Die Strahlung, die unbemerkt tötet – hohe Radon-Gefahr in Tschechien

Radon-Exposimeter (Foto: Alex v76, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Angeblich ist ein Drittel der Tschechen von radioaktiver Strahlung bedroht. Und zwar geht es um Radon, das natürlich im Boden vorkommt, sich in Gebäuden ausbreiten kann und so bei entsprechender Konzentration zur Entstehung von Lungenkrebs beiträgt. Dadurch sollen hierzulande, wie Medien vor kurzem berichteten, prozentual gesehen so viele Menschen sterben wie in keinem anderen Land der Welt. Deswegen besteht bereits seit vielen Jahren hierzulande auch ein Radon-Aktionsplan. Kritiker halten jedoch die tschechischen Richtwerte für zu niedrig.

Radon-Exposimeter (Foto: Alex v76, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Man muss nicht rauchen, um für Lungenkrebs gefährdet zu sein. Denn es besteht eine weitere Ursache, die aber nicht so bekannt ist: das radioaktive Edelgas Radon. In Tschechien lassen sich jedes Jahr mehrere Hundert Lungentumore darauf zurückführen, dass die Betroffenen zu Hause dieses Gas eingeatmet haben. Zugleich weiß ein Teil der Bevölkerung gar nicht, in welcher Gefahr er schwebt. Dabei haben die tschechischen Behörden bereits vor vielen Jahren ein Programm lanciert, um aufzuklären. Und das ist angesichts der Lage hierzulande auch dringend notwendig. Ivana Fojtíková vom tschechischen Amt für Strahlenschutz (SÚRAO) bezeichnet die Radonbelastung in Tschechien als „ziemlich hoch“:

Ivana Fojtíková und Kateřina Rovenská (Foto: Till Janzer)
„Sie ist eine der höchsten in Europa und sogar weltweit. Österreich ist zwar vergleichbar, aber dennoch etwas geringer. Dort liegt der Mittelwert bei 99 Becquerel pro Kubikmeter Luft, bei uns bei 118 Becquerel. In Deutschland ist die Belastung sehr viel niedriger, bei einem Mittelwert von 50 Becquerel. Der Grund liegt in unserem geologischen Unterbau.“

Das heißt, die Gesteine hierzulande enthalten relativ viel Uran.

Insgesamt sterben jährlich in Tschechien 5000 Menschen an Lungenkrebs. Hiesige Behörden gehen davon aus, dass 900 der Opfer auf Radon zurückzuführen sind, und das bei nur knapp über zehn Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 2000 Radon-Tote bei acht Mal mehr Einwohnern.

Foto: Barbora Kmentová
Doch welche Gebiete hierzulande sind besonders belastet?

„Es gibt viele, und es wäre nicht richtig, nur ein oder zwei zu nennen. Deswegen behandeln wir ganz Tschechien als Radon-Risikogebiet. Es gibt genauso Gegenden, in denen die Wahrscheinlichkeit einer hohen Radonkonzentration in Häusern sehr niedrig ist. Aber auch in diesen Gebieten finden sich Häuser und Schulen mit sehr hoher Konzentration“, so Fojtíková.

Vor 15 Jahren bereits hat die tschechische Regierung den ersten nationalen Aktionsplan gegen Radon aufgelegt. Der aktuelle Plan entstand 2010. Ziel ist es zunächst, über die Gefahr durch das radioaktive Gas zu informieren, das betrifft im Prinzip alle Hausbesitzer. Im nächsten Schritt geht es um die Messungen. Die billigste Variante ist kostenlos und erfolgt durch einen weißen Plastikbehälter mit einem kleinen Detektor, diese Apparatur nennt sich Radon-Exposimeter. Der Detektor enthält einen Plastikfilm aus Polycarbonatfolie. Der Nachteil: Man sollte mindestens zwei Monate, besser ein ganzes Jahr lang messen. Kürzere Messungen mit elektrischen Geräten kosten hingegen etwas.

Radonstrahlung (Foto: Ernest Rutherford, Public Domain)
Wichtig sind dabei die Wohnräume, also dort, wo man sich lange Zeit aufhält. Außerdem nimmt die Radonkonzentration vom Keller bis in die weiteren Stockwerke ab, das Parterre ist also die besonders gefährdete Zone.

Wenn erhöhte oder hohe Radonkonzentration festgestellt wird, kommt es auf den jeweiligen Fall an, was man machen sollte. Kateřina Rovenská vom tschechischen Strahlenschutzamt:

K. Latham, CC BY-NC-SA 2.0
„Die erste und einfachste Methode ist, mehr zu lüften. Damit kann man aber nicht hohe Konzentrationen von Radon beseitigen. In diesem Fall müssen technische Lösungen her, die verhindern, dass das Radon überhaupt ins Haus gelangt. Die beruhen zum Beispiel darauf, den Unterdruck unter dem Haus zu erhöhen und dadurch die Bodenluft abzusaugen.“

Im Radon-Aktionsplan geht es auch um die Belastung in öffentlichen Gebäuden, vor allem in Schulen und Kindergärten. Ivana Fojtíková:

„Wenn man sieht, dass die Konzentrationen höher sind, als es unsere Gesetze und Richtwerte erlauben, dann muss man zu technischen Mitteln greifen. Die Messungen in diesen Gebäuden sind besonders wichtig, weil sich die Kinder ja den ganzen Tag in den Räumen dort aufhalten. Unser Staat unterstützt diese Messungen finanziell. Wir haben in den letzten fünf Jahren mehr als 500 Schulen und Kindergärten überprüft, von ihnen hatten etwa zehn Prozent erhöhte Radonkonzentrationen.“

Evžen Korec (Foto: Archiv Ekospol)
Und in diesen Fällen wurden dann die Schulgebäude nachträglich so saniert, dass die Kinder nicht mehr durch hohe Radonkonzentrationen gefährdet sind.

Doch es gibt Kritiker, die sagen, dass die Richtwerte für Radon in Tschechien nicht genügend scharf seien. Zu ihnen gehört Evžen Korec. Der ausgebildete Onkologe ist Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Immobilienfirma Ekospol:

„Ich bin der Meinung, dass es sehr viel helfen würde, wenn der empfohlene Richtwert für die Raumkonzentration von Radon bedeutend herabgesetzt würde. Derzeit liegt dieser Richtwert für Neubauten bei 200 Becquerel pro Kubikmeter Luft und im Fall einer Renovierung von bestehenden Häusern bei 400 Becquerel. Bei diesen Werten wird aber nach den Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation und weiteren Institutionen immer noch die Gesundheit geschädigt. Der empfohlene Richtwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO, Anm. d. Red.), den auch Deutschland mittlerweile übernommen hat, liegt bei 100 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Ich denke, die erste Voraussetzung, damit das tschechische Radonprogramm wirklich erfolgreich sein und Lungenkarzinome reduzieren kann, wäre die Senkung der Empfehlungswerte auf die Höhe wie in Deutschland, ohne Unterscheidung zwischen bestehenden Häusern und Neubauten.“

Foto: Archiv U. S. National Institutes of Health, Public Domain
Derzeit ist das jedoch nicht geplant. Kateřina Rovenská vom Strahlenschutzamt in Prag weist zudem darauf hin, dass Tschechien innerhalb Europas eher zu den Ländern mit strengen Empfehlungen gehört:

„In manchen europäischen Staaten bestehen sogar immer noch keine Regelungen für Radon in Häusern. Im vergangenen Jahr hat die Europäische Kommission eine neue Richtlinie herausgegeben, mit der die Anforderungen an den Strahlenschutz noch verstärkt werden. Das betrifft auch das Problem von Radon. Die Richtlinie muss bis 2018 implementiert werden, also auch in Tschechien. In Übereinstimmung mit der neuen Regelung wird auch die Gesetzgebung hierzulande geändert.“

Der Richtwert soll dann immer noch bei 300 Becquerel je Kubikmeter Luft liegen – also beim Dreifachen der Konzentration, die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird. Allerdings handelt es sich auch in Deutschland nur um Empfehlungswerte und nicht um gesetzliche Vorschriften. Eines der größten Risikoregion im Bundesgebiet ist das an Tschechien grenzenden Erzgebirge. Die sächsische Landesregierung empfiehlt zum Beispiel in den Fällen leicht erhöhter Radonkonzentration zwischen 100 und 400 Becquerel pro Kubikmeter Luft das „Lüften der Räume und einfache Heimwerker-Maßnahmen“.