Eishockey: Profis vollziehen Re-Start in der Liga, Nachwuchs muss weiter warten

Sparta Prag - HC Dynamo Pardubice (Foto: ČTK / Michal Kamaryt)

Vom tschechischen Teil-Lockdown ist auch der Sport betroffen. Seit dem 12. Oktober ist die Ausübung des organisierten Sportbetriebs untersagt. Vor einer Woche aber hat die Regierung das Verbot etwas gelockert: Profis können wieder ihrer Arbeit nachgehen. Allerdings nur unter Einhaltung strikter Hygienekonzepte und ohne Zuschauer.

Peter Mueller (Foto: RicLaf, Flickr, CC BY-SA 2.0)

Als Teil der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus hat das Kabinett von Premier Andrej Babiš vor genau einem Monat den organisierten Sportbetrieb bis auf Widerruf verboten. Dies war mit der Schließung aller Indoor-Sportanlagen verknüpft. Für Aktive, die ihren Sport unter einem Dach betreiben, ist das ein Nackenschlag: Sie können nun auch nicht mehr im Domizil ihres Vereins trainieren. Für die Clubs der beiden Eishockey-Profiligen war dies besonders heikel. Denn ein reines Fitnessprogramm ohne Übungseinheiten auf dem Eis ist nicht sehr förderlich. Deshalb zog es einige ausländische Cracks vorerst wieder in ihre Heimat, wie der für Kometa Brünn spielende US-Amerikaner Peter Mueller. Andere Profis wechselten zu Vereinen in Skandinavien, wo der Spielbetrieb nicht derart eingeschränkt ist. Und wiederum Andere beendeten ihre aktive Karriere. Zum Beispiel Tomáš Rolinek, der Kapitän des Weltmeisterteams von 2010. Am Mittwoch vergangener Woche verkündete er auf einer Pressekonferenz seines Vereins HC Dynamo Pardubice:

„Diese merkwürdige sogenannte Covid-Zeit hat einen großen Anteil daran, dass ich meine aktive Karriere gerade jetzt beendet habe.“

Tomáš Rolinek (Foto: Jarba, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Mit Pardubice gewann Rolinek 2005 die tschechische Meisterschaft. Sein größter Erfolg aber war der WM-Titel 2010 in Deutschland. Im Kölner Finale gegen das russische Starensemble schoss er dabei das Siegtor zum sensationellen 2:1-Triumph der Tschechen. 2006 und 2011 kamen noch jeweils eine Silber- und Bronzemedaille hinzu. In 145 Länderspielen erzielte der Stürmer 29 Tore.

Vier Jahre seiner Karriere spielte Rolinek unter anderem für Magnitogorsk und Ufa in der russischen KHL. Seine große Liebe aber galt seinem Stammverein aus Pardubice, mit dem er in der vergangenen Saison erfolgreich gegen den Abstieg kämpfte. Danach aber musste sich der 40-Jährige einer Hüft-OP unterziehen. Nach dem erfolgreichen Eingriff wollte er jetzt noch einmal durchstarten, vor fünf Tagen aber sagte er:

Tomáš Rolinek (Foto: Artjom Korzschimanow, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

„Ich habe mich wie auf einer Schaukel gefühlt. Nach harter Aufbauarbeit dachte ich, wieder den Anschluss gefunden zu haben, doch dann wurden alle Arenen geschlossen, und man konnte nicht mehr auf dem Eis trainieren. Es gibt mehrere Gründe, weshalb ich nun aufhöre, doch einen großen Anteil daran hat die jetzige Corona-Zeit. Ich habe einfach festgestellt, dass ich meinen Körper nicht mehr zu 100 Prozent in Form bringen kann. Denn nur mit Waldläufen und ohne Eistraining war das nicht zu schaffen.“

Das fehlende Hallentraining war tatsächlich ein großes Problem. Die Clubs aus Třinec und Pardubice wichen daher ins benachbarte Polen aus, Karlovy Vary / Karlsbad nutzte zwei Eishallen in Sachsen. Sparta Prag, Plzeň / Pilsen, Mladá Boleslav / Jungbunzlau und Hradec Králové / Königgrätz wiederum wechselten sich ständig beim Training auf der Außeneisfläche im mittelböhmischen Dobriš ab, mit Laub fegen und Umziehen im Freien inklusive. Seit fünf Tagen dürfen die Profis nun wieder an ihrer gewohnten Stätte trainieren. Der Pilsener Kapitän und Top-Scorer der Liga, Milan Gulaš, sprach daher allen Mitstreitern aus der Seele:

Milan Gulaš (ganz rechts). Foto: ČTK / Ondřej Hájek

„Wir sind froh, dass es wieder losgeht, auch wenn es nun wohl etwas anstrengender wird für uns. Besonders der Re-Start wird uns nicht leichtfallen, denn wir konnten nicht regelmäßig und zielgerichtet trainieren, um in Form zu bleiben. Doch das muss uns jetzt egal sein, denn wir können wirklich froh sein, dass man uns die Rückkehr zum Training und Spielbetrieb wieder erlaubt hat. Das wissen wir zu schätzen, denn wir sind uns bewusst, wie kompliziert die Lage in allen Bereichen ist.“

Am Samstag wurde der Re-Start der Liga mit vier Begegnungen vollzogen. Pilsen konnte dabei an seine Form vor dem Spielstopp anknüpfen, der Spitzenreiter gewann mit 4:1 bei Schlusslicht Litvínov. Aber auch die Titelmitfavoriten Sparta Prag und Třinec untermauerten mit Siegen ihre Ambitionen.

Tschechien wird Zweiter beim Karjala Cup

Karjala Cup (Foto: ČTK / AP Photo / Vesa Moilanen)

Im Zeichen von Corona stand auch das erste Eishockey-Länderturnier der neuen Saison, der Karjala Cup in Helsinki. Dazu musste der neue Cheftrainer der tschechischen Nationalmannschaft, Filip Pešán, schon im Oktober seinen Kader nominieren. Zu einer Zeit also, in der der Spielbetrieb der heimischen Liga noch ruhte. Deshalb berief Pešán bis auf zwei Ausnahmen auch keine Akteure aus der Extraliga, sondern stellte sein Aufgebot vorwiegend mit Tschechen zusammen, die in Clubs der russischen, finnischen und schwedischen Liga unter Vertrag stehen. Zudem wagte der 42-Jährige ein kühnes Experiment: Er nahm gleich zehn Nachwuchsspieler mit nach Helsinki. Damit wollte Pešán den besten Junioren die Chance geben, wenigstens wieder normal trainieren zu können. Denn im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen Kontrahenten aus anderen Ländern konnten sie sich wegen des Verbots in Tschechien bis Anfang November nicht zielgerichtet auf die diesjährige U20-WM vorbereiten. Diese findet im kanadischen Edmonton statt und beginnt schon Ende Dezember.

Einer der zehn Junioren war Jan Myšák. Der erst 18-Jährige, der ansonsten in Litvínov spielt, war begeistert von der Geste des Nationaltrainers:

Filip Pešán (Foto: Pavel Petr, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Es ist super, dass wir ein Teil der Nationalmannschaft sein dürfen und so auch die Gelegenheit bekommen, von den großartigen Spielern zu lernen, die mit uns hier in Helsinki sind.“

Myšák war dann auch schon im Auftaktspiel gegen die Schweden mit von der Partie. Die Begegnung war gleichzeitig das Debüt von Pešán als Nationalcoach – die Tschechen gewannen sie mit 3:1. Danach bekannte der Trainer:

„Vor dem Match war ich schon etwas nervös, doch das bin ich in der letzten Zeit eigentlich vor jedem Spiel. Die Jungs haben dann einen guten Auftritt hingelegt und mir so auch geholfen. Für mich war es eine ideale Rückkehr als Trainer.“

Filip Pešán hatte zuletzt im April 2019 eine Mannschaft trainiert. Es war das Team von Bílí Tygři Liberec, mit dem er damals das Finale in der Extraliga bestritt. Liberec unterlag gegen Třinec genauso wie zwei Jahre zuvor in der Finalserie mit Brno / Brünn. 2016 aber holte Pešán mit Liberec den ersten und bisher einzigen Titel für die Nordböhmen. In der Saison 2019/20 fungierte Pešán dann als Chefkoordinator für alle Nationalmannschaften beim tschechischen Eishockeyverband.

Patrik Bartošák (Foto: ČTK / AP Photo / Vesa Moilanen)

So wie Pešán als Trainer an die Bande zurückgekehrt ist, so gab auch Torwart Patrik Bartošák im Spiel gegen Schweden sein Comeback im Nationalteam. Im Herbst 2019 war er in eine tiefe persönliche Krise geraten und hatte sogar versucht, sich unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen das Leben zu nehmen. Seine Bekannten aber, denen er von seinen Plänen erzählt hatte, alarmierten die Polizei. Die brachte Bartošák in eine psychiatrische Heilanstalt in Opava / Troppau. Nach der erfolgreichen Behandlung startete Bartošák dann noch in der vergangenen Saison auch einen sportlichen Neuanfang. Der führte ihn zunächst zum schwedischen Verein Modo Hockey. Seit dieser Saison steht der 27-Jährige nun bei den Pelicans Lahti im Tor.

Beim 3:1 gegen Schweden war Bartošák eine große Stütze des tschechischen Teams. Das wusste auch Coach Pešán sehr zu schätzen:

Jan Ordoš (links). Foto: ČTK / AP Photo / Vesa Moilanen

„Patrik war der Grundstein für den Sieg, das ist unstrittig. Er hat einige tolle Paraden gezeigt. Mir gefallen zudem seine Einstellung beim Training und seine Aufgeschlossenheit in der Kommunikation. Er spricht nicht nur mit den Trainern, sondern dirigiert auch die Vorderleute während des Spiels. Er ist ein sehr aktiver Torwart.“

Aktiv und zielstrebig agierte die gesamte Mannschaft auch in ihrem zweiten Match gegen Gastgeber Finnland. Durch Tore von Andrej Nestrašil und Jan Ordoš gewann sie die Partie mit 2:0. Damit hatte Tschechien die besten Voraussetzungen, um den Turniersieg aus dem Vorjahr zu wiederholen. Gegen die bis dahin ebenso noch ungeschlagenen Russen aber verlor man zum Abschluss mit 0:3. Der Gesamterfolg der Sbornaja war umso überraschender, als sie in Helsinki nur mit ihrer U-20-Nationalmannschaft antrat. Daher gab Pešán in der Begegnung mit Russland auch all seinen Juniorenspielern eine Einsatzchance. Nach dem Ende des Turniers zog er dieses Fazit:

Tschechien - Schweden (Foto: ČTK / AP Photo / Vesa Moilanen)

„Gegen die Schweden und die Finnen haben wir sehr gut gespielt. Im Team herrschte eine ausgezeichnete Stimmung, und damit haben die Spieler auch uns Trainern geholfen. Für mich ist das aber auch die Grundlage jeglichen Erfolgs. Im heutigen Spiel gegen die Russen ist uns leider nicht alles gelungen. Gerade in der Anfangsphase hatten wir gute Chancen. Hätten wir dabei zumindest ein Tor erzielt, wäre das Match vielleicht etwas anders verlaufen. Aber wir haben keine der Chancen genutzt, von daher haben die Russen verdient gewonnen.“

Dadurch wurde Tschechien hinter Russland Zweiter und konnte den Turniersieg aus dem Vorjahr nicht wiederholen. Filip Pešán zog trotzdem noch einen anderen positiven Aspekt aus diesem Turnier:

Tschechien - Russland (Foto: ČTK / AP Photo / Vesa Moilanen)

„Ich denke, mit diesem Turnier haben wir den Weg geebnet für weitere große Talente des tschechischen Eishockeys. Sowohl mehrere Spieler, die in Finnland oder Schweden unter Vertrag stehen, als auch einige Debütanten im Nationaltrikot haben überzeugt. Möglicherweise wächst hier eine neue Generation von guten Spielern heran.“

Dafür müsste neben den Profis recht bald auch wieder der Kinder- und Jugendsport zugelassen werden. Weil der Nachwuchs aber hierzulande weiterhin nicht organisiert trainieren und spielen darf, haben einige Eltern ihre Kinder jetzt aus tschechischen Vereinen abgemeldet. Einige Väter aus Třinec bringen ihre jugendlichen Söhne nun zum Training ins polnische Jastrzebie. Dafür zahlen sie auch 13.000 Kronen (500 Euro) zusätzlich pro Woche.

Autor: Lothar Martin
schlüsselwort:
abspielen