Engagement für Belarus? Selbstverständlich!

Foto von der Ausstellung 'Wahlen ohne Wahl'

In der heutigen Ausgabe unserer Sendereihe Begegnungen, die für Sie Pavel Polák vorbereitet hat, werden wir von Prag aus einen Ausflug in gleich zwei Länder unternehmen. Von Prag aus fahren wir nach Berlin, das Thema aber, dem die folgenden Minuten gewidmet sind, ist Weißrussland und Belarus. Vielleicht wundern Sie sich, warum ich zwischen Weißrussland und Belarus unterscheide. Aber Pavel hat auf seiner Reise erfahren, dass es zwischen beiden Namen einen Riesenunterschied gibt.

Alexander Lukaschenko (Foto: ČTK)
Mitte April, genau am 16. bin ich von Prag nach Berlin gefahren. An die Freie Universität in Berliner Stadtteil Dahlem.

Zwei Studenten der Prager Karlsuniversität, Jakub Jareš und Rostislav Valvoda, haben dort im Foyer des Henry-Ford-Baus eine Ausstellung eröffnet. „Wahlen ohne Wahl“ heißt sie. Eine Fotoausstellung über die Präsidentschaftswahlen in Belarus im März 2006. Damals, in den Märztagen 2006, wurde in den Medien von der Protestaktion in der belarussischen Hauptstadt Minsk viel berichtet. Hunderte, vor allem Studenten protestierten gegen die Fälschung der Wahl. Der damalige und jetzige Präsident Alexander Lukaschenko ließ die Demonstranten nach wenigen Tagen durch seine Miliz auseinanderjagen.

In Berlin traf ich einen deutschen Journalisten, Ingo Petz, Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, der damals im März 2006 über die Protestaktion auf dem Minsker Platz berichtete.

„Weißrussland war für Deutschland lange kein Thema gewesen. Erst in den letzten zwei, drei Jahren hat man überhaupt realisiert, dass es tatsächlich einen weißrussischen Staat in Osteuropa gibt, der Menschenrechtsprobleme hat und der auch mit demokratischen Entwicklungen Probleme hat. Das ist in den letzten Jahren verstärkt wahrgenommen worden, vor allem durch die Präsidentschaftswahlen 2006 und den Protesten auf dem Oktoberplatz in Minsk.“

Vor einer Tafel traf ich Nikita, einen belarussischen Studenten, der in Berlin seit 2004 Psychologie studiert. Bis 2004 studierte er an der privaten Universität in Minsk. Sie wurde aber von der Regierung abgeschafft. Angeblich konnte sie vom Staat nicht genügend kontrolliert werden. Als ich Nikita fragte, ob er aus Weißrussland kommt, habe ich einen Fehler gemacht. Nicht Weißrussland, sondern Belarus, erklärte er mir, heißt es richtig.

„Das ist auf jeden Fall authentischer als „Weißrussland“.Wenn ich sage, dass ich aus Belarus komme, ist das auch eine ideelle Frage“ , sagt Nikita.

Jakub Jareš (Foto: aktualne.cz)
Der Name Weisrussland habe einen Anhauch vom sowjetischen und später russischen Einfluss, unter dem das Land seit dem vergangenen Jahrhundert steht. Einmal in sechs Monaten kommt Nikita nach Hause…

„Ich fühle, ich sehe, dass es depressiver wird. Es gibt dort Leute, die keine Hoffnung mehr im Blick tragen.“

Mit den beiden Organisatoren der Ausstellung, mit Jakub Jareš und Rostislav Valvoda, konnte ich erst nach der Eröffnung sprechen. Wir standen vor einer Tafel mit einer Fotografie.

Jakub Jareš:„Das ist eigentlich eine Zeltstadt auf dem Oktoberplatz in Minsk, die nach den Wahlen entstanden ist. Die Leute protestierten dort gegen die Fälschung der Wahlen. Sie wollten da bleiben, solange es ging. Die Miliz hat die Zeltstadt nach wenigen Tagen zerschlagen. Die Leute wurden vor Gericht gestellt und zu mehreren Tagen Haft verurteilt.“

Radio Prag: Die Zeltstadt sieht nicht sehr groß aus?

Rostislav Valvoda:„Ja, die Zeltstadt ist gar nicht so groß. Und sie ist nicht so groß, weil die Umgebung des Platzes einige Tage hermetisch abgeschlossen wurde. Einige Leute waren dort ununterbrochen 24 Stunden am Tag. Neue Demonstranten wurden nicht zugelassen. Das war die Strategie der Miliz, den Platz abzuriegeln und die Demonstranten auszuhungern. Am fünften Tag wurde die Zeltstadt geräumt, und zwar ziemlich brutal. Die Demonstranten wurden in Polizeiwagen geschleppt und in die umliegenden Gefängnisse gebracht. Der Grund, warum sie das erst nach fünf Tagen gemacht haben und nicht früher, war die Tatsache, dass die Wahlen in der Ukraine stattfanden und die Aufmerksamkeit der westlichen Medien sich woandershin richtete. Als die ausländischen Journalisten Minsk verlassen haben, hat die Miliz eingegriffen.“

RP: Aber die ausländischen Medien haben sich für das Schicksal der Zeltstadt interessiert, oder?

JJ:„Ja, einige waren auch dabei bei der Zerschlagung der Zeltstadt. Aber es waren nicht so viele Journalisten wie vor den Wahlen. Fast alle sind in die Ukraine gefahren.“

RP: Belarus liegt mehrere Hundert Kilometer von Tschechien entfernt. Warum findet hier eine Ausstellung über Belarus statt? Warum habt ihr sie gemacht?

JJ:„Wir waren erschrocken, was in Belarus vor sich geht. Die Leute in der Zeltstadt waren vor allem Studenten. Wie wäre es wohl, wenn man selbst in dieser Zeltstadt wäre? Es war ein Muss, sich für dieses Thema zu interessieren. Dann hatten wir zuerst eine andere Idee: Wir haben Stipendien für verfolgte belarussische Studenten mit der Hilfe des Rektors der Karlsuniversität ausgeschrieben. Das ging schnell. Dann haben wir überlegt, was wir noch tun können. Und dann kam uns die Idee mit der Ausstellung.“

Premiere hatte die Ausstellung vor einem Jahr in Prag und seitdem reist sie durch Tschechien und Ausland. Sie war in Krakau, Warschau und Bratislava… Aber zurück in den Saal der Freien Universität in Berlin-Dahlem.

RP: Ich sehe hier auf dem Bild die weißrussischen Milizen. Was empfindet man, wenn man das sieht?

RV:„Diese Gruppe von Polizisten, die zum Angriff bereit ist, sieht wirklich brutal aus. Wenn man denkt, dass man dort als Demonstrant steht und vor sich diese schreckliche Truppe hat, dann das ist sicher keine schöne Vorstellung. In Tschechien kann ich mir so etwas nicht vorstellen.“

Übrigens, noch etwas will ich erwähnen. Ende März dieses Jahres wurde der Gedenkmarsch zum 90. Jahr seit der Ausrufung der belarussischen Unabhängigkeit aufgelöst, über 100 Menschen wurden inhaftiert. Zu spüren bekam das auch der Autor der Ausstellung, Andrej Ljankevitsch, der beim Fotografieren des Umzuges brutal geschlagen und dann verhaftet wurde. Obwohl die Ausstellung „Wahlen ohne Wahl“ an den März 2006 erinnert, ist das Thema offenbar überzeitlich.

Ausstellungsfotos: Andrej Ljankevitsch und Julia Daraschkevitsch (Quelle: belorusko2006.cz/en/intro)