Radio-Symphonieorchester Prag und seine Dirigenten: Auf dem Weg zur musikalischen Souveränität

Petr Popelka

Die hundertjährige Geschichte des Radio-Symphonieorchesters Prag (SOČR) ist auch die Geschichte jener Menschen, die es geprägt haben. Dazu gehören etwa seine Chefdirigenten oder ebenso die Dirigenten, die nur kurze Zeit am Pult standen. Wir stellen Sie im Folgenden vor.

Karel Ančerl

Karel Ančerl | Foto: Tschechischer Rundfunk/SOČR

Das Prager Rundfunkorchester nahm seine reguläre Arbeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder auf, gleichzeitig suchte man aber nach einem neuen Leiter. Dieser wurde erst 1947 mit dem Dirigenten Karel Ančerl gefunden. Seine Amtszeit war kurz, aber dennoch entscheidend. Unter Ančerls Leitung trat das Orchester erstmals beim Prager Frühling auf – und zwar gleich dreimal mit einem ausschließlich tschechischen und slowakischen Repertoire. Ančerl legte damit den Grundstein für das spätere Ansehen des Ensembles.

Václav Talich

Václav Talich | Foto: Tschechisches Fernsehen

Václav Talich, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der tschechischen Musik, war von 1949 bis 1952 als künstlerischer Berater bei den Musikensembles des Tschechoslowakischen Rundfunks tätig. Zum Radio-Symphonieorchester kehrte er 1953 zurück sowie beim Festival Prager Frühling 1954, als er sich beim Dirigieren von Dvořáks Slawischen Tänzen mit Alois Klíma abwechselte. Das Orchester zählte in jener Zeit bereits einhundert Mitglieder, was dessen wachsende Bedeutung belegt.

Alois Klíma

Alois Klíma | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

1952 übernahm Alois Klíma den Taktstock, er war bis 1971 der Chefdirigent. Unter seiner Leitung entstanden über eintausend Rundfunkaufnahmen, rund einhundert Uraufführungen fanden statt, und das Repertoire wurde grundlegend erweitert. In seiner Ära bekam das Ensemble 1964 den Namen „Symphonieorchester des Tschechoslowakischen Rundfunks“, nachdem das große symphonische Orchester und ein kleineres Prager Rundfunkorchester zusammengeschlossen worden waren. Zu den bedeutenden Dirigenten dieser Zeit zählten auch Václav Jiráček, Jiří Stárek und Josef Hrnčíř.

Jaroslav Krombholc

Jaroslav Krombholc | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

In den 1970er Jahren wurde das Orchester von Jaroslav Krombholc, einem Operndirigenten und Schüler von Václav Talich, geleitet. Mit den Radio-Symphonikern bewies er, dass sein Metier nicht nur die Oper umfasste, sondern auch die Konzertbühne. Zahlreiche Werke tschechischer Komponisten wurden von ihm uraufgeführt. Sein internationales Renommee trug dazu bei, dass mehrere Dirigenten von Weltrang wie Serge Baudo, Gennadi Roschdestwenski und Charles Mackerras mit dem Orchester zusammenarbeiteten.

František Vajnar

František Vajnar | Foto repro: SOČR 100,  Pokorný Milan,  2026

Wie sein Vorgänger kam auch František Vajnar vom Nationaltheater zum Radio-Symphonieorchester. Zum Zeitpunkt seiner Ernennung stand er auf dem Höhepunkt seiner Karriere – er dirigierte die Tschechische Philharmonie, arbeitete in Schweden und lehrte an der Prager Musikhochschule Hamu. 1985 verließ er seinen Posten im Radio aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Leitung des Senders, trotzdem hat er aber das Orchester nachhaltig geprägt.

Vladimír Válek

Vladimír Válek | Foto repro: SOČR 100,  Pokorný Milan,  2026

Die längste und wohl bedeutendste Ära in der Geschichte des Radio-Symphonieorchesters Prag gehörte Vladimír Válek, der das Orchester unglaubliche 26 Jahre lang (1985–2011) leitete. Unter seiner Führung wandelte sich das Ensemble vom Studioorchester zu einem international renommierten Konzertensemble. Válek holte Spitzenmusiker ins Orchester, öffnete die Türen nach Japan, China und in die USA und sorgte mit den Musikern für über eintausend Aufnahmen. 2014 wurde er in die Ruhmeshalle des Tschechischen Rundfunks aufgenommen.

Ondrej Lenárd

Ondrej Lenárd | Foto: Petr Horník,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Der slowakische Dirigent Ondrej Lenárd knüpfte in den Jahren 2011 bis 2017 an die Ära Válek an. Er brachte seine Erfahrung als Leiter der Slowakischen Philharmonie und des Tokyo Philharmonic Orchestra mit und schuf eine enge künstlerische Partnerschaft zwischen dem Dirigenten und dem Orchester. Über das Radio-Symphonieorchester Prag sagte er: „Man kann das Mikrofon nicht täuschen. Die Arbeit mit einem Radioorchester ist eine großartige Schule. (…) Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens.“

Alexander Liebreich

Alexander Liebreich | Foto: Tomáš Vodňanský,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Die Wirkungszeit von Alexander Liebreich in den Jahren 2018 bis 2022 war stark von der Corona-Pandemie beeinträchtigt, dennoch gelang es ihm, eine enge künstlerische Bindung zum Orchester aufzubauen. „Prag ist eine der großartigsten Musikstädte Europas“, sagte er beim Antritt seines Amtes – und diese Begeisterung behielt er bis zu seinem Wechsel nach Valencia bei.

Petr Popelka

Bedřich Smetana: „Má vlast“ – Petr Popelka dirigiert das Sinfonieorchester des Tschechischen Rundfunks | Foto: Michal Fanta,  SOČR

Im September 2022 übernahm Petr Popelka, ein ehemaliges Mitglied der SOČR-Kontrabassgruppe, die Leitung des Radio-Symphonieorchesters Prag. Popelkas Dirigierkarriere begann 2019 beim NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg, wenig später wurde er Chefdirigent des Norwegischen Rundfunkorchesters in Oslo. Er dirigierte unter anderem die Bamberger Symphoniker, die Wiener Symphoniker, das Chicago Symphony Orchestra und Pittsburgh Symphony Orchestra. 2026 debütierte er mit den Berliner Philharmonikern.

Popelkas Arbeit ist für das Tschechische Radio-Symphonieorchester unverzichtbar. Große Projekte wie Schönbergs „Gurre-Lieder“ oder „Tausend Stimmen des Advents“ haben sich dem Publikum tief eingeprägt. Eine besondere Ehre war das Angebot des Festivals „Prager Frühling“, in diesem Jahr das Eröffnungskonzert zu spielen. Popelkas Karriere geht nun bei den Wiener Symphonikern weiter, bei denen er seit der Saison 2024/2025 Chefdirigent ist.

Elias Grandy

Den Taktstock in Prag übernimmt nun Elias Grandy. Der deutsch-japanische Dirigent prägte als Generalmusikdirektor in Heidelberg acht Jahre lang maßgeblich die dortige Opern- und Konzertlandschaft. Im vergangenen Jahr wurde er Chefdirigent des Sapporo Symphony Orchestra. Grandy  schlägt mit seiner internationalen Ausrichtung und einer unverwechselbaren künstlerischen Vision ein neues Kapitel für das Orchester auf.

Elias Grandy | Foto: Matěj Komár,  Tschechischer Rundfunk
Autor: Milan Pokorný
schlüsselwörter:
abspielen