Einmarsch 1968: „Wir waren traurig und empört“

František Schneiberg (links) in München mit seinen deutschen Freunden (Foto: Familienarchiv František Schneiberg)

Die Reformbewegung „Prager Frühling“ öffnete 1968 für die Tschechen und Slowaken auch die Welt. Nach Jahrzehnten der Isolation war es wieder möglich, nach Westeuropa zu reisen. Diese Gelegenheit haben viele junge Menschen damals genutzt. František Schneiberg ist Kinderarzt. Als frischgebackener Abiturient fuhr er im Sommer 1968 zu einem Austausch nach Deutschland. Meine Kollegin hat ihren Bruder zu seinen Erinnerungen an den August 1968 befragt.

František Schneiberg (links) in München mit seinen deutschen Freunden (Foto: Familienarchiv František Schneiberg)

František, im August 1968 warst du in Deutschland. War das damals vor 50 Jahren ein Ferienaufenthalt oder ein Schüleraustausch?

„Es war eher ein Austausch. Das haben damals unsere Eltern organisiert. Ich sollte meine Deutschkenntnisse vertiefen. Zuerst war ich zwei Wochen lang in einer kirchlichen Einrichtung im bayerischen Günzburg. Dort habe geholfen, die Räumlichkeiten nach einer Instandsetzung sauber zu machen und aufzuräumen. Außerdem war vereinbart, dass ich anschließend – etwa Mitte August – zu einer Familie umziehe und dort wohne.“

„Der erste Wunsch war, mit meinen Eltern in Prag zu sprechen, um mehr zu erfahren.“

Warst du dort allein?

„Ich war dort noch mit meiner Cousine, wir sind zusammen dorthin gereist. Den 21. August habe ich also in dieser Familie erlebt. Wir saßen beim Frühstück, und der Vater der Familie rief von der Arbeit an sagte, er habe im Radio gehört, dass die Russen die Tschechoslowakei besetzt haben. Wir waren beide erschrocken, wir waren traurig und zugleich empört. Die Mutter der Familie hat mit uns darüber geredet und uns getröstet. Der erste Wunsch war, mit meinen Eltern in Prag zu sprechen, um mehr zu erfahren. Das war aber nicht so einfach.“

František Schneiberg im Jahre 1968 (Foto: Familienarchiv František Schneiberg)
Hast du unsere Eltern telefonisch erreicht?

„Nach vielleicht zwei, drei Tagen, das weiß ich nicht mehr genau, gelang das endlich. Unser Gastgeber hat seine Kollegen in Wien kontaktiert, und durch deren Vermittlung haben wir erfahren, dass die Eltern in Prag in Ordnung sind. Natürlich haben wir im Fernsehen verfolgt, was bei uns zu Hause los ist.“

Für einen tschechoslowakischen Durchschnittsbürger war es bis 1968 fast unmöglich, nach Westeuropa zu reisen. War dieser Aufenthalt deine erste Reise nach Westeuropa?

„Die Entspannung und den Wandel im Frühjahr 1968 haben wir auch an der Schule mitbekommen.“

„Es war meine zweite Reise in den Westen. Vorher habe ich mit meinem Vater kurz Paris besucht. Er war Berufsmusiker und ging mit einem Kammerchor auf Tournee. Meine Mutter und ich durften mitfahren. Paris war für mich damals ein außerordentlich großes Erlebnis. Und dann folgte der Aufenthalt in Deutschland. Das Jahr 1968 war für mich noch aus einem anderen Grund bedeutend. Ich habe damals gerade mein Abitur gemacht. Die ganze Atmosphäre während des Prager Frühlings habe ich am Gymnasium erlebt. Es war beispielsweise zu bemerken, dass die Lehrer im Geschichtsunterricht zu Beginn etwas unsicher waren, was sie uns beibringen sollten. Die Entspannung und den Wandel im Frühjahr 1968 haben wir an der Schule also auch mitbekommen. Die Schulrektorin war natürlich eine Kommunistin, zuvor hatten strenge Regeln an der Schule gegolten: Mädchen durften nicht in Hosen und in Jeans im Unterricht erscheinen.

František Schneiberg heute (Foto: Familienarchiv František Schneiberg)
Wir Jungs durften zum Beispiel keine langen Haare tragen. 1968 galten diese Verbote dann nicht mehr. Wir hatten übrigens einen fantastischen, hochgebildeten Deutschlehrer. Er war jedoch der erste an der Schule, der während der Normalisierung (nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, Anm. d. Red.) gefeuert wurde und als Arbeiter auf einem Bahnhof arbeiten musste.“

Kommen wir zum Einmarsch zurück: Wie haben Eure Freunde in Deutschland nach dem ersten Schock reagiert?

„Wir haben immer fast den ganzen Tag ferngesehen, denn wir wollten wissen, wie das bei uns aussieht. Die Flammen, die Barrikaden, die Verletzten vor dem Rundfunk – das haben wir mehrmals gesehen. Es war für uns schon ziemlich dramatisch, denn wir wollten dabei sein, aber konnten nicht hinreisen.“

Hat man Euch angeboten, in Deutschland zu bleiben und zu studieren?

„Unsere Gastfamilie und ihre Freunde haben sich alle dafür interessiert, wie es uns geht und was wir machen wollen. Ich sollte im Oktober mit dem Medizinstudium in Prag anfangen. Sie haben mir gesagt, dass ich auch an der Uni in Ulm studieren könnte, dass dies kein Problem sei. Ich habe das damals abgelehnt, denn ich wollte meine Eltern sehen und in Prag Widerstand leisten. Die deutschen Behörden gaben damals Tschechoslowaken, die wegen der geschlossenen Grenze nicht nach Hause reisen konnten und länger bleiben mussten, einen Zuschuss in Höhe von etwa 100 D-Mark. Ich muss sagen, dass alle Menschen in unserer Umgebung sehr nett und hilfsbereit waren und sich für das Geschehen bei uns interessiert haben.“

„Alle Menschen in unserer Umgebung waren sehr nett und hilfsbereit. Sie haben sich für das Geschehen bei uns interessiert.“

Konntest Du Dir damals vorstellen, dass die Besetzung unserer Heimat so lange – also mehr als 20 Jahre lang - dauern würde?

„Nein. Als es dann möglich war, mit der Bahn wieder über die Grenze und nach Prag zu fahren, waren wir Passagiere alle gespannt, ob die Russen schon bei der Grenzkontrolle auftauchen. Aber das war nicht der Fall. Die ersten russischen Panzer haben wir aus dem Zugfenster irgendwo vor Pilsen gesehen. Und natürlich dann in Prag an jeder Ecke.“

Wie war die Situation an der Karlsuniversität, als du mit dem Studium begonnen hast?

„Ich habe gleich an den verschiedenen Protesten teilgenommen. Es gab einen Studentenstreik gegen die Okkupanten und eine große Kundgebung vor der Philosophischen Fakultät. Während des Streiks trafen wir in den Hörsälen mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Lebensbereichen zusammen. Unter ihnen waren beispielsweise der Leichtathlet Emil Zátopek oder der Schachspieler Luděk Pachman. Das waren bewegte Zeiten. Ich war im ersten Semester, als Jan Palach starb. Damals sind wir als Studenten wieder auf die Straße gegangen, die Dozenten haben damals gesagt: ,Es kann sein, dass die Polizei durchgreifen wird, aber zeigen Sie bitte, dass wir hinter Jan Palach stehen.‘“

Hast Du es nie bereut, dass Du damals nicht in Deutschland geblieben bist?

„Ich habe mir manchmal schon gesagt: Vielleicht hätte ich dort bleiben können. Mit meiner damaligen Gastfamilie bin ich bis heute in Kontakt. Als wir nicht mehr nach Deutschland reisen durften, ist immer jemand von ihnen oder ihren Bekannten zu Besuch nach Prag gekommen.“