Deutsche und tschechische Wissenschaftler werfen einen Blick zurück

In der ehemaligen DDR war es der 9. November 1989, in der damaligen Tschecholowakei der 17. November 89: Die Bevölkerung beider Staaten entledigte sich ihrer Machthaber. Doch was spielte sich zuvor ab, welche Facetten hatte die Geschichte beider Staaten in der Zeit des Kommunismus? Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Diesen Fragen gehen das Prager Institut für Zeitgeschichte und das Dresdener Hanna-Ahrendt-Institut nach. Das erste Ergebnis: Eine Sonderausgabe der tschechischen Zeitschrift SOUDOBE DEJINY, zu deutsch "Zeitgeschichte". Zusammengestellt wurde es von deutschen Historikern, herausgegeben wird das Heft in Tschechien. Mehr dazu in diesem Schauplatz, es begrüßt Sie Jürgen Webermann.

Wussten Sie eigentlich, dass die Geschichte der DDR und die der Tschechoslowakei erstaunliche Parallelen aufwies? Ein kleines Beispiel: In der DDR begann Ende der 60er Jahre nach dem Sturz des Staatschefs Walter Ulbricht die "Ära Honecker", und die Kommunisten zogen die Daumenschrauben wieder an. In der damaligen CSSR wurden die Hoffnungen des Prager Frühlings 1968 in der darauffolgenden Zeit mit der zynischen Bezeichnung "Normalisierung" begraben. Und beide Staaten waren einst Industrienationen, beide wurden systematisch heruntergwirtschaftet. Historiker wie Oldrich Tuma reiben sich fasziniert die Hände, wenn sie an die zeitgleichen und so ähnlichen Entwicklungen in beiden Ländern denken. Doch bleibt es nicht nur bei der Faszination. Tuma ist Leiter des Institutes für Zeitgeschichte in Prag, und hat sich gemeinsam mit deutschen Kollegen daran gemacht, ein umfangreiches Werk zur Geschichte der DDR in Tschechien zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist eine Sondernummer der Zeitschrift SOUDOBE DEJINY, zu deutsch Zeitgeschichte. Im November wurde es veröffentlicht, doch die Idee dahinter ist schon älter, wie Tuma betont:

Die Motivation der tschechischen Historiker war also eindeutig: Durch die Geschichte anderer Länder einen anderen Blick auf die eigene Geschichte zu gewinnen. So wurden rasch Kontakte geknüpft, und einen passenden Partner fand man in Dresden. Dort hat das Hanna-Ahrendt-Institut seinen Sitz. Spezialisiert ist es auf die Geschichte totaler Systeme wie die des Nationalsozialismus, oder aber des Kommunismus. Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke, der Leiter des Institutes, nahm die Idee aus Prag sofort als Anregung auf:

Dabei konnten die Historiker unter Federführung der Institutsmitarbeiter Jörg Osterloh und Christoph Boyer in Deutschland aus dem Vollen schöpfen.

Die von Henke angesprochene neue Archivsituation durch die Öffnung der Stasi-Akten in der sogenannten Gauck-Behörde bedeutete für Geschichtsforscher einen wahren Segen. So trommelten Osterloh und Boyer Kollegen aus der ganzen Republik zusammen, die spezialisiert sind auf Aspekte der DDR-Geschichte. Diese recherchierten noch einmal in den Quellen, überarbeiteten ihre Forschungen und stellten sie dem Hannah-Ahrendt-Institut zur Verfügung. Christoph Boyer erläutert die inhaltlichen Schwerpunkte:

Nach einem Jahr war der erste Teil der Arbeit getan: Die Texte gingen in Dresden ein, wurden noch überarbeitet und weiter ins Institut für Zeitgeschichte gebracht. Dort begann dann Teil Zwei: Übersetzungen und weitere redaktionelle Fassungen. Dass das, gerade wenn es um Details geht, nicht immer leicht ist, versteht sich von selbst. Doch waren die Ersteller und die Herausgeber des Sonderheftes ja schon rein geographisch gar nicht so weit voneinander entfernt - sie regelten mögliche Schwierigkeiten ganz unbürokratisch auf zahlreichen Treffen, statt sich anonyme E-Mails oder Briefe zu schreiben. Dennoch: Es dauerte immerhin ein Jahr, bis auch die Übersetzungen fertig waren. Herausgekommen ist am Ende eine Ausgabe mit einem Umfang von fast 300 Seiten. Insgesamt 17 Artikel informieren über Aspekte wie Markt- und Planwirtschaft, Jugendpolitik, die Rolle der SED im Alltag der Bürger und natürlich über die Staatssicherheit. Insgesamt ist das ganze Spektrum an Themen für das tschechische Publikum interessant, wie Christoph Boyer betont:

Dieses Potenzial kann freilich nur durch rege Kontakte zwischen den Historikern aus der Bundesrepublik und Tschechien ausgeschöpft werden. Doch auch da wirft eine Gemeinschaftsproduktion wie die aktuelle "SOUDOBE DEJINY" Früchte ab:

So war das Beiprodukt des Heftes ein neues Netzwerk an Kontakten und möglicher weiterer Zusammenarbeit. Nicht nur, weil Mitarbeiter der verschiedenen Institute desöfteren auch mal etwas spontaner ins Auto steigen mussten, um in Dresden oder Prag am letzten Schliff der Zeitschrift zu arbeiten. So verläuft jedoch nicht nur die Kooperation zwischen Historikern des Hannah-Ahrendt-Institutes sowie des Institutes für Zeitgeschichte in Prag hervorragend. Oldrich Tuma bewertet die Kontakte zwischen beiden Nachbarländern grundsätzlich positiv:

Bei der Präsentation des Heftes fielen gar Worte wie "Ideenexport" oder "Ideenimport", der zum Beispiel vom Institut für Zeitgeschichte in der Vlasska-Straße in Prag betrieben wird mit Partnern in Deutschland und anderswo. Doch darüber hinaus wird immer wieder betont, dass es nicht nur beim Ex- oder Import bleiben soll, sondern dass vor allem Zusammenarbeit mittlerweile auch in der Geschichtsforschung einen wichtigen Bestandteil bildet.

So soll die aktuelle Ausgabe der SOUDOBE DEJINY nicht das letzte gemeinsame Projekt der Denkerstuben aus Deutschland und Tschechien bleiben. Längst liegen Pläne für weitere gemeinsame Vorhaben zum Beispiel auf den Tischen von Oldrich Tuma und Klaus-Dietmar Henke, wie der Chef des Hannah-Ahrendt-Institutes betont:

Doch zunächst einmal werden sich tschechische Geschichtsinteressierte ein wenig Zeit nehmen müssen, um die SOUDOBE DEJINY sorgfältig zu studieren. Auf jeden Fall aber dürfte die Zeitschrift und ihre jetzige Sondernummer ein Beitrag sein, die Geschichte der ehemaligen sozialistischen Brüder in der ehemaligen DDR besser zu verstehen, vielleicht aber auch die eigene, tschechische Sicht neu zu überdenken. Vor allem im Hinblick auf schwierige gemeinsame Geschichtskapitel können die Interpretationen, vor allem aber auch Fakten aus dem jeweils anderen Staat eine wichtige Rolle spielen, um das gegenseitiges Verständnis zu verbessern. Ein Blick über die Grenzen hinaus lohnt sich jedenfalls immer.

Autor: Jürgen Webermann
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