„Ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ – Karel Plechač über sein Leben

Karel Plechač im Kaukasus (Foto: Archiv von Karel Plechač)

Karel Plechač beginnt mit dem Klettern im Sandstein Nordböhmens und wird ein erfolgreicher Bergsteiger. In seiner aktiven Zeit ist er Mitgründer des nordböhmischen Bergsteigerverbands Spartak Ústí nad Labem. Plechač schafft es zum Lektor und Instruktor alpiner Ausbildungskurse, er leitet Expeditionen und kann auf 5700 Besteigungen, darunter mehrere Erstbesteigungen zurückblicken. Der 79-Jährige lebt noch immer in Nordböhmen und erzählt aus seinem bewegten Leben.

Karel Plechač
Herr Plechač, sie sind 1934 geboren, hier in Türmitz / Trmice in Nordböhmen, in einer kleinen Stadt, fünf Kilometer von Ústí nad Labem /Aussig entfernt. Ihre Familie war „gemischtsprachig“. Wie würden Sie selbst das definieren?

„Ja, so ähnlich könnte man das nennen. Ich wurde zur Zeit der Tschechoslowakischen Republik geboren. Damals hatte man die Möglichkeit, die Kinder in die tschechische oder die deutsche Schule zu schicken. Und unsere Familie war ein typischer Fall einer gemischten Ehe. Die Großeltern mütterlicherseits sprachen nur Tschechisch, und die Großeltern väterlicherseits waren auch eine Mischehe, die Großmutter war eine Deutsche. Ich habe also von klein auf beide Sprachen gelernt, was hier eigentlich auch sehr leicht war.“

Vertreibung der Sudetendeutschen (Foto: Bundesarchiv)
Nach dem Krieg gab es ja hier im Kreis Ústí die Vertreibungen. Wie kommt es, dass Sie hier geblieben sind?

„Das war eigentlich ein Zufall. Da mein Vater in Türmitz ein Haus gebaut hatte und Deutscher war, hat man uns bei der ersten Vertreibung auf den Bahnhof geschickt. Dort befanden sich schon die weiteren Bürger deutscher Nation; aber natürlich nicht alle. Wir aber sollten also abfahren. Doch ein Zufall wollte es, dass unsere tschechische Großmutter irgendwie erfuhr, dass wir schon auf dem Fußballplatz unweit des Bahnhofs warteten. Und die kam dorthin und lamentierte: ‚Meine tschechischen Kinder, meine Kinder!’ Ein Offizier der tschechischen Armee wurde darauf aufmerksam. Er kam zu uns und sagte: ‚Was? Diese Kinder sprechen Tschechisch?’ Da hat er uns einige Fragen gestellt und war überrascht, dass wir Tschechisch und Deutsch sprachen. Er hat dann eine Genehmigung geschrieben und wir konnten in unser Haus, wo uns bereits jemand erwartete, zurückkehren.“

Karel Plechač und Jan Džurban in der Hohen Tatra (Foto: Archiv von Karel Plechač)
Wie ging es dann weiter mit Ihnen? Sie haben ja eine recht bemerkenswerte Karriere gemacht und zwar – man würde es vielleicht nicht vermuten für jemanden aus Nordböhmen – als Bergsteiger. Wie fing das an?

„Das hängt irgendwie mit der schwierigen Jugend zusammen. Wir wurden als angeblich deutsche Familie betrachtet, und ich hatte große Schwierigkeiten, meinen Platz im System zu finden. Das begann schon bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, einer Lehre. Ich habe dann Werkzeugschlosser gelernt, aber ein Studium wurde mir aufgrund der Tätigkeit meines Vaters nicht erlaubt. (Plechačs Vater war Inhaber eines Geschäfts und wurde als Deutscher zur Wehrmacht eingezogen, Anm. d. Red.) Das Bergsteigen begann ich hier in den Sandsteinfelsen unserer Heimat. Später habe ich in Ústí den Bergsteigerclub ‚Spartak’ mitbegründet. Wir haben Reisen in die Hohe Tatra und ins Ausland unternommen. Ich kam dann irgendwie in eine so genannte ‚tschechische Gruppe’, die Nationalmannschaft. Da bin ich 1965 zum ersten Mal in die Alpen gefahren und habe dort die Watzmann-Ostwand und weitere schwierige Stellen durchstiegen. Das war eigentlich der Anfang. Später ging es dann noch auf höhere Berge. Ich war auch Trainer und Ausbilder erster Klasse und habe dann später die so genannte Bergsteigermeisterklasse erhalten.“

Karel Plechač im Kaukasus (Foto: Archiv von Karel Plechač)
Wie war das denn in der Tschechoslowakei, einem kommunistischen Staat? Als Bergsteiger zieht es einen ja in die Ferne, man möchte auch andere Berge besteigen als Gipfel in der Hohen Tatra oder im Kaukasus. War das ein Problem, dass Sie ausreisen durften?

„Die Möglichkeiten waren sehr groß. Man wollte alle Sportarten, wobei Bergsteigen natürlich nicht an der Spitze stand, aus propagandistischen Gründen unterstützen. Das ist ja bekannt aus der DDR, und das war bei uns ebenso. Man wollte also auch gute Erfolge im Bergsteigen erzielen. Aber nicht jeder war frei und konnte fahren wohin er wollte, das war methodisch organisiert und sehr genau durchdacht. Das haben auch wir als Trainer und Ausbilder so gemacht, immer vom Leichten zum Schwierigen. Für die ganze Theorie des Bergsteigens gab es Kurse, die vom Staat bezahlt wurden. So konnte ich zwei- bis dreimal mindestens eine Woche in der Hohen Tatra verbringen und als Ausbilder mit den Kursteilnehmern trainieren. Für die Ausfahrten, wie etwa in den Kaukasus, wo ich dreimal war, wurden dann kleine Gruppen von etwa zehn Personen ausgewählt. Auf diesen Ausfahrten mussten aber auch bestimmte Leistungen erbracht werden; zum Beispiel Erstbesteigungen oder tschechische Erstbesteigungen in der Hohen Tatra, den Alpen oder anderen Hochgebirgen. Ausgehend von diesen Leistungen wurde eine Auswahl für die weiteren Expeditionen getroffen. Da waren auch immer Gruppenleiter dabei, die die Sprache verstehen mussten. Ich hatte natürlich den großen Vorteil, dass ich als Dolmetscher funktionieren konnte, zum Beispiel in Deutschland und Österreich. Von diesen Spitzenleistungen war es abhängig, ob ich weiterhin in der Nationalmannschaft bleiben konnte, mein Platz war da also nicht jahrelang gesichert. Das hat dann auch die Möglichkeit zu ersten offiziellen Expeditionen auf die höchsten Berge eröffnet, in die Anden nach Südamerika, also nach Peru, Bolivien und so weiter. Da war ich aber schon wieder zu alt.“

Pik Lenin (Foto: Archiv von Karel Plechač)
Was war während der kommunistischen Zeit Ihr größter Erfolg, Ihr schönster Berg, Ihr eindrucksvollstes Ergebnis?

„Na ja, es sind sehr viele und es ist sehr schwer, da eine Reihenfolge festzulegen. Auf dem 7000er Pik Lenin im Pamir erkrankte zum Beispiel eine Bergsteigerin, und wir haben sie bei Sturm und Unwetter in fünf Tagen aus 7000 Metern Höhe im knietiefen Schnee nach unten getragen. Sie wurde gerettet. Die Erfolge, auf die ich wirklich Wert lege, waren diese Möglichkeiten, Menschen zu helfen. Und wahrscheinlich, wie ich immer sage: Ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger.“

Richtig frei bewegen konnten Sie sich ja erst nach der Wende 1989. Sie haben dann ein Reisebüro gegründet. Haben Sie das gegründet, um ein Geschäft zu machen oder um sich Ihre Träume zu erfüllen?

Karel Plechač (rechts) auf dem Kilimandscharo (Foto: Archiv von Karel Plechač)
„Sie haben das genau getroffen: Das Geschäft war nicht das Wichtigste. Wir haben nämlich auch eine Sprachschule und eine Übersetzungsagentur gegründet. Das Reisebüro war eigentlich nur dazu da, um unsere Pläne zu verwirklichen. Das haben wir dann voll genutzt, und 14 Jahre funktionierte das; erst vor vier Jahren habe ich es aufgegeben. Und ich habe mir wirklich eigentlich alle meine Wünsche erfüllt: in Peru den Huascarán, in Afrika den Kilimandscharo – das ist kein großes Bergsteigen, aber trotzdem ein fantastischer Berg – sowie 14 Himalaya-Expeditionen auf Berge mit 5000, 6000 und auch 7000 Meter.“

Karel Plechač auf dem Mera Peak (Foto: Archiv von Karel Plechač)
Einen Achttausender haben Sie nicht versucht?

„Nein, da war ich schon zu alt. Aber meinen 65. Geburtstag habe ich auf einem Gipfel, dem Mera Peak im Himalaya, auf 6600 Metern Höhe gefeiert.“

Bergsteigen ist ja auch eine Tätigkeit, die sehr stark mit moderner Technik verbunden ist. Wie ist es mit der Bergsteigerausrüstung – war es ein Problem, da an gute Ausrüstung zu kommen?

Everest-Gruppe (Foto: Archiv von Krael Plechač)
„Wenn ich etwas bei der Sicherheit nicht befolgt habe, dann betraf es die Ausrüstung. Es gab diese Ausrüstung nicht. Als Werkzeugschlosser habe ich vieles selbst hergestellt, zum Beispiel Aluminiumkarabiner, Haken oder Leitern für die technische Kletterei, um die Überhänge zu meistern. Und das war nicht alles. Anzüge, die Kleidung, das lässt sich nicht vergleichen. Lederschuhe, die in zwei, drei Tagen durchnässt waren und zu Frostbeulen an den Füssen führten und so weiter – also das lässt sich nicht vergleichen. Ich muss sagen, das ganze kommerzielle Bergsteigen, dass einer, der genug Geld hat, den Everest angreift und da heraufgeschoben wird, das ist nichts mehr für mich. Ich habe zum Glück 1994 das Gebiet um den Everest gesehen - als es noch klassisch, typisch und ganz freundlich war.“

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