Die Glocken des Veitsdoms - nach 100 Jahren sind sie wieder komplett

Glocke Zikmund

Der Veitsdom auf der Prager Burg ist fast schon ein Nationalsymbol und die bekannteste Kirche in Tschechien. Die Glocken der Kathedrale sind nicht nur auf dem Hradschin und der Kleinseite, sondern auch am anderen Moldauufer zu hören. Nur wenige Prager haben aber geahnt, dass noch bis vor kurzem im Turm des Veitsdoms drei der insgesamt sieben Glocken fehlten, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts den Beginn der Messen verkündeten. Nach nun fast 100 Jahren sind die sieben Domglocken wieder komplett.

Glocken hat es nicht immer schon im Christentum gegeben. Im 6. Jahrhundert haben irische Mönche sie in Europa verbreitet. Sie wurden im frühen Mittelalter zunächst in kleinen Dachreitern von Klosterkirchen angebracht. Ab dem 10. Jahrhundert baute man dann hohe Kirchentürme mit einem Glockenstuhl. Einen Glockenturm, den man besteigen kann, hat auch der Prager Veitsdom. Bis vor kurzem gab es in dem Turm nur vier Glocken. Die größte und schwerste heißt Zikmund, erzählt der Dekan des Domkapitels, Jiří Svoboda:

„Die Originalglocke Namens Zikmund musste 1549 ersetzt werden. Sie war bei einem großen Brand auf der Burg beschädigt worden. Die neue Glocke wurde vom Glockengießer Tomáš Jaroš aus Brünn gegossen. Es war eine hervorragende Arbeit, denn den Schätzungen nach wiegt die Glocke 14, 5 bis 16,5 Tonnen. Zikmund ist über zwei Meter hoch. Es ist die größte Glocke in der Tschechischen Republik überhaupt. Die zweite Glocke heißt Václav, auch sie musste nach dem Brand von 1541 neu gegossen werden. Sie ist ein Werk der Glockengießer Ondřej und Matyáš aus Prag. Die Glocke wiegt etwa 4,5 Tonnen, ist 1,40 Meter hoch und hat unten einen Durchmesser von 1,76 Meter. Aus dem Jahr 1546 stammt die dritte Glocke, die Jan Křtitel / Johannes der Täufer heißt. Sie ist ein Werk des Glockengießers Stanislav und wiegt 3,5 Tonnen. Die kleinste der vier Glocken heißt Josef und wurde erst 1602 von Martin Hilger gegossen. Die anderen Glocken, Dominik, Maria und Jesus, die es zuvor in der Kathedrale gab, wurden während des Ersten Weltkriegs beschlagnahmt und eingeschmolzen. Dabei stammte die Glocke Maria aus dem Jahr 1542. Es wurde also großer Schaden angerichtet.“

Tomáš Stařecký  (Foto: Martina Schneibergová)
Diese Meinung teilt auch Tomáš Stařecký, der seit 30 Jahren Glöckner im Prager Veitsdom ist. Das 20. Jahrhundert war seinen Worten zufolge für die Domglocken sehr unglücklich. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, galt das Sprichwort: Inter arma silent musae – Im Waffenlärm schweigen die Musen, also die Künste, sagt der Hobby-Glöckner:

„Die scheinbar hässlichsten und angeblich unbrauchbaren Glocken wurden eingeschmolzen. Niemand weiß genau, was mit ihnen passiert ist. Sie verschwanden einfach aus dem Dom. Während des kommunistischen Regimes waren auch die übrig gebliebenen Glocken ständig gefährdet. Denn Glockengeläut brauchte man damals nicht. Die einzige Gelegenheit, zu der die Domglocken erklangen, waren ‚Zivilschutzübungen’. Die Glocken läuteten dann Alarm. Und aus Glockengießern wurden Metallurgen, die nur noch Handwerker, aber keine Künstler mehr waren. Glöckner wurden als Helfer der Kirche vom kommunistischen Regime schikaniert.“

Veitsdom
Tomáš Stařecký erinnert daran, dass Glöcknern, zu denen auch Schüler und Studenten gehörten, oft Schikanen drohten. Der kommunistische Geheimdienst versuchte nämlich, die Glöckner wegen einer angeblichen „Vereitelung der staatlichen Aufsicht über die Kirchen“ an der Ausübung ihrer Tätigkeit zu hindern.

„Als ich in den 1970er Jahren Glöckner wurde, gab es hier nur wenige Kollegen. Glockengeläut wurde kaum gebraucht, und die Atmosphäre war beklommen. Nach der Wende von 1989 schien es zunächst, dass Glöckner und ihre Arbeit, die nur ihr Hobby war, erneut zu Geltung kommen sollten. Aber die Kirche hatte Anfangs viele andere Sorgen, die Öffentlichkeit hatte oft auch nicht viel Verständnis für das Glockengeläut. Einige Leute fanden es sogar störend. Wir sind froh, dass es uns inzwischen doch gelungen ist, an die Tradition des Glockengeläuts wieder anzuknüpfen. Derzeit sorgen im Veitsdom regelmäßig 19 Glöckner für das Geläut, acht Glöckner kommen gelegentlich. Zu uns gehören auch sieben Frauen. Im Veitsdom erklingen die Glocken regelmäßig jeden Sonntagmittag. Zudem läuten wir vor der Sonntagsmesse um 9 Uhr. Die Glocken erklingen auch bei verschiedenen Kirchenfesten sowie zu traurigen Anlässen, wie es zuletzt das Begräbnis von Präsident Václav Havel war. Wir sind froh, dass wir auch ein paar weitere Interessenten für die Glöcknerarbeit haben. Ich hoffe, dass die Glocken im Veitsdom, die hier 450 Jahre lang zu hören waren, noch Hunderte weitere Jahre läuten werden. Kann sein, dass sie zwischenzeitlich neue Klöppel bekommen, aber die Tradition muss aufrechterhalten werden.“

Dominik Duka und Leticie Vránová-Dytrychová  (Foto: Martina Schneibergová)
Die drei neuen Glocken heißen wie ihre Vorgänger, die vor fast 100 Jahren eingeschmolzen wurden: Dominik, Maria und Jesus. Sie wurden alle drei in der Werkstatt von Leticie Vránová-Dytrychová im mährischen Brodek gegossen. Die Werkstatt wurde von ihren Großeltern Josef und Leticie Dytrych gegründet, erzählt die junge Glockengießerin.

„Es ist für mich eine große Ehre, dass ich als Vertreterin der dritten Glockengießergeneration in unserer Familie mit der Aufgabe beauftragt wurde, Glocken für den Prager Veitsdom zu gießen. Ich habe mein Handwerk von meiner Mutter gelernt. In unserer Werkstatt wurden inzwischen über 8.500 Glocken gegossen, die nicht nur in Tschechien, sonder auch in weit entfernten Ländern läuten – beispielsweise in Kapstadt. Die Herstellung einer Glocke ist sehr schön, aber sehr schwer, auch physisch schwer. Es ist beachtenswert, dass in unserer Familie das Können immer die Mutter an ihre Tochter weitergibt. Als wir zu Jahresbeginn die Formen für diese drei Glocken aus Lehm schufen, war es sehr frostig und die Arbeit war recht hart. Die drei Glocken wurden im Februar und im März gegossen. Es freut mich aber, dass sie jetzt gemeinsam mit den anderen vier Glocken läuten und die Leute in die Kirche einladen werden.“

Festgottesdienst zum 450. Jahrestag der Wiederherstellung der Prager Erzdiözese  (Foto: Martina Schneibergová)
Die Glockengießerin war natürlich auch dabei, als die Glocken nach einem Festgottesdienst zum 450. Jahrestag der Wiederherstellung der Prager Erzdiözese läuteten.

Der Prager Erzbischof Kardinal Dominik Duka hat die Glocken vor der Installation im Kirchenturm gesegnet. Er zelebrierte gemeinsam mit dem Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn und weiteren kirchlichen Würdenträgern den Gottesdienst, nach dem die Glocken zum ersten Mal zu hören waren. Auf dem Burghof rund um den Veitsdom haben Hunderte von Menschen auf das Glockengeläut gewartet. Kardinal Duka sagte bei dieser Gelegenheit gegenüber Radio Prag:

„Es ist kein Zufall, dass es im Veitsdom gerade sieben Glocken gibt. Die Zahl sieben gilt in den Religionen als eine Zahl der Vollkommenheit. Dies soll bedeuten, dass auch die Kathedrale vollkommen ist. Es ist erfreulich, dass die neuen Glocken dank Sponsoren hergestellt werden konnten, die aus verschiedenen Gesellschaftssparten kommen. Dies halte ich für ein Zeichen einer guten Zusammenarbeit zwischen Kirche, dem Kulturbereich und der Gesellschaft in der Zukunft.“

Foto: Richard Horák,  Archiv der Prager Erzdiözese
Eine der neuen Glocken heißt Dominik. Dies hat aber mit Ihrem Namen nichts zu tun. Wie entstand der Glockenname?

„Das hat mit dem heiligen Dominikus nichts zu tun. Es handelt sich um Glocke, die am Sonntag benutzt wurde, und Sonntag heißt im lateinischen dies dominica. Darum wurde die Glocke Dominical oder Dominicus genannt. Die Glockengießerei hat die Glocke deswegen mit einem Relief mit dem heiligen Dominikus geschmückt.“

Eine besondere Möglichkeit, die Glocken zu besichtigen, gibt es während der so genanten Nacht der Kirchen an diesem Freitag, wo die Glöckner Sonderführungen anbieten. Den Kirchenturm des Veitsdoms kann man aber auch an anderen Tagen besteigen.