Düstere Zukunft kleiner Kinos in Tschechien

Im Jahr 2008 hatte die tschechische Regierung ein Programm für die staatliche Kulturpolitik bis 2014 aufgelegt. Das Kulturministerium wurde unter anderem damit beauftragt, die tschechischen Kultureinrichtungen auch technisch zu modernisieren. Keine leichte Aufgabe angesichts der unterschiedlichen Probleme unter anderem im Bibliothekwesen, der Musik, dem Theater, dem Film oder in der bildenden und multimedialen Kunst. Und nun fehlt auch noch das Geld, wie sich in der tschechischen Kinobranche gezeigt hat. Im Mai verkündete der Fonds für Förderung und Entwicklung der Kinematographie: Staatliche Fördergelder, die in diesem Jahr für die Digitalisierung regionaler Kinos freigestellt werden sollten, seien bereits ausgeschöpft.

Das sollte in tschechischen Kinos ab kommendem Jahr eigentlich der Vergangenheit angehören: das typische Geräusch herkömmlicher Filmprojektoren. Ab dem 1. Januar 2013 sollten die Verleiher nur noch bespielte Festplatten und nicht mehr große Filmspulen liefern. Die tschechischen Kinos sollten also durchweg eine digitale Ausstattung haben. Noch läuft der Countdown für die Ersetzung der analogen Abspielgeräte, allerdings nur theoretisch. Der Digitalisierungsprozess ist in Wirklichkeit schon jetzt am Ende, obwohl unvollendet. Kinos in kleineren Städten und Dörfern, vielerorts die wichtigsten oder sogar die einzigen Kultureinrichtungen dort, sehen deswegen einer düsteren Zukunft entgegen.

Foto: Petr Kološ, ČRo
In der Kinobranche gab es allerdings schon im vergangenen Jahr vermehrt Stimmen zu hören, dass landesweit rund 200 Kinos die erforderlichen Investitionen für ihre Digitalisierung nicht tragen können. Dutzenden von ihnen drohe deswegen die Schließung, hieß es. Im April dieses Jahres fand dann eine Konferenz unter dem Titel „Digitalisierung – Rettung oder Vernichtung kleiner Kinos?“ am Rande der 19. Europäischen Filmwoche in Prag statt. Die Teilnehmer – Filmproduzenten, Kinobetreiber, Vertreter des Kinoverleihs und anderer Unternehmen aus der Kinobranche – sprachen konkret über den Stand der Dinge.

Petr Vítek
Die Uhr zeige fünf Minuten vor zwölf, doch dies sei mittlerweile passé, denn in Wirklichkeit sei es fünf nach zwölf. Mit diesen Worten leitete Petr Vítek, Mitglied der „Digital Experts Group“ bei der Europäischen Kommission, die Konferenz ein. Seiner Feststellung, die Zeit der 35-mm-Filme neige sich ihrem Ende zu, ließ er konkrete Zahlenangaben folgen:

„Derzeit gibt es in Tschechien 313 Kinosäle mit DCI-Digitaltechnik in 135 Kinohäusern, 26 davon sind Multiplexkinos und 109 klassische Programmkinos. In der jüngsten Digitalisierungswelle haben 44 Kinos finanzielle Unterstützung zugesagt bekommen. Gegen Ende dieses Jahres könnte es hierzulande etwa 160, vielleicht 170 digitalisierte Kinos geben.“

Aus dieser Bilanz geht eindeutig hervor, dass hierzulande nur die Digitalisierung aller Multiplexkinos vollendet ist. Ihre Abspieltechnik entspricht den Standards der Digital Cinema Initiatives (DCI), einer Organisation, zu der sich bereits 2002 die Hollywood-Hauptstudios vereinigt haben. Ziel der US-amerikanischen Filmproduzenten ist, durch die digitale Produktion, Verbreitung und Vorführung von Filmen an Kosten zu sparen. Dadurch fällt zum Beispiel das aufwendige Umkopieren auf 35mm weg.

Die Mindestkosten für die Digitalisierung eines kleinen Kinosaals liegen in Tschechien bei 1,5 Millionen Kronen, umgerechnet 60.000 Euro. Schon das ist für viele Kinos hierzulande unbezahlbar. Ob die von Petr Vítek in Aussicht gestellte Gesamtzahl der digitalisierten Kinos am Jahresende zu erreichen ist, bleibt höchst fraglich. Auf der Konferenz signalisierte er aber auch bereits Probleme mit der Finanzierung, die schon einen Monat später offiziell bestätigt wurden:

„Der Staatliche Fonds für Kinematografieförderung und die Budgets der Städte und Gemeinden sind die einzigen vorhandenen Finanzquellen. Der Fonds hat aber momentan finanzielle Probleme. Für eine Übergangszeit bleibt er ohne Geldzufluss. Ausgerechnet in diesem Jahr, in dem das Geld so sehr gebraucht wird.“

Jede tschechische Gemeinde hat traditionsgemäß mindestens drei Institutionen: ein Verwaltungsamt, eine Kneipe und ein Kino. Der kulturelle Teil dieser Troika ist nun unmittelbar bedroht. Milan Hrůza betreibt ein Kinohaus im mittelböhmischen Brandýs nad Labem, in dem es auch ein Café sowie einen Saal für Konzerte gibt. Für nicht digitalisierte Kinos in großen Städten sieht er noch Chancen zum Überleben, aber nicht in Brandýs:

Milan Hrůza (links). Foto: Archiv PRODANCE
„Im Zentrum des Geschehens einer Großstadt können sich Kinos, vor allem Programm-Kinos, immer noch durch ihr Angebot von den Multiplex-Kinos unterscheiden und dadurch auch Besucher anlocken. Bei uns in Brandýs ist die Lage völlig anders. Unser Kino ist die einzige Kultureinrichtung. Ihr machen nicht nur Fernsehprogramme und das verbreitete Heimkino mit DVDs, sondern auch leicht erreichbare Multiplex-Kinos am Stadtrand von Prag starke Konkurrenz. Die Besitzer letzterer sind internationale Firmen, die keine Filmfans sind, sich aber nur und allein am Kommerz orientieren. Dem entspricht zum Großteil auch ihr Angebot an flachen Hollywood-Filmen, die bei einem breiten Publikum gut ankommen. Schließlich müssen sie in ihrer Preisstrategie alle Kosten einschließlich der Baukosten einkalkulieren. Hinzu kommen noch die überteuerten Preise für Getränke und Knabberzeugs, was zur Popcornkultur dazugehört.“

Přemysl Šoba
Auf der Prager Konferenz wurden aber auch Bedenken über die Digitaltechnik laut. Zum Beispiel von Přemysl Šoba, dem Ex-Vorsitzenden des Staatlichen Fonds für die Förderung der Kinematographie und Kulturhausleiter im nordböhmischen Teplice:

„Es geht um die Frage von Software und Hardware. Derzeit weiß kaum jemand, welche Nutzungsdauer sie haben. Ob es sieben oder zehn Jahre sein werden, ob es upgrade-fähige Systeme wie beim PC geben wird, oder aber erneut ganz neue Technologien entwickelt werden - das kann heute niemand sagen.“

Befürworter der Digitalisierung verweisen hingegen unter anderem darauf, dass mit ihr die Filmpremieren weltweit synchronisiert werden können. Doch das trifft auf neue Filme zu. Was ist mit den alten? Michal Bregant leitet das tschechische Filmarchiv mit 2300 Titeln. Der älteste Streifen stammt von 1898, dem Entstehungsjahr der tschechischen Kinematografie, der jüngste von 1993, als die staatlichen Filmstudios privatisiert wurden. Er warnt, dass schon bald auch beliebte tschechische Filme wegen der Digitalisierung von Kinos nicht mehr zu sehen sein werden:

„Ich will damit nicht sagen, dass dieser ‚Fortschritt’, den die großen und starken Hersteller von Technologien durchgesetzt haben, direkt in ein Desaster führt. Zumindest aber führt er in eine Sackgasse.“

Es gibt aber doch einen Hoffnungsfunken, dass auch alte Filme für die kommenden Generationen gerettet werden. Aus dem Bestand des tschechischen Filmarchivs wurde eine vorläufige Liste mit 200 Titeln zusammengestellt - eine Art „Best-of“ der tschechischen Kinematografie. Das Filmarchiv, unterstützt vom Kulturministerium, hat mit der digitalen Bearbeitung dieser Streifen begonnen. Laut Michal Bregant geschieht dies in zeit- und kostenaufwendiger Kleinstarbeit:

„In den jeweiligen Film wollen wir in keiner Weise eingreifen. Das heißt zum Beispiel, dass ein Film, der in Stereo-Qualität gedreht wurde, nicht etwa in 5.1 oder 7.1 Dolby Surround überführt wird. Dadurch würde der Film beschädigt. Es handelt sich insgesamt um einen anspruchsvollen Prozess. Jedes einzelne Bild des im Schnitt anderthalb Stunden langen Streifens muss man einscannen und die im Lauf der Zeit entstandenen Schmutzflecken und Kratzer digital entfernen. In der Folge soll der Film erneut zum Zuschauer zurückgelangen - im Kino oder mittels der Fernsehausstrahlung. Tschechische Kinos sollten auch daran interessiert sein, alte Filme in höchster Qualität zu präsentieren. Es ist absolut undenkbar, sie als DVD oder Blue Ray abzuspielen. Das könnte die Filme entstellen.“

„Markéta Lazarová“
Die Bilanz auf diesem Gebiet ist allerdings eher ernüchternd. Erst ein einziger tschechischer Filmklassiker wurde digital überarbeitet. Es ist „Markéta Lazarová“ vom legendären Regisseur František Vláčil. Die digitale Weltpremiere erlebte der Streifen von 1967 im vergangenen Jahr beim Internationalen Filmfestival in Karlsbad. Der Film, der trotz internationaler Auszeichnungen schon bald nach seiner Entstehung von der kommunistischen Zensur verboten und für 20 Jahre in den Tresor gesperrt wurde, findet seitdem wieder den Weg zu einem breiteren Publikum. Auf diesen soll am 30. Juni auch ein Film von Miloš Forman gebracht werden: „Hoří, má panenko“ von 1967, im Deutschen unter dem Titel „Der Feuerwehrball“ bekannt. Die Bühne ist auch diesmal das Filmfestival in Karlsbad, jedoch aus einem besonderen Anlass – dem 80. Geburtstags des Oscar-Preisträgers.