Eine pfiffige Geschichte – Herausgeber Lohr zum Preußler-Hörbuch „Flucht nach Ägypten“

Foto: LOhrBär-Verlag

Otfried Preußler ist eigentlich als Kinderbuchautor bekannt. Doch er hat auch ein Buch für Erwachsene verfasst. Es heißt „Die Flucht nach Ägypten“ und ist eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte, denn die Flucht der heiligen Familie führt in diesem Fall durch das Königreich Böhmen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Lohrbähr-Verlag in Regensburg hat dieses Werk von Preußler vor kurzem als Hörbuch (fünf CDs) herausgebracht. Dazu ein Interview mit Dieter Lohr, dem Gründer und Chef des Verlags. In der Audio-Version finden Sie auch Ausschnitte aus dem Hörbuch.

Foto: LOhrBär-Verlag
Otfried Preußler ist Anfang dieses Jahres gestorben. Im Oktober wäre der Autor 90 Jahre alt geworden. Sie haben zu diesem Anlass „Die Flucht nach Ägypten“ als Hörbuch herausgegeben. Warum gerade dieses Werk von Preußler?

„Das Buch hat Bernhard Setzwein sozusagen entdeckt, also der Sprecher der CD. Er ist eigentlich Schriftsteller und wohnt an der deutsch-tschechischen Grenze in Waldmünchen. Setzwein hat dort im vergangenen Jahr eine Lesung gemacht, er war darum gebeten worden, dass es ein weihnachtliches Buch sein sollte. Üblicherweise wird dort die Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma gelesen. Setzwein sagte aber, dass es diese Geschichte auf keinen Fall sein wird. Er ist dann auf die ‚Flucht nach Ägypten‘ von Otfried Preußler gestoßen. Die Lesung fand so großen Anklang, dass er mich fragte, ob dies nicht ein Hörbuch sein könnte. Wegen der Frage des Copyrights hatte er bereits Kontakte zu der Tochter von Preußler aufgenommen. Ich habe sofort ja gesagt, denn Otfried Preußler schätze ich sehr. Dass er nicht nur Kinderbücher gemacht hat, sondern auch ein Buch für Erwachsene, das war mir allerdings neu gewesen. Die Flucht nach Ägypten ist eine ziemlich pfiffige Geschichte. Sie hat einen unheimlichen Witz, es sind aber auch ernste Themen angesprochen. Es gibt viele Anspielungen und Sticheleien in alle möglichen Richtungen. Preußler nimmt also alles Mögliche aufs Korn, ohne dabei aber irgendjemandem wirklich weh zu tun. Er hat hier einen ganz charmanten Stil. Und wenn man sich einmal an die Sprache gewöhnt hat, kann man sich praktisch hineinlegen. Das Buch passt auch sehr gut zum Rest unseres Programms.“

Bernhard Setzwein (Foto: LOhrBär-Verlag)
Woher kennen Sie Bernhard Setzwein?

„Ich kenne ihn eigentlich relativ lange, wir sind beide im selben Schriftstellerverband organisiert. Und der Lohrbär-Verlag hat 2007 die Böhmen-Anthologie ‚Das Leben ist zum Verrücktwerden schön‘ aufgelegt, nach einem Zitat von Bohumil Hrabal. Es geht darin um deutsch-böhmische Beziehungen seit dem Mittelalter. Setzwein wohnt, wie gesagt, an der Grenze zu Tschechien. In seinem literarischen Werk dreht es sich viel um dieses Verhältnis, und er hat in der Böhmen-Anthologie ein Kapitel aus seinem Roman ‚Die grüne Jungfer‘ gelesen. Ein Jahr später haben wir zudem ein Hörspiel von ihm herausgegeben. Vergangenes Jahr ist er dann das erste Mal ‚nur‘ als Sprecher aufgetreten. Wir machen also regelmäßig Sachen zusammen.“

Dieter Lohr (Foto: LOhrBär-Verlag)
Können Sie grob umreißen, wie Preußler in seinem Buch die Weihnachtsgeschichte schildert…

„Es ist eigentlich nicht die klassische Weihnachtsgeschichte, sondern eine Nachweihnachtsgeschichte. Im Matthäus-Evangelium steht relativ knapp: Nachdem die Weisen aus dem Morgenland abgereist sind, erscheint Josef im Traum ein Engel und empfiehlt ihm, mit Weib und Kind nach Ägypten zu fliehen, weil König Herodes das Kind töten will. Dort setzt Otfried Preußler an und erfindet seine eigenen Sachen dazu. Der Engel erscheint Josef und sagt: ‚Pack Frau und Kind ein, mach dich auf den Weg nach Ägypten!‘ Josef weiß dann nicht so recht, denn er spricht kein Ägyptisch und hat etwas Angst. Dem Erzengel Gabriel wird aber von oberer Stelle erlaubt, die heilige Familie zu begleiten und zu beschützen. Dazu fährt dieser in den Esel hinein. Die Reise der heiligen Familie mit dem Esel von Bethlehem nach Ägypten führt bei Preußler durch das Königreich Böhmen. Herodes bekommt aber mit, dass die Leute, die er umbringen lassen will, ihm entkommen sind. Er schreibt dann eine Depesche an Kaiser Franz Josef in Wien, weil ja das Königreich Böhmen zum österreichisch-ungarischen Imperium gehört. Und so geht die Geschichte weiter, wobei das biblische Motiv der Flucht immer erhalten bleibt. Nur entfernt sich das Buch sehr schnell ziemlich weit von der biblischen Geschichte. Preußler füllt alle möglichen Sachen mit seiner eigenen Phantasie.“

Otfried Preußler (Foto: Archiv des Bayerischen Fernsehens)
Otfried Preußler wurde im damaligen Reichenberg, auf Tschechisch heute Liberec, geboren. Vielleicht können Sie ein bisschen etwas zu seiner Lebensgeschichte sagen…

„Wie Sie schon sagen, ist Otfried Preußler in Reichenberg geboren, und zwar am 20. Oktober 1923. Er hätte also vor kurzem seinen 90. Geburtstag gefeiert. Preußler hat 1942 das Notabitur gemacht. Das bedeutet, dass die jungen Leute ihr Abitur vorzeitig abgelegt haben, damit sie in die Wehrmacht eingezogen werden konnten und trotzdem etwas für das spätere Leben in den Händen hielten. Zwei Tage später kam Preußler dann auch schon an die Front. 1944 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde erst fünf Jahre später entlassen. In Böhmen hatte zu der Zeit schon die Vertreibung stattgefunden, dorthin konnte er also nicht zurück. Er ging deswegen nach Rosenheim in Bayern und hat dort seine heimatvertriebenen Verwandten wiedergetroffen und auch seine Verlobte – diese heiratete er noch im Jahr 1949. Preußler entschloss sich dann, Lehrer zu werden. Noch während seines Studiums verdiente er sich sein erstes Geld als Autor von Geschichten für den Kinderfunk. Ab 1953 war er auch wirklich als Lehrer beschäftigt, hat aber weiter für den Kinderfunk gearbeitet. Er schrieb besonders Theaterstücke für Kinder. Seinen ersten großen Erfolg hatte er 1956 mit dem Kleinen Wassermann. 1957 folgte dann die Kleine Hexe und ab da mehr oder minder jedes Jahr ein neues Buch - insgesamt mehr als 50 Kinderbücher, Bilderbücher, Übersetzungen und Nacherzählungen. Die Flucht nach Ägypten, die jetzt als Hörbuch erschienen ist, kam 1978 heraus. Bis 1970 hat Preußler im Übrigen als Lehrer gearbeitet, erst als normaler Lehrer, dann als Schulrektor. Danach war er nur noch als Schriftsteller tätig. Im Februar ist er leider gestorben.“

Preußlers Oma Dora
Welche Bedeutung hatte für ihn seine Heimat Böhmen und wie hat sich das literarisch bemerkbar gemacht?

„Ich denke, es war ein ganz normales Verhältnis zu der Gegend, in der man aufgewachsen ist – nämlich eine sehr enge Beziehung. Diese steckt voll von Kindheitserinnerungen. Diese Erinnerungen konnte er später aber nicht mehr so einfach auffrischen, weil er wegen des Eisernen Vorhangs nicht hinfahren konnte. Die Kindheitserinnerungen fließen aber alle ziemlich stark in sein Werk ein. Sein Vater hatte sich nebenberuflich als Volkskundler betätigt, er sammelte Sagen und Märchen des Isergebirges und schrieb sie auf. Der kleine Otfried war öfters dabei gewesen. Preußler hat zudem als große Inspirationsquelle seiner Geschichten ein Buch von seiner Oma Dora genannt, aus dem sie immer Geschichten erzählt hatte. Dieses Buch hat sie den Kindern aber nie gezeigt, und die haben dann stark angenommen, dass es dieses Buch der Oma Dora gar nicht gebe. Preußler hat aber sehr lange aus dem Fundus der Geschichten, die ihm erzählt wurden, geschöpft. Ein großer Teil seiner Geschichten spielt daher auch in der Gegend seiner Kindheit.“

Foto: Thienemann Verlag
Welche Geschichten sind das?

„‚Herr Klingsor konnte ein bisschen zaubern‘ spielt direkt in Preußlers Heimatstadt Reichenberg. Und das Rübezahlbuch – wo soll es anders spielen als im Riesengebirge? Krabat spielt in der Lausitz, also in der Gegend, aus der auch die heilige Familie dann nach Böhmen einreist. Preußlers Töchter haben vor ein paar Jahren eine Biographie von ihm herausgegeben, mit autobiographischen Texten, in denen er ein bisschen erzählt, wie es zu dem Buch von der Oma gekommen ist. Und die Oma hat ihm und den anderen Kindern Geschichten erzählt vom Däumling, vom Kater Sansibar und vom Räuber Schmirgel und vom Gendarmerieposten-Kommandanten Hawlitschek. Und dabei bin ich stutzig geworden und dachte mir: ‚Moment, die kenne ich doch‘. Der Schmirgel und der Hawlitschek kommen auch in der Flucht nach Ägypten vor. Ich denke, je mehr man sich mit der Biographie von Preußler auseinandersetzt, desto mehr Parallelen und Verknüpfungspunkte findet man in seinen Werken. Da steckt noch mehr drin, als man so allgemein als Hörer mitbekommt.“

Vielleicht können Sie zum Abschluss noch ein bisschen etwas zum Lohrbär-Verlag sagen…

„Der Lohrbär-Verlag ist 2004 gegründet worden. Ich habe ursprünglich Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der näheren Umgebung, also aus der Oberpfalz vertont. Dann bin ich in immer weiteren Kreisen um Regensburg herumgegangen, mit den Schriftstellern, Autoren, Hörbüchern und Themen. Und irgendwann kommt man dann unweigerlich an die deutsch-tschechische Grenze. Wir haben seitdem eine ziemlich ‚böhmophile‘ Ecke im Verlag. 2007 haben wir, wie gesagt, diese Böhmen-Anthologie aufgelegt.“

Foto: LOhrBär-Verlag
Vielleicht können Sie ein bisschen zu dieser Anthologie sagen…

„Sie ist eine geschickte Sache: Einerseits wird da die böhmisch-tschechoslowakisch-tschechische Geschichte beleuchtet, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Da dies mit literarischen Texten geschieht, erhält man andererseits einen Überblick über die Literatur des Landes. Dahinein fließt dann immer die Frage, wie es um die deutsch-böhmischen Beziehungen bestellt ist. Über die Zeit hinweg treten erstaunlich viele Gemeinsamkeiten und Verbindungen zutage. In der Anthologie vertreten sind hauptsächlich böhmische Schriftsteller, deutschsprachige und tschechischsprachige, aber auch deutsche wie Bernhard Setzwein und Eva Demski. Das ist eine runde Sache geworden. Und vor drei Jahren haben wir etwas sehr Ähnliches gemacht mit mährischer Literatur. Die Flucht nach Ägypten passt in diese Verlagsecke sehr schön hinein, finde ich.“

Autor: Till Janzer
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