Vom Einspringer zum Chefdirigenten: Elias Grandy übernimmt Leitung der Prager Radio-Symphoniker

Elias Grandy

Das Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks bekommt in seiner 100. Saison einen neuen Chefdirigenten. Der Deutsch-Japaner Elias Grandy löst in der Spielzeit 2026/2027 Petr Popelka am Dirigentenpult ab. In den vergangenen Spielzeiten arbeitete Grandy unter anderem mit dem HR-Sinfonieorchester, den Wiener Symphonikern, dem Yomiuri Nippon Symphony Orchestra und mehreren Opernhäusern zusammen. In diesem Jahr wurde er Chefdirigent des Sapporo Symphony Orchestra. Sein neues Engagement in Prag wurde in der vergangenen Woche feierlich bekanntgegeben.

Herr Grandy, herzlichen Glückwunsch! Sie wurden gerade als künftiger Chefdirigent des Prager Radio-Symphonieorchesters vorgestellt. Wie kam es dazu, dass Sie diesen Posten bekommen haben?

Elias Grandy | Foto: Matěj Komár,  Tschechischer Rundfunk

„Das geht auf ein Konzert zurück. Ich glaube, es ist unabdingbar, weil man nicht eine Beziehung eingehen kann, ohne dass man sich vorher einmal getroffen hat. Vielleicht machen das manche Leute so, ich würde es aber nicht empfehlen. Wir hatten im März dieses Jahres ein Konzert zusammen, und es gab einfach von Anfang an eine wunderbare Atmosphäre, eine Verbindung, ein gemeinsames Verständnis, wie wir Musik machen wollen, was uns mit der Musik wichtig ist, bis hin dann zum Konzerterlebnis gemeinsam mit dem Publikum. Das war einfach ein besonderes Ereignis, und daraus entsteht dann dieses Gefühl auf beiden Seiten.“

Eigentlich war auch dieses Konzert im März dieses Jahres ein Zufall. Sie sind damals eingesprungen, oder?

„Wir hatten im März dieses Jahres ein Konzert zusammen, und es gab einfach von Anfang an eine wunderbare Atmosphäre, eine Verbindung, ein gemeinsames Verständnis, wie wir Musik machen wollen.“

„Ja, genau, es war ein Einspringer. Und wie es manchmal so geht, standen die Sterne richtig, oder wie auch immer man sagen will. Ich wusste allerdings nicht, dass das Orchester auf der Suche ist nach einem neuen Chefdirigenten. Aber ich habe mich gefreut, und es war ein wunderbares Programm mit Bacewicz, Rachmaninows Paganini-Variationen und Prokofjews Fünfter Sinfonie. Und wie es manchmal so ist und wie man auf Deutsch sagt: Unverhofft kommt oft.“

Was folgte danach? Wann kam das Angebot von der Orchesterleitung aus Prag?

„Wir alle mussten erst einmal ein bisschen besprechen, wie das jetzt gewesen und was da gerade passiert ist… Und dann dauert das manchmal länger, manchmal kürzer. In diesem Fall ging es relativ schnell – was, glaube ich, einfach ein schönes Zeichen für die Zusammenarbeit ist. Es ist ein bisschen wie Speed-Dating. Man lernt sich kennen, und wenn dann auf beiden Seiten dieses Gefühl ist von ‚Wir wollen mehr davon‘, dann muss man auch nicht lange überlegen. Und ich finde, es spricht sehr auch für das Management hier und für den Tschechischen Rundfunk allgemein, dass man dann nicht gezögert hat und es so gepasst hat.“

Elias Grandy | Foto: Vojtěch Brtnický,  SOČR

Was war der wichtigste Grund, warum Sie das Angebot angenommen haben?

„In Prag ist ein sehr waches, aufmerksames, informiertes und gebildetes Publikum.“

„Ich glaube, das Wichtigste ist immer, wie man gemeinsam Musik macht. Und dann kommt mit hinzu, dass ich die Woche in Prag und auch das Konzert mit dem Publikum sehr genossen habe. Ich finde, es ist ein sehr schönes Publikum. Es ist ein sehr waches, aufmerksames, informiertes und gebildetes Publikum. Und gleichzeitig ein Publikum, das einfach eine hohe Musikalität besitzt. Das habe ich einfach in wunderbarer Erinnerung. Und es ist immer das Zentrum der Arbeit. Man wird professioneller Musiker, weil man in einem Konzert das herstellen möchte, was die Musik zu sagen hat, und dies bei den Menschen auch ankommen soll. Das habe ich hier wirklich als sehr speziell empfunden. Und jetzt ist meine Aufgabe, es irgendwie weiterzuführen.“

Sie haben während der Pressekonferenz betont, dass jedes Konzert, das Sie mit dem Orchester machen möchten, ein großes emotionales Erlebnis sein soll. Welche Mittel haben Sie dafür. Sie spüren also bestimmte Emotionen, die ein Stück, eine Komposition in Ihnen hervorruft. Sie müssen diese Emotionen aber auch zunächst den Spielern, dem Orchester vermitteln und über sie dann dem Publikum. Welche Mittel hat ein Dirigent dazu? Es geht ja nicht nur um die Musik, sondern auch um seine Fähigkeit, das weiterzugeben…

Elias Grandy | Foto: Matěj Komár,  Tschechischer Rundfunk/SOČR

„Das ist eine interessante Frage. Und ich glaube, viele Antworten haben Sie schon selbst gegeben. Am Ende geht es immer um die Musik, oder es geht immer durch die Musik. Für mich ist es vielleicht gar nicht so sehr die Frage, welche Gefühle eine Komposition in mir hervorruft. Sondern die wesentliche Frage besteht eigentlich darin, was der Inhalt des Stückes ist, was – wie man auf Deutsch sagt – zwischen den Zeilen, also zwischen den Noten liegt. Die Worte allein machen noch nicht den Inhalt aus, sondern das, was dazwischen liegt, dahintersteht und diese besondere Verbindung ausmacht. Die Kombination aus Noten ergibt den Inhalt. Ich glaube, die Komponisten hoffen, dass sie dann eben  auf Musiker treffen, die verstehen, was sie geschrieben haben – die diese Sprache verstehen. Und dies zum Leben zu erwecken, es lebendig zu machen ist immer unsere Aufgabe. Wenn alles gut zusammenkommt, entsteht eben ein besonderes emotionales Erlebnis. Die Musik, von den großartigen Komponisten, die wir über die Jahrhunderte hatten, bis zu den heute lebenden Komponisten, ist einfach das Wunder. Es ist die Magie in der Musik, uns in einer Weise anzusprechen, dass sie den Gefühlen Ausdruck verleiht, ohne dafür Worte zu verwenden.“

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Chefdirigent eines Orchesters in diesem Fall, also des Prager Rundfunk-Symphonie-Orchesters? Worin unterscheidet sich diese Arbeit von jener, wenn Sie mit einem Orchester ein einzelnes Konzert einstudieren?

Elias Grandy | Foto: Matěj Komár,  Tschechischer Rundfunk/SOČR

„Es ist einfach eine andere Verantwortung. Es geht auch mehr darum, die großen Linien zu sehen, die mittel- und langfristige Entwicklung des Orchesters mitzuberücksichtigen. Man hat nicht einfach nur den Fokus: Ok, jetzt schauen wir, dass wir am Tag X in drei oder vier Tagen ein gutes Konzert hinkriegen. Es spielt immer die Überlegung hinein: Wie können wir das aufbauen, was ist gut, was wollen wir weiter pflegen und behalten, woran müssen wir arbeiten? Diese Fragen sind viel präsenter in der Aufgabe als Chefdirigent, als wenn man ‚nur als Gastdirigent‘ irgendwo ist.“

Im Rahmen Ihrer Arbeit mit einem tschechischen Orchester werden Sie sicher mehr Gelegenheit haben, sich mit der tschechischen Musik zu beschäftigen als bisher. Haben Sie überhaupt die Möglichkeit gehabt, tschechische Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu interpretieren, zu dirigieren?

„Mit Freude hatte ich das Gefühl, dass es da etwas gibt, was zwar zur Tradition und zum Erbe hier gehört, und ich es trotzdem ein bisschen mitbringen kann.“

„Ja. Es gibt, und das spricht schon für sich, viele tschechische Komponisten, die absolut zum Standardrepertoire gehören. Natürlich sind das Dvořák, Smetana, Janáček und bis zu einem gewissen auch Martinů. Und dann gibt es eben viele weitere darüber hinaus, die für mich jetzt unglaublich schön sind zu entdecken. Das führt hin bis zu Komponisten, bei denen ich fast das Gefühl habe, dass sie auch hier noch ein bisschen entdeckt werden müssen. Sie gehören absolut auch in diese reiche Tradition und dieses reiche Erbe des Musikmachens hierzulande. Ich meine Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann, Gideon Klein oder Pavel Haas, das war in den 1920er Jahren ein Komponistenkreis um Alexander von Zemlinsky. Sie sind aufgrund ihrer unaussprechlich tragischen Geschichte jetzt bekannter unter dem Begriff der Theresienstädter Komponisten. Ich möchte eigentlich dem nachgehen, welche Bedeutung sie in den 1920er Jahren in Prag hatten. Interessanterweise handelt es sich um einen Kreis von Komponisten, der hier gar nicht so viel aufgeführt wird. Mit Freude hatte ich das Gefühl, dass es da etwas gibt, was zwar zur Tradition und zum Erbe hier gehört, und ich es trotzdem ein bisschen mitbringen kann.“

Das wäre also einer Ihrer konkreten Pläne mit dem Prager Orchester...

„Es ist etwas Besonderes und Schönes, zu einem 100-jährigen Jubiläum auch den Amtsantritt haben zu können.“

„Ja, wir wollen uns auf alle Fälle mit diesem Kreis von Komponisten beschäftigen. Darüber hinaus hat das Orchester einfach eine große Tradition im sogenannten klassisch-romantischen Standardrepertoire. Und es ist überhaupt keine Frage, dass wir das abdecken werden. Genauso hat das Orchester eine starke Qualität in dem, was wir klassisch und modern nennen, also die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben uns ja kennengelernt mit Prokofjews Fünfter, sie trifft irgendwie sehr dort rein. Ich glaube, das sind so die Schwerpunkte, die wir setzen wollen. Zum einen also die Tradition am Leben zu erhalten, zu pflegen und immer wieder neu zum Leben zu erwecken, und zum anderen hie und da ein paar neue Bausteine in dieses Gebäude einzufügen.“

Sie übernehmen das Orchester in einem sehr besonderen Jahr, nämlich in seiner 100. Saison. Was bedeutet das?

„Erstmal ist das eine große Ehre. Es ist wirklich etwas Besonderes und Schönes, zu einem 100-jährigen Jubiläum auch den Amtsantritt haben zu können. Von daher wird in der Saison die Frage eine große Rolle spielen: Welche Künstler sind aktuell stark mit dem Orchester verbunden? Zum Beispiel hoffe ich natürlich, dass Petr Popelka nach seiner wunderbaren Zeit hier wiederkommen wird. Und auch andere Musikerinnen und Musiker, die einfach eine besondere Verbindung haben, bis hin zu Komponisten, die eine besondere Verbindung zum Orchester haben. Ich hoffe, dass wir das herausstellen. Und gleichzeitig wollen wir einen Reigen haben, um irgendwie – soweit das in einer Saison möglich ist – auch diese 100 Jahre zu überblicken.“