„Elbland“: Auf den Spuren der Vertreibung und der Familiengeheimnisse in Tschechien

Claudia Rikl

Auf der Suche nach verschütteten Familiengeheimnissen folgt Nina den Spuren ihrer Familie ins tschechische Riesengebirge. Dort liegt die ehemalige Heimat ihrer Mutter, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen musste. Die Geschichte der Vertreibung wirkt sich schmerzhaft bis in die Gegenwart aus. Das ist die Ausgangssituation für den Roman „Elbland“ der deutschen Autorin Claudia Rikl. Die in Leipzig lebende Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibdozentin verarbeitet darin die Geschichte ihrer eigenen sudetendeutschen Familie. Die Autorin stellte ihre Familiengeschichte auf der Leipziger Buchmesse vor.

Frau Rikl, Sie haben gerade aus Ihrem Roman „Elbland“ gelesen. Dieser Roman hat einen starken Tschechien-Bezug. Wieso?

Hostinné  (Arnau) | Foto: public domain

„Ich habe Wurzeln in Böhmen. Meine Mutter ist 1943 im Riesengebirgsvorland geboren. Meine Großeltern lebten dort, sowohl die Linie des Großvaters aus Mährisch Schönberg, also Šumperk als auch die meiner Mutter aus dem Riesengebirgsvorland, konkret aus Hostinné / Arnau und Hohenelbe / Vrchlabí. Aus dieser Gegend kommen wir sozusagen.“

Vrchlabí  (Hohenelbe) | Foto repro: Stanislav Krause,  'Za krásami kraje. Trutnov: Výstavní výbor Krkonošské výstavy',  1949,  public domain

Können Sie uns in das Buch, in die Geschichte einführen? Worum geht es in Ihrem Roman?

„Sie wandert auf den Spuren ihrer Mutter und findet dort Antworten auf wichtige Fragen sowie die Kraft für das eigene Leben wieder zurück.“

„In meinem Roman geht es um eine verschwiegene Familiengeschichte, eine traurige Familiengeschichte. Denn die Großmutter meiner Hauptfigur Nina ist als Kind in Böhmen geboren und hat diese Heimat 1945 verloren. Sie hat ihren Kindern und auch ihrem Mann nie erzählt, was sie daran so traurig gemacht hat. Dieses Schweigen in der Familie hat dazu geführt, dass die Beziehung zu ihren Töchtern sehr belastet war. Irgendwie hat sich das fortgesetzt. In der Familie wurde nicht gut miteinander kommuniziert und geredet. 1987 schaffte es die Mutter endlich, mit ihren Kindern einmal zu einem Urlaub nach Böhmen zu fahren. Nach diesem Urlaub ist die Familie aber auseinandergefallen. Nina, meine Hauptfigur und die älteste Tochter dieser Frau, ist in der Gegenwart Schauspielerin. Nach dem Tod ihrer Mutter kann sie plötzlich nicht mehr sprechen, sie verliert ihre Stimme. Da hat sie plötzlich viel Zeit und erinnert sich zurück. Sie ist seit diesem Urlaub mit ihrer Schwester und mit ihrem Vater zerstritten. Nun erinnert sie sich an diesen Urlaub und auch daran, dass ihre Mutter ja aus dieser Gegend kam, in der man damals im Urlaub war. Da fährt sie dann hin, wandert auf den Spuren ihrer Mutter und findet dort Antworten auf wichtige Fragen sowie die Kraft für das eigene Leben wieder zurück.“

Inwieweit basiert diese Romangeschichte auf Ihrer eigenen Erfahrung? War das bei Ihnen in Ihrer Familie ein Thema, diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit?

„In meiner Familie herrschte Schweigen.“

„Nein, das war nie ein Thema. Meine Großeltern starben früh, schon 1978. Meine Mutter lebt auch nicht mehr. Und ich wusste zwar, dass meine Mutter in Böhmen geboren ist, aber mehr auch nicht. Wirklich gar nichts. Ich bin erst vor drei Jahren das allererste Mal selbst nach Arnau gefahren, nach Hostinné, und ins Riesengebirge. Dann habe ich beschlossen, daraus auch eine Romangeschichte zu machen. Aber in meiner Familie herrschte auch Schweigen.“

War das ein Schweigen, das aus Schmerzen hervorgegangen ist?

„Ich glaube schon. Denn meine Großeltern hatten ein schönes Leben damals in Hostinné, sie liebten das Gebirge, den Wald, waren auch Wintersportler. Mein Großvater war da Zahnarzt. Sie waren dieser Heimat sehr verbunden. Und sie haben auch immer Urlaub irgendwo im Wald gemacht, sie liebten das. Ich denke, es geschah aus Schmerz, aus Verlustschmerz, und es geschah auch, weil sie ihre Kinder und Enkel nicht traurig machen wollten. Sie haben sich wahrscheinlich gedacht: Wenn wir nicht darüber sprechen, ist es nicht da, und dann ist auch niemand mehr traurig.“

Claudia Rikl | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Wie und wo haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

„Es wurde immer erzählt, der Bruder meiner Oma sei im Gebirge spazieren gewesen und von zwei tschechischen Bürgern erschossen worden. Fakt ist aber, dass er SA-Mann war. Er war als Spion im Gebirge unterwegs.“

„Ich war im Museum in Hostinné und habe viel in Archiven recherchiert, in Personenstandsverzeichnissen. Denn glücklicherweise, da muss ich die Tschechische Republik ausdrücklich loben, sind ja alle Archive digitalisiert, und man darf sie kostenfrei benutzen. Davon können wir in Deutschland nur träumen. Ich habe also viel recherchiert und so die Spuren der Familie nachverfolgt: Wo sind sie geboren, wo haben sie geheiratet, wo sind sie gestorben. Es gibt tatsächlich in meiner Familie eine ganz spannende Geschichte. Denn der Bruder meiner Oma wurde 1938, zu Beginn der Herbstunruhen um das Münchner Abkommen, erschossen. In meiner Familie wurde immer die Geschichte erzählt, er sei im Gebirge spazieren gewesen und von zwei tschechischen Bürgern, die ihm nicht wohlgesonnen waren, erschossen worden. Fakt ist aber, dass er SA-Mann war. Er war als Spion im Gebirge unterwegs, wurde von der Militärpolizei gefangengenommen und dann erschossen. Das habe ich in Arnau, in Hostinné im Museum erfahren – und zwar vom Museumschef, der diese Geschichte für sein Buch über Hostinné genau recherchiert hatte. Wir kamen miteinander ins Gespräch, und das war für mich so ein Moment der Klarheit: Was wird in der Familie erzählt, welche Lügen werden gesponnen, um halt gut dazustehen. Da bin ich wirklich vielen spannenden Themen auf den Grund gekommen.“

Das Franziskanerkloster in Hostinné,  in dem sich das Museum befindet | Foto: Karel Klíma,  Tschechischer Rundfunk

Was hat das für Sie persönlich bedeutet, dieses Buch zu schreiben?

„In Tschechien sind alle Archive digitalisiert, und man darf sie kostenfrei benutzen. Davon können wir in Deutschland nur träumen.“

„Für mich persönlich hat es bedeutet, dass ich seither schon das Gefühl habe, irgendwie auf zwei Beinen im Leben zu stehen. Denn ich kannte die Familiengeschichte meiner Mutter gar nicht, auch nicht die Vertreibungsgeschichte meiner Mutter – sie war damals anderthalb Jahre alt. Ich kannte ausschließlich die Familiengeschichten von der Seite meines Vaters. Die mütterlicherseits war ein Dunkelfeld, eine riesige Leerstelle. Und seit ich die füllen konnte, muss ich sagen, dass ich vieles im Nachhinein auch verstehe, so wie meine Mutter gewesen ist. Ich bin ihr sehr viel näher gekommen. Das hat mich persönlich auch sehr viel reifer und reicher gemacht.“

Sie haben diesen Roman im Herbst vergangenen Jahres vollendet, während eines Aufenthalts in Tschechien. Was war das für einen Aufenthalt?

„Ich durfte vier Wochen lang im Oktober in Brünn leben.“

„Ich hatte das große Glück, dass ich ein Aufenthaltsstipendium bekommen habe. Das vergibt die Stadt Leipzig in Kooperation mit der Stadt Brünn. Denn Leipzig und Brünn sind Partnerstädte. Ich durfte dann vier Wochen lang im Oktober in Brünn leben. Ich hatte dort eine kleine Wohnung, habe geschrieben und bin viel herumgelaufen. Ich habe die Geschichte der Stadt und die Stadt kennengelernt, es war wunderbar. Das war gerade so in der letzten konzentrierten Phase des Romans.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Haben Sie sich also damals auf diesen Roman konzentriert? Oder haben Sie vielleicht auch neue Themen, neue Inspirationen gesucht?

„Ich will aufschreiben, wie das für uns Heutige ist, wenn wir uns an die Familiengeschichte annähern, auch an die schlimmen Kapitel.“

„Ich habe eigentlich nur bis zum frühen Nachmittag gearbeitet und bin dann am Nachmittag einfach in der Stadt gegangen. Ich war viel im Theater, viel in der Oper und habe alles genossen, was Brünn zu bieten hat. Dieses Gehen hat tatsächlich auch eine neue Idee entstehen lassen. Und zwar die Idee, dass ich meine Recherchegeschichte mal ein bisschen aufschreibe. So eine Art Familiengeschichte, wie das für uns Heutige ist, wenn wir uns an die Familiengeschichte annähern, auch an die schlimmen Kapitel. Wie ist das also, wenn man entdeckt, dass jemand in seiner Familie bei der SA und ein Spion war? Das alles aufzuschreiben, ist eigentlich mein nächstes Projekt. Und der Wunsch dazu ist tatsächlich in Brünn, während dieses Aufenthalts in dieser anderen Umgebung mit den neuen Eindrücken entstanden.“

Planen Sie nun auch weitere Kontakte mit Tschechien, mit der tschechischen Literatur?

Brno | Foto: Benoît Rouzaud,  Radio Prague International

„Ja, unbedingt. Wenn es nach mir ginge, würde das Buch ins Tschechische übersetzt werden. Das würde mich sehr freuen. Ich werde in diesem Jahr auch wieder am Brünner Versöhnungsmarsch, am Festival ‚Meeting Brno‘ teilnehmen. Da wird es vielleicht eine Lesung in Brünn geben. Ich muss auch sagen, als ich in dieses Herkunftsgebiet meiner Familie gefahren bin, hatte ich dort das Gefühl, dass ich mich wohlfühle und willkommen fühle. Dieses Jahr im Juni werde ich mit meiner Familie, mit meinen Kindern hinfahren und ihnen alles zeigen. Die Tschechische Republik und das Riesengebirgsvorland sind ja auch ein kleines Stück neue Heimat für mich. Ich werde immer wieder hinfahren, denn da komme ich ja irgendwo her.“

Vrchlabí | Foto: Vladislava Wildová,  Tschechischer Rundfunk
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