gesprochen wird. Und das in dem Wissen, dass die Kosten exorbitant sind. Der Neubau von Kraftwerken kostet wahnsinnig viel Geld, der Rückbau der Anlagen dann aber auch. Hinzukommt der Atommüll, der über Jahrhunderte strahlt. Wie man dies den zukünftigen Generationen antun kann, das ist aus deutscher Sicht komplett unverständlich. Dies bedarf einer transparenteren Sicht. Nicht nur wegen der Sorgen und Ängste dahinter, aber zumindest wegen einer ehrlichen Debatte über Kosten und Risiken.“

Claudia Kemfert untersucht Energiewirtschaft und Klimapolitik vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Gerade die hohen Kosten sind einer der großen Schwachpunkte der Kernenergie. Dies bestätigen die jüngsten Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Auch Edvard Sequens weist auf die hohen Kosten der Kernenergie hin. Dazu geht er auf die aktuelle Debatte in Tschechien über den Ausbau des Kernkraftwerks Dukovany ein:

 Kernkraftwerk Dukovany  (Foto: IAEA Imagebank,  Flickr,  CC BY-SA 2.0)

„Der Bau des neuen Reaktors in Dukovany ist die teuerste Investition der Tschechischen Republik überhaupt. Wann man das einmal durchrechnet, kommt man auf fast 250 Milliarden Kronen, also knapp zehn Milliarden Euro. Und nicht auf die 160 Milliarden Kronen, von denen Wirtschaftsminister Havlíček immer spricht. Die Summe wird sich den Plänen der Regierung zufolge bis zum Ende dieses Jahrhunderts in den Strompreisen der Bürger widerspiegeln. Das ist absurd.“

Aufgrund des geplanten Kohleausstiegs befindet sich Tschechien laut Sequens gerade am Scheideweg. Es muss sich entscheiden, wie die Zukunft der Energiewirtschaft aussehen soll:

Illustrationsfoto: ČT24

„Es geht um viele Milliarden Kronen. Diese könnten in die Kernkraft investiert werden, die in den nächsten 100 Jahren dann eine starke Position einnimmt. Oder aber das Geld wird in moderne Ressourcen gesteckt. Und diese Entscheidung sollte jetzt fallen.“

Kernkraft ist im Hinblick auf die Emission von Treibhausgasen eine vergleichsweise umweltfreundliche Energiequelle und vergleichbar mit erneuerbaren Energien. Sequens zufolge sollten jedoch die Nachteile nicht unterschätzt werden. Und das sind nicht nur die hohen Kosten oder die Notwendigkeit, die genutzten Brennelemente zu entsorgen:

Illustrationsfoto: Gerd Altmann,  Pixabay / CC0

„Wir sollten nicht zurückschauen auf das, was in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gut funktioniert hat und heute in der tschechischen Energiewirtschaft immer noch verwendet wird. Wir sollten uns überlegen, was wir uns für die zweite Hälfte des Jahrhunderts wünschen, die gerade vor uns liegt. Wenn der Weg großer Atomreaktoren beschritten wird, werden diese die tschechische Energiewirtschaft für die nächsten 100 Jahre bestimmen. Das ist eine verdammt lange Zeit. Schauen Sie sich die Entwicklungen von Technologien beispielsweise auf dem Gebiet erneuerbarer Energien oder der Speicherung von Energie an: Sie schreiten so schnell voran, dass eine Zeit kommen wird, in der die großen Atomreaktoren die Entwicklungen in der Energiewirtschaft behindern werden. Aber dann muss ihr Betrieb weiterhin gewährleistet werden, da schon so viel Geld in sie hineingeflossen ist. Es kann sein, dass in Deutschland vielleicht einige Fehler gemacht wurden. Das betrifft die Frage, was man zuerst abschaltet und was später, sowie den Dualismus Kohle versus Kernkraft. Aber das war historisch bedingt. Tschechien muss nicht von jetzt auf gleich Temelín abschalten oder Dukovany herunterfahren. Es hat Zeit, die Energiewirtschaft auf andere Art und Weise zu regeln.“

Gerade die Zukunft der tschechischen Energiewirtschaft wird aber fast nicht diskutiert. Die größte Aufmerksamkeit zieht nämlich der Ausbau des Atomkraftwerks Dukovany auf sich und die Diskussion darum, wer sich dessen eigentlich annehmen soll.

Autoren: Filip Rambousek , Štěpán Vizi
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