Designstudenten lassen Biergläser endlich wieder in Tschechien herstellen
Wer Tschechien sagt, muss auch Bier sagen. Hunderte große und kleine einheimische Brauereien beliefern die urigen Kneipen oder gehobenen Restaurants hierzulande. Dort wird der Hopfensaft aber sehr wahrscheinlich nicht in böhmischem Glas serviert. Denn die Halblitergläser – im Tschechischen umgangssprachlich „půllitry“ genannt – werden schon lange nicht mehr in Tschechien hergestellt. Dies wollen die Studierenden der Designakademie Umprum in Prag ändern. Einige ihrer Entwürfe gehen demnächst bei tschechischen Glasbläsern in Serienproduktion.
Bierbrauen und Biertrinken – beides Dinge, in denen die Tschechen richtig gut seien, konstatiert Michal Froněk mit einem Lachen. Und auch die böhmische Glasindustrie ist auf Weltniveau. Darum fände es Froněk ideal, wenn man das Bier in den Gaststätten hierzulande auch aus Gläsern trinken könnte, die in Tschechien hergestellt werden.
Dieses Ziel hat ein aktuelles Projekt im Hochschulatelier für Produktdesign, dessen Leiter Michal Froněk ist. Die Einrichtung gehört zur Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design (Umprum). Gerade kommt dem Atelier viel Medienaufmerksamkeit zu, eben weil seine Studenten neue Biergläser entworfen haben, die in Tschechien in Serie hergestellt werden sollen. Denn das ist schon seit rund 30 Jahren nicht mehr der Fall...
„In den 1990er Jahren kam die Konkurrenz aus Deutschland zu uns. Sie konnte einzelnen Brauereien und Biermarken ein individuelles Design bieten. Dadurch wurden die Gläser aber aus Deutschland geliefert. Und die unflexiblen tschechischen Firmen gingen pleite.“
Damit seien die einheimischen Produzenten von Pressglas vom tschechischen Markt verschwunden, schildert Froněk im Interview für Radio Prag International. Aber Pressglas sei eben das ideale Material für „půllitry“, also die klassischen Biergläser...
„Ich verfolge die Lage seit langem und wusste daher, dass die Betriebe für Pressglas eingingen. Wir trinken also das Bier aus Gläsern von deutschen Firmen, die jedoch in der Türkei oder woanders auf der Welt produzieren lassen. Das hat mich ziemlich irritiert. Und da zu meinem Fachbereich neben Architektur und Innendesign auch Glas gehört, unterhalte ich mich mit den hiesigen Unternehmen oft darüber. Gemeinsam kamen wir dann zu dem Schluss, dass es einen Weg geben könnte.“
Er habe das Vorhaben, wieder eigene Biergläser herzustellen, jedoch nicht als reine Übung für Studierende angehen wollen, fügt der Professor hinzu. Und so gehören zu den Initiatoren auch der Gründer des Gastrounternehmens Ambiente, Tomáš Karpíšek, sowie der Chef des Glasproduzenten Bomma, Jiří Trtík. Zur Rolle der Designakademie betont Froněk, dass ihre Studentenprojekte immer ein sehr hohes Niveau hätten:
„Unsere Institution und ihre Ateliers denken sich nicht nur künstlich akademische Aufgabenstellungen aus, von denen man sagen könnte, dass die Welt sie nicht braucht. Wir sind auch in der Lage, Themen zu finden, die in der Luft liegen und anwendbar sind. Das kann die soziale Sphäre betreffen oder auch die Industrie. Ich arbeite viel mit der Firma Ambiente zusammen, die hierzulande eine Großzahl an sehr guten Restaurants und Gaststätten betreibt. Durch diesen engen Kontakt wusste ich, dass die Leitung den Wunsch hegt, in ihren Einrichtungen ihre eigenen Trinkgläser zu haben.“
Nicht zu schwer und nicht zu leicht
Froněk und sein Team gingen das Projekt sehr pragmatisch an. Zur Vorbereitung gehörten Besuche bei Pilsner Urquell oder auch in kleineren Brauereien wie etwa Matuška. Und ebenso seien die Abläufe in den Ambiente-Restaurants unter die Lupe genommen worden:
„Wir sind den gesamten Prozess durchgegangen: Wie Bier gebraut wird, wie man es zapft, und wie man es den Kunden servieren sollte. Dank all dieser Informationen handelt es sich wirklich nicht nur um ein oberflächliches Design, das nur durch seinen Effekt wirkt. Natürlich haben wir auch gleich zu Anfang Glasproduzenten hinzugezogen, die die Biergläser herstellen könnten. Sie haben uns sehr klare Grenzen gesetzt, wie weit wir mit unserer Kreativität gehen können.“
Die Studierenden hätten ihre Entwürfe der „půllitry“ vor allem auf die Produktionstechnologie ausrichten müssen, ergänzt Froněk. Denn die Prozesse bei der Pressglasherstellung seien im Bomma-Werk in Světla nad Sázavou schlicht festgelegt...
„Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel das Gewicht eines Glases. Beim Pressen wird im Inneren ein Teil verwendet, das nur in einem bestimmten Winkel wieder herausgezogen werden kann. Wenn man es nun beim Formen des äußeren Glases etwas übertreibt, kann das Gewicht nachher unpassend für den Gastrobetrieb sein. Denn dort muss man mehrere Gläser auf einmal tragen, und sie dürfen nicht zu schwer sein.“
Offenbar haben die Umprum-Studierenden das richtige Maß für die Biergläser getroffen. Denn die Projektpartner wählten aus den fast 20 Vorschlägen gleich zwei Modelle aus, die nun tatsächlich für die Restaurants und Bierstuben von Ambiente hergestellt werden. Michal Froněk:
„Die Studenten haben die Präsentation ihrer Entwürfe selbst organisiert und bei der Klausurausstellung der Uni alles toll installiert. Dazu luden wir Ambiente ein und erwarteten, dass vielleicht der Chef kommt oder ein Experte für das Bierzapfen. Dann erschienen aber gleich 30 Vertreter der Firma. Das Interesse war riesig, und die Präsentation dauerte anderthalb Stunden. Ich habe darin eine enorme Energie erkannt, die alle Seiten in das Projekt einfließen lassen.“
Es sei zunächst gar nicht angedacht gewesen, zwei unterschiedliche Biergläser für die Produktion auszuwählen, fügt der Atelierleiter hinzu. Aber inzwischen werde sogar schon ein drittes Modell ins Auge gefasst.
Kleiner Markt
Durchgesetzt haben sich die Studierenden Tereza Bláhová mit einem abgerundeten Design und Jáchym Kubů mit einem eher schlichten Glas, auf dem ein stilisiertes Gesicht ausgemacht werden kann. Insgesamt 4000 dieser „půllitry“ aus böhmischem Kristall sind bereits in fünf Prager Gaststätten im Einsatz. Und das sei erst der Anfang, sagt Michal Froněk:
„Es geht in die Serienproduktion von 50.000 Stück. Für eine wirkliche Massenproduktion hingegen, bei der ein Bierglas dann für einen oder zwei Euro verkauft werden kann, müssten sogar eine Million Stück hergestellt werden. Ich habe früher für Pilsner Urquell gearbeitet, und da ging es um 50 Millionen Gläser. Das ist dann schon ein Produkt auf Weltniveau. Mit dem aktuellen Projekt bewegen wir uns aber auf einem lokalen Markt, auf dem man sich durch etwas interessant machen will. Und da wir in Tschechien sind, wo Glas hergestellt wird, wäre es schade, keine eigenen Biergläser zu haben. Auch wenn es dann etwas teurer wird.“
Konkret müssten die Gastrobetreiber für die Designgläser etwa doppelt so viel bezahlen wie für die übliche Fließbandware, informiert der Atelierchef. Am aufwändigsten seien in dem ganzen Prozess die Vorbereitungen, einschließlich der Anfertigung einer Form für jedes einzelne Glasmodell. Für die eigentliche Herstellung würden durchaus verschiedene Technologien in Frage kommen, räumt Froněk ein. Die Wahl sei aber eindeutig auf das Glaspressen gefallen, das nun in Světla nad Sázavou stattfinde:
„Die Maschine ist eine ziemlich ausgeklügelte Gerätschaft. Sie setzt sich aus drei Teilen zusammen, die sich ausklappen lassen. Unten gibt es eine Art Münzhalterung, in die das Logo von Ambiente oder ein anderes Element eingelegt werden kann. Und dann wird das Kernteil in die Mitte gesetzt. Es handelt sich zwar um ein High-Tech-Verfahren, aber einige Teile werden auch per Hand bearbeitet.“
Die Biergläser made in Czechia sind nur eines von vielen Projekten, die das Atelier für Produktdesign gemeinsam mit den einheimischen Restaurantbetreibern umsetzt. Die Gastronomie sei ein Schwerpunktfeld für die Studierenden, berichtet Froněk. Und auch auf anderen Gebieten, etwa in Architektur oder Mode, stehe der praktische Nutzen immer Mittelpunkt:
„Wir bemühen uns, Dinge zu entwerfen, die wirklich benutzt werden können. Unsere Studenten sollen die ganze Palette an Produkten beherrschen. Damit haben wir auch großen Erfolg. Etwa 90 bis 95 Prozent der Absolventen bleiben in der Branche. Jemand bekommt vielleicht einen Job als Brand Manager oder arbeitet in einem multinationalen Konzern. Aber viele von ihnen gründen ihr eigenes Studio. Dabei sind sie sehr erfolgreich und gehören heute sogar zu unseren Konkurrenten. Ich selbst habe seit 35 Jahren ein Designstudio und treffe in Wettbewerben immer wieder auf meine ehemaligen Studenten. Und manchmal besiegen sie mich auch.“











