„Elbe Dock“ in Ústí: Vom melancholischen Mädchen bis zum Atomschutzbunker

Kino „Hraničář“ (Foto: Archiv des Festivals „Elbe Dock“)

Anfang September gab es viel zu sehen im tschechischen Ústí nad Labem / Aussig an der Elbe. Zum dritten Mal fand dort das internationale Dokumentarfilmfestival „Elbe Dock“ statt. Sechs Tage lang brachte es zahlreiche Filme auf die Leinwand, es wurden Preise verliehen und sogar ehemalige Atomschutzbunker besucht. Für das Wochenende zog das Festival dann von Ústí nach Dresden. Radio Prag International hat das Festival besucht und sich umgehört.

Barbora Benešová (Foto: Sophie Marie Strich)

Am Abend des zweiten Festivalstages flimmerte der Debütfilm der deutschen Regisseurin Susanne Heinrich über die Leinwand. Der Titel: „Das melancholische Mädchen“. Gezeigt wurde der Film im kommunalen Kino „Hraničář“ im Herzen von Ústí. 80 Minuten lang konnten die Zuschauer Marie Rathscheck als melancholisches Mädchen durch pastellfarbene Szenerien mit viel Pink und Blau folgen. Dabei wurden durchaus Erinnerungen an den tschechisch-slowakischen Klassiker „Tausendschönchen“ (OT: Sedmikrásky) wach.

„Das melancholische Mädchen“ gehörte zum Begleitprogramm des Festivals, das Highlights der letzten Jahre erneut auf die Leinwand brachte. Denn nicht nur die Dokumentarfilme, sondern auch das Begleitprogramm machen das „Elbe Dock“ aus. Barbora Benešová ist bei dem Filmfestival zuständig für den Dresdener Teil:

„Das Festival zeigt eine Auswahl der besten Dokumentarfilme internationaler Festivals und bietet auch ein spezielles Bildungsprogramm für Studierende. Zum Beispiel Workshops und Diskussionen mit Fachleuten. Das Thema dieses Jahrgangs ist Manipulation. Wir zeigen verschiedene Formen von Manipulation, nicht nur in ausgewählten Dokumentarfilmen, sondern auch in unserer Werbekampagne und im Rahmen des Begleitprogrammes.“

Corona und Feinkošt

Foto: Sophie Marie Strich

Die Corona-Pandemie hat auch das Elbe Dock getroffen. Denn eigentlich sollte es schon viel früher stattfinden. Barbora Venclová aus Prag ist eine Mitarbeiterin des Festivals:

„Elbe Dock war ursprünglich für den Juni geplant, also in der Zeit vor den Sommerferien, in der auch noch viele Studierende in der Stadt sind. Wegen der Corona-Pandemie musste es aber auf diesen September-Termin verschoben werden.“

Und trotz Corona: Auch die tschechisch-deutsche Kurzfilmtournee Feinkošt findet ihren Platz beim „Elbe Dock“. Feinkošt ist ein Kurzfilmprogramm mit vier tschechischen und vier deutschen Filmen. Am Donnerstag gab es die Streifen in Ústí zu sehen.

Verena Wagner (Foto: Sophie Marie Strich)

Aus Deutschland sind die Filmemacherinnen Verena Wagner und Nina Hopf angereist. Von Verena Wagner läuft im Rahmen von Feinkošt der Film „Schichteln“.

„Schichteln ist ein gut 20-minütiger Dokumentarfilm. Es geht um eine Glashütte an der tschechischen Grenze, in Waldsassen. Wir waren acht Nächte dort und haben die Arbeiter beobachtet. Es ist also ein sehr beobachtender Dokumentarfilm mit ganz wenigen Interviews. Mein Ziel war es, dass man sich als Zuschauer so fühlt, als wäre man selbst in der Glashütte“, so Wagner.

Auch der Film der 25-jährigen Nina Hopf aus Weimar kommt beim „Elbe Dock“ auf die Leinwand:

Nina Hopf (Foto: Sophie Marie Strich)

„Mein Film heißt ‚Eadem Cutis‘, auf Deutsch ‚Dieselbe Haut‘. Es geht um meinen Zwillingsbruder, mit dem ich ein Interview geführt habe. Er spricht von ganz persönlichen Dingen: Körper, Identität und sich selbst. Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht erzählen.“

Am Freitagabend wurde im Rahmen des Festivals der Pavel-Koutecký-Preis verliehen. Er ging dieses Jahr an die slowakische Dokumentaristin Viera Čákanyová. Ausgezeichnet wurde ihr Film „Frem“. Nach der Preisverleihung ging es für das „Elbe Dock“ dann nach Dresden.

„Am Wochenende zieht das Festival für zwei Tage in den Dresdener Kunstraum G8 um. Auf dem Programm in Dresden, steht zum Beispiel ein Marathon der tschechischen Kult-Serie ‚Česká soda‘ aus den 1990er Jahren, und wir organisieren eine Podiumsdiskussion über Medienmanipulation“, erzählt Benešová.

Film ‚Eadem Cutis‘

Etwas Neues wagen

Foto: Sophie Marie Strich

Die Organisatoren des Festivals haben sich übrigens für Ústí nad Labem als Veranstaltungsort entschieden, weil Prag in ihren Augen etwas übersättigt ist. In der Elbe-Stadt hingegen gibt es weniger Kulturveranstaltungen – warum nicht also mal etwas Neues wagen? Dass dann noch Dresden mit an Bord geholt wurde, liegt auch an der geografischen Lage der beiden Städte. Barbora Benešová:

„Es kam die Idee auf, Ústí und Dresden zu verbinden. Die Städte sind jetzt nicht mehr nur durch die Elbe verbunden, sondern stehen auch im kulturellen Austausch. So kam es auch zu dem Namen Elbe Dock, da die Städte ja beide an dem Fluss liegen.“

Neben den zahlreichen Filmen, die das „Elbe Dock“ auf die Leinwand bringt, gibt es noch einiges mehr zu sehen…

„Das Begleitprogramm bietet den Interessierten Rundgänge durch Ústí und die Neustadt in Dresden. Diese Rundgänge finden vor allem zum Thema visuelle Verschmutzung statt. Wir haben auch Musiker aus Mitteleuropa eingeladen, die im Rahmen des Festivals zeitgenössische Musik vorstellen werden“, sagt Benešová.

Foto: Sophie Marie Strich

Ein absolutes Highlight ist eine Führung durch einen alten Bunker in Ústí. Barbora Venclová:

„Wir stehen vor einem Bunker, der im Zweiten Weltkrieg als Schutz gegen Luftangriffe diente. In der kommunistischen Zeit war hier ein Atomschutzbunker. Er ist nun erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. 2020 übernahm das Stadtmuseum den Bunker in seine Verwaltung, bis dahin wurde er nicht genutzt und war nicht zugänglich. Gestern fand hier die Weltpremiere des Podcasts ‚Die Anatomie der Angst‘ unter der Beteiligung der Autoren statt. Und heute werden hier Führungen für eine breite Öffentlichkeit angeboten.“

In der Festival-Woche wurde den Zuschauern also wirklich viel geboten. Und der Veranstaltungsort Ústí nad Labem macht das Elbe Dock zu etwas Besonderem. Das findet auch Filmregisseurin Nina Hopf:

„Ich bin noch ein bisschen überfordert, weil alles so groß ist. Ich hätte nicht gedacht, dass alles so riesig ist. Bis gestern war ich noch in Děčín. Da ist ja alles ein bisschen kleiner.“

Foto: Sophie Marie Strich
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