Die Platte lebt

Foto: Barbora Kmentová
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Wenn man auf dem Prager Laurenziberg - dem Petřín - steht, dann kann man sie in weiter Ferne erblicken. Die nahezu endlosen Reihen von Plattenbauten. Sie umgeben die Stadt Prag wie Trutzburgen. Wie lebt es sich am Rande der tschechischen Hauptstadt? Und: Steht man als Plattenbaubewohner am Rande Prags auch gesellschaftlich im Abseits? Diesen Fragen ist Christian Rühmkorf in der Prager Südstadt nachgegangen, der größten Plattenbausiedlung Tschechiens.

Endstation Háje. Die Menschen strömen auf langen Rolltreppen aus dem Metroschacht, gehen noch ein paar Meter und verschwinden dann in ihren Wohnungen. Hier in Háje wohnt jeder gleich: in Plattenbauten. Háje ist ein Teil der Prager Südstadt, einer gigantische Plattenbausiedlung, die Anfang der 70er Jahre auf einer Wiese hochgezogen wurde. Obwohl die rechteckigen Beton-Blöcke immer auch etwas an Massentierhaltung erinnern, galt die Bauweise damals als modern, und eine Wohnung „in der Platte“ war erstrebenswert. Auch heute noch haben diese Siedlungen ihren Wert in Tschechien.

„Gott sei Dank gibt es die Plattenbausiedlungen, denn so haben die Leute wenigstens Wohnungen“, sagt die 65-jährige Marta Svobodová und beschneidet in der Nachmittagssonne die paar Büsche vor ihrem Plattenbau.

„Ich lebe hier schon seit 30 Jahren. Aber schauen Sie sich das an: Die ganzen Kippen. Wir halten das hier in Ordnung, und den jungen Leuten ist das egal. Aber ansonsten lebt man hier gut. Ich hoffe, dass ich bleiben kann und hier sterben werde!“

Während man sich in der Prager Südstadt über ein paar Zigarettenkippen ärgert, sind vergleichbare Plattenbausiedlungen im Osten Deutschlands oft völlig heruntergekommen. Häufig handelt es sich um soziale Brennpunkte – sofern die Wohnungen überhaupt noch vermietet werden können.

„In Tschechien leben so viele Menschen in Plattenbauten, dass wir gar nicht mit solch einer Verachtung auf diese Art des Wohnens hinabschauen können“, sagt Stadtsoziologe Michal Illner.

Noch heute wohnt ein Drittel aller Tschechen in Plattenbauten, zumeist in riesigen Siedlungen am Rande der Städte. Der Grund, warum in den 60er / 70er Jahren so viele Plattenbausiedlungen hochgezogen wurden, war der große Zustrom von Arbeitskräften vom Land in die Stadt. In jener Zeit gab es eine dramatische Wohnungsnot. Und so waren die Zuziehenden froh, dass für sie moderne Wohnungen mit Kanalisation und Fernwärme gebaut wurden. Michal Illner:

„Das waren Leute, die in der Industrie, die in dieser Zeit aufgebaut wurde, Arbeit fanden. Und der Staat musste sie irgendwie im Dunstkreis der Städte dauerhaft unterbringen. Dieser Druck war gerade Ende der 50 Jahre am größten. Das kommunistische Regime musste sich zügig etwas einfallen lassen, um den Leuten ein Dach über dem Kopf zu geben.“

Und die Lösung hieß: Plattenbau.

Aber trotz aller Begeisterung für alles Moderne gab es schon Ende der 1970er Jahre kritische Stimmen über die Plattenbauten - unmenschliche Mietskasernen, in deren Anonymität sich der Mensch pulversiert. Die vielfach preisgekrönte Regisseurin und Drehbuchautorin Věra Chytilová machte Furore mit ihrem kritischen Blick auf die neuen grauen Beton-Siedlungen. In ihrem Film „Geschichte der Wände“ (Panelstory) drehen die Plattenbaubewohner langsam aber sicher durch. Und denjenigen, die nicht dort wohnen, reißt der Geduldsfaden, wenn sie unter den eintönigen Blöcken die Hausnummer 27/86 nicht finden.


Stadtsoziologe Illner lebt schon lange in einer Prager Plattenbausiedlung am Stadtrand. Er bezeichnet sich als „Plattenbau-Patriot“ und ist ein Beispiel dafür, dass in Tschechien keinesfalls nur Sozialhilfeempfänger in der Platte wohnen.

„Von Anfang an war die soziale Zusammensetzung in den Plattenbauten gemischt. Da wohnten Leute mit ganz unterschiedlichen Bildungsgraden und Berufen. Das ist heute noch so. Dennoch verzeichnen wir einen leichten Wegzug aus den Plattenbausiedlungen. Menschen, die mittlerweile besser verdienen, ziehen in Häuser mit mehr Komfort. Aber dieser Prozess ist noch nicht so stark, dass er die Sozialstruktur dieser Siedlungen grundlegend verändert hätte.“

Das Straßenbild der Prager Südstadt bestätigt das. Hier scheint auch der Mittelstand zu Hause zu sein. Ehepaar Novák kommt mit seinem 11-jährigen Sohn gerade vom Supermarkt.

„Uns geht es gut hier. Nicht weit von hier gibt es einen See, einen Wald, dann noch einen Stausee, es gibt ein Kino und natürlich den Metroanschluss. Wir sind also in kurzer Zeit im Zentrum. Das ist gut.“

Es gebe viele junge Leute mit Kindern in der Siedlung, berichtet Petra Nováková weiter. Und an Spielplätzen herrsche kein Mangel. Auch ihr Sohn Ondra ist zufrieden:

„Ich lebe hier gern. Ich habe viele Freunde in der Schule. Die ist gleich hier über die Straße rüber. Hier sind überall Schulen.“

Von Tristesse und Wegzug also keine Spur in der Prager Südstadt. Im Gegenteil. Ein junges Paar kommt gerade von einer Wohnungsbesichtigung:

„Wir werden hierher ziehen und wir freuen uns darauf. Wir haben vorher im Stadtteil Modrany zur Miete gewohnt. Hier haben wir uns jetzt eine Zwei-Zimmer-Wohnung gekauft“, sagt die junge Frau lächelnd.

Prager Südstadt
Wenn Kindern kämen, wollten sie aber lieber ein Häuschen bauen. Da sind sich die beiden einig:

„Die Wohnung hier ist nur für den Übergang. Aber eine Investition für später. Man kann sie vermieten oder ein bisschen mit ihr spekulieren.“

Endstation für die Prager Südstadt? Danach sieht es vorerst nicht aus, meint auch Stadtsoziologe Michal Illner:

„Es wird mit Sicherheit noch einige Zeit anders sein als in Deutschland. Es wird nicht zum Abriss oder zur massenweisen Entvölkerung der Plattenbauten kommen. Langfristig glaube ich allerdings, dass manche Siedlungen eingehen werden, so dass man sie abreißen muss.“


Dieser Beitrag wurde am 11. März 2010 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.