Dirigent Elias Grandy: Radio-Sinfonieorchester Prag ist wie ein 100-jähriger Baum
Das Radio-Sinfonieorchester Prag begeht 2026/2027 seine 100. Saison. Das Eröffnungskonzert der Spielzeit ist als Rekonstruktion des allerersten Konzerts von 1926 geplant. Trotz Bedenken über die Zukunft des Tschechischen Rundfunks, der derzeit unter großem Druck von Seiten des Staates steht, wurde in der vergangenen Woche das ambitionierte Jubiläumsprogramm vorgestellt. Ab September wird Elias Grandy als Chefdirigent den Taktstock übernehmen und sechs Konzerte mit den Radio Symphonikern geben, darunter zwei Abende, die dem 200. Todestag von Ludwig van Beethoven gewidmet sind. Ein Interview mit Chefdirigent Elias Grandy.
Herr Grandy, wir haben uns schon einmal getroffen, als Sie als künftiger Chefdirigent des Prager Radio-Sinfonieorchesters vorgestellt wurden. Jetzt sind die Pläne schon viel konkreter, die 100. Saison steht bevor. Was planen Sie also in dieser Spielzeit?
„Ein 100. Geburtstag ist natürlich ein unglaubliches Ereignis. 100 Jahre einer Institution, die mit dem Tschechischen Rundfunk so eng verknüpft ist, ist ein Moment, in dem es sich lohnt, innezuhalten, sich einfach die Schönheit und den Wert dieser Institution in Ruhe anzuschauen und zu genießen.“
Sie haben das Orchester mit einem 100-jährigen Baum verglichen. Können Sie dieses Bild ein bisschen erläutern?
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„Ich glaube, wir sollten uns erlauben, gewachsene Dinge in unserem Leben manchmal bewusster wahrzunehmen. Wenn man durch Prag läuft, wenn man in der Tschechischen Republik unterwegs ist, wenn man hier lebt, sieht man manchmal nicht so klar den Wert dessen, was einfach jeden Tag vorhanden ist. Es gibt Geschichten, dass ein Baum irgendwo gefällt wurde und die Menschen auf einmal merkten, dass er ihnen eigentlich fehlt. Deswegen ist das für mich ein schönes Bild, wenn wir uns vorstellen, dass ein Baum gewachsen ist und durch alle verschiedenen Wetterformen, durch Sturm und Regen und Sonne lebt. Er lebt durch die verschiedenen Jahreszeiten, lebt die Geschichte mit einer Stadt, einer Nation, einer Gemeinschaft. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns den Wert eines solchen 100 Jahre alten Baumes bewusst machen, weil wir ihn manchmal für selbstverständlich nehmen. Aber wenn er weg ist, merken wir erst, was uns fehlt. Deswegen hilft mir dieses Bild, um zu verstehen, was diese gewachsenen Institutionen bedeuten. SOČR ist jetzt in meiner Verantwortung, aber es betrifft auch viele andere Institutionen. Für ein Land, für eine Gemeinschaft, für eine Stadt besteht darin ein Wert und eine Identität, die wir nicht unterschätzen sollten.“
Mit dem Eröffnungskonzert der 100. Saison im September gehen Sie direkt auf die Wurzeln des Orchesters zu. Wie wird das aussehen?
„Das Eröffnungskonzert ist wie das Samenkorn, das diesen Baum hat wachsen lassen. Das Programm beinhaltet die Zweite Symphonie von Zdeněk Fibich, die Ouvertüre zu Smetanas ‚Verkaufter Braut‘, die beiden Romanzen für Geige und Orchester von Beethoven und eine Auswahl aus Dvořáks ‚Legenden‘. Ich finde, dieses Programm reflektiert auf sehr schöne Weise die Identität des Orchesters. Fibich war zu dem Zeitpunkt zwar nicht mehr ein zeitgenössischer Komponist, aber trotzdem noch ein aktuellerer Komponist, als das 100 Jahre später nun so ist. Beethoven ist eindeutig der Bezug zum klassischen Kanon des Repertoires. Und natürlich Smetana und Dvořák – zwei der großen Komponisten, zu dem Zeitpunkt vielleicht die einzig wirklich existierenden großen Komponisten der tschechischen Musik. Und zu ihnen sind inzwischen mit Janáček, Martinů und weiteren noch viele andere hinzugekommen.“
Dieses Programm kopiert das Programm des allerersten Konzertes der Radiosymphoniker. Stimmt das?
„Es ist genau das identische Programm. Natürlich nicht mehr mit den identischen Leuten, soweit sind wir noch nicht. Aber es ist ganz genau das Programm, wie es auf dem Papier stand. Ich finde es eine wunderbare Idee, diesen Geist wiedererstehen zu lassen und diesen Anlass damit zu feiern. Es handelt sich um eine Rückbesinnung darauf, was in diesem Moment vor 100 Jahren war und was heute in diesem Moment passiert. Und hoffentlich werden wir in 100 Jahren wieder einen Rückbezug auf dieses Programm haben.“
Wie oft werden Sie sich in der 100. Saison mit dem Orchester treffen? Wie viele Konzerte werden Sie führen?
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„Wir werden uns regelmäßig und viel sehen, wie es einem Chefdirigenten ansteht. Es ist eine etwas gemischte Situation, weil das 100-jährige Jubiläum ein Großereignis ist. Ich bin sehr dankbar, dass Petr Popelka auch nach wie vor präsent sein wird. Daher kann man von einer Übergangssaison sprechen, die wir unter diesem Aspekt haben. Jakub Hrůša wird kommen, auch Cornelius Meister... Es wird viele wunderbare Dirigenten geben, aber ich werde durchaus viel präsent sein.“
Haben Sie schon das Programm dieser Saison beeinflussen können oder übernehmen Sie das, was Ihre Kollegen in Prag bereits geplant haben?
„Es ist eine Mischung. Das hat einfach mit den Planungsvorläufen zu tun. Zu dem Zeitpunkt, als wir entschieden haben, dass wir diese Zusammenarbeit eingehen wollen, gab es natürlich schon einen Planungsstand, den ich einfach so übernommen und mitgetragen habe. Dann bestanden aber noch bestimmte Lücken, deren Ausfüllung ich mitgestalten konnte. Und so, glaube ich, ist es ein sehr eleganter und weicher Übergang von einem ins andere. Das Orchester hatte jetzt eine wunderbare Zeit mit Petr Popelka. Wir führen das einfach in Ruhe so weiter fort, und man wird mehr und mehr Impulse im Laufe dieser und der nächsten Saisons sehen, die auch von mir kommen.“
Sie haben ein Konzert hervorgehoben, in dem sich ein bisschen Ihre eigenen deutsch-japanischen Wurzeln widerspiegeln werden. Was ist das?
„Das ist das Programm mit Martinůs ‚Nipponari‘ und Gustav Mahlers ‚Erster Symphonie‘. Mir ist grundsätzlich immer in jedem Programm wichtig, dass wir ein Thema erzählen, dass das Publikum als ein bestimmtes Sujet unter verschiedenen Gesichtspunkten wahrnehmen kann. In diesem Fall ist dies neben anderen Themen jenes über den Umgang mit dem Verlust einer Liebe. Dies verbindet beide Stücke miteinander. Gleichzeitig ist Gustav Mahler natürlich einer der großen deutschsprachigen Komponisten und Martinů ein tschechischer Komponist. Bei ‚Nipponari‘ handelt es sich um japanische Gedichte, übersetzt ins Tschechische. So kommen verschiedene Fäden zusammen. Aber für das Publikum ist nicht so wichtig, was meine eigene Geschichte dabei ist. Für das Publikum ist viel wichtiger, dass das Programm den Umgang mit den Schwierigkeiten in unserem emotionalen Leben beschreibt.“
Sie übernehmen das Orchester von Petr Popelka, der sich jetzt an zwei Abenden mit dem Orchester verabschiedet hat, bei denen alle Symphonien von Johannes Brahms aufgeführt wurden. Haben Sie sich diese Konzerte angehört?
„Ja, ich bin sehr glücklich und dankbar, dass meine Pressekonferenz in Prag genau zu dem Zeitpunkt lag, als dieser Brahms-Zyklus stattgefunden hat, so dass ich beide Konzerte hören konnte. Es war eine wunderbare Gelegenheit, das Orchester mit Petr Popelka zu erleben. Gleichzeitig bin ich auch ein bisschen neidisch, weil ich selbst gerne den Brahms-Zyklus mit dem Orchester gemacht hätte. Es ist, glaube ich, ein tolles Orchester. Es war ein gebührender Beginn eines Abschieds von dieser wunderbaren Beziehung, die das Orchester mit ihrem Chefdirigenten hatte. Es ist schön, das sehen, erleben und hören zu können und dadurch auch einen Eindruck zu bekommen, an welcher Stelle ich jetzt in diese Geschichte mit eintrete.“
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