Erste Judentransporte aus dem Protektorat Böhmen und Mähren vor 60 Jahren

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Eine Komposition für Streichinstrumente von Pavel Haas, Biblische Lieder von Antonin Dvorak und die Symfonie Eroica von Ludwig van Beethoven standen am Samstagabend auf dem Programm eines Konzertes im Prager Rudolfinum. Veranstalter des Konzertes, das unter der Schirmherrschaft von Senatspräsident Petr Pithart stattfand, waren die Organisationen Terezinska iniciativa / Tereziner Initiative und Pamatnik Terezin/ Denkmalstätte Terezin. Das Konzert galt als Auftakt zu den Trauerfeierlichkeiten, die in dieser Woche aus Anlass des 60.Jahrestages der ersten Transporte im früheren Protektorat Böhmen und Mähren auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos Terezin / Teresienstadt ausgetragen werden. Hören Sie jetzt einen Beitrag von Jitka Mladkova, in dem wir an die Ereignisse vor 60 Jahren erinnern.

Am 16. Oktober 1941 verließ der erste Transport mit in Böhmen und Mähren lebenden Juden Prag. Die in einen Güterzug gepferchten Menschen fuhren damals in das polnische Lodz. Damit begann die Politik der sogenannten Endlösung von Hitlerdeutschland auch auf dem Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren. Bald danach landete ein Judentransport in Terezin / Teresienstadt, das in einen großen Umladeplatz menschlichen "Materials" verwandelt wurde. Im Laufe der Zeit wurden insgesamt 120 Tausend Juden aus ganz Europa nach Terezin gebracht, 85 Tausend von ihnen dann weiter in verschiedene Vernichtungslager in Osteuropa deportiert, 35 Tausend sind in Terezin gestorben. Überlebt haben nur ganz wenige, unter ihnen Dagmar Nebeska. Nach Terezin kam sie mit 17 Jahren. In einem Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk erinnerte sie sich an die Lebensbedingungen in Terezin:

"Das war ein großes Zimmer, in dem 26 Mädchen wohnten. Das kann man sich nur schwer vorstellen, wie die Häuser aussahen. Wir durften nicht nach draußen, und so musste man die Wände zwischen den einzelnen Häusern durchbrechen, damit sich die Leute besuchen können. Am schlimmsten war es hier natürlich für alte und kranke Leute. Viele starben. Sie hatten wenig Medikamente, oder faktisch gar keine. Auch die Nahrung war miserabel. Darüber hinaus war es für diese Menschen eine große psychische Belastung, die man kaum aushalten konnte."

Als Frau Nebeska nach Terezin kam, wurde sie wie die meisten jungen Mädchen hier für die Arbeit in der Landwirtschaft eingesetzt. An einem Oktobertag stand sie im Flur der SS-Kommandostelle in einer langen Schlange, die in ein geräumiges Zimmer mündete. An den Tag kann sie sich noch gut erinnern:

"Hier saßen drei oder vier SS-Männer und wir gingen jeweils als Einzelpersonen zur Registration. Erst später erfuhren wir, wer für den Transport bestimmt wurde und wer zurückbleiben durfte. Gleich am Abend bis spät in die Nacht wurden schmale, weiße Zettel verteilt, es sah wie Seidenpapier aus, und darauf standen Name, Geburtsdatum und Nummer des Transports. Dass es sich um Transporte nach Auschwitz handelte, wusste ich damals nicht."

Im Ghetto blieben damals nur etwa 200 überwiegend jüngere Frauen. Ein halbes Jahr später kam die Befreiung und Frau Nebeska konnte nach Hause zurückkehren. Sollte sich heute eine ähnliche Situation wiederholen, sagt sie, würde sie nicht abtransportieren lassen.

"Nein, ich würde mir wahrscheinlich das Leben nehmen. Ich möchte es nicht noch einmal erleben, weil ich weiß, was auf mich zukommen würde, in meinem Alter von 75 Jahren!"