Erstmals auf Tschechisch: 27 deutschmährische Autoren in einem zweisprachigen Lesebuch

Zweites Buch mit Übersetzungen ins Tschechische

Die deutschsprachige Literatur aus Mähren wird von Germanisten der Palacký-Universität in Olomouc / Olmütz seit Jahren intensiv erforscht. Im Herbst 2014 ist eine einzigartige „Anthologie der deutschmährischen Literatur“ als Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts erschienen. Die Publikation bietet den Lesern sowohl die Originaltexte, als auch die tschechischen Übersetzungen von Erzählungen und Novellen von 27 deutschsprachigen Autoren, die mit Mähren verbunden waren. Dazu gehören allgemein bekannte Autoren wie auch solche, die auf ihre Wiederentdeckung warten. Die Anthologie wurde in dieser Woche im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren präsentiert. Radio Prag hat nach der Veranstaltung einen der Herausgeber, den Olmützer Germanisten Lukáš Motyčka, vors Mikrophon gebeten.

Foto: Archiv des Prager Literaturhauses
Die Forschungsstelle für deutschmährische Literatur in Olmütz hat eine Anthologie herausgegeben. Herr Motyčka, Sie sind Herausgeber des Doppel-Bandes. Können Sie dieses Doppel-Buch vorstellen?

„Sie sagen richtig Doppel-Buch. Ich bin einer der Mit-Herausgeber, neben Frau Barbora Veselá. Es handelt sich um eine Anthologie von 27 deutschsprachigen Texten von Autoren, die mit Mähren verbunden sind. Wie schon angedeutet, gibt es zwei Bücher: Das eine Buch enthält Originaltexte und das andere Buch Übersetzungen ins Tschechische.“

Markéta Kachlíková spricht mit Lukáš Motyčka (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses)
Das Buch präsentiert 27 Autoren. Nach welchen Kriterien wurden diese Autoren ausgewählt?

„Es gab sehr viele Kriterien. Ich fasse sie ganz kurz zusammen: Selbstverständlich mussten es deutschsprachige Autoren sein, die mit Mähren verbunden waren – entweder durch ihre Biographie oder dadurch, dass sie über Mähren geschrieben haben. Wir haben nur Prosatexte gewählt, und zwar meist von mittlerer Länge. Unser Ziel war es, die Poetik dieser Autoren möglichst unverzerrt und ausreichend vorzustellen. Wir haben die Texte nicht gekürzt und auch nicht bearbeitet, weil wir sie eben nicht verzerren wollten. Es gab auch weitere, pragmatische Kriterien, zum Beispiel zeitliche Eckdaten. Wir haben Texte aus dem 19. und von Anfang des 20. Jahrhundert ausgewählt.“

Zweites Buch mit Übersetzungen ins Tschechische
Sie sprechen über die Poetik der Autoren. Gibt es eine gemeinsame Poetik, oder hatte jeder Schriftsteller seine eigene Poetik?

„Nein, es gibt sicherlich keine deutschmährische Poetik. Wenn der Leser das Buch aufschlägt und in den Texten liest, sieht er ein breites Spektrum, das betrifft sowohl die Poetik als auch den Inhalt. Es gibt da humorvolle, aber auch sehr ernste Texte. So etwas wie deutschmährische Ästhetik gibt es nicht. Jeder einzelne Autor hat seine eigene Poetik.“

Für das Buch wurden Erzählungen ausgewählt. Bedeutet das, dass der Schwerpunkt der deutschmährischen Literatur in der Prosa lag? Oder wäre es möglich, auch einen Lyrik-Sammelband herauszugeben?

„Dies ist eine schwere Frage. Ich denke, in der Prosa finden sich die Texte am besten. Es gibt sehr viele Prosawerke. Auch Lyrik wurde viel geschrieben, aber wahrscheinlich wäre es schwieriger, ästhetisch wertvolle Lyrik zu finden. Nicht nur bei den Deutschmähren. Was das Drama angeht, gibt es pragmatische Einschränkungen. Die Dramen-Texte sind sehr lang. Wenn man die nicht kürzen will, und das war eines unserer Kriterien, kommt man auf 50 bis 200 Seiten pro Drama, und das haben wir uns nicht leisten können. Die Prosa war also am einfachsten herauszugeben.“

Ludvík Václavek (Foto: Marek Otava, Archiv der Palacký-Universität)
Die Anthologie ist ein Ergebnis der Arbeit Ihrer „Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur“. Können Sie die Tätigkeit dieser Forschungsstelle näher charakterisieren?

„Für diejenigen, die mehr erfahren wollen, will ich auf unsere Homepage http://as.germanistika.cz hinweisen. Die Forschungsstelle besteht seit ungefähr 15 Jahren. Sie wurde von unseren Kollegen wie zum Beispiel Professor Ludvík Václavek, Frau Dozentin Lucy Topoľská, Frau Ingeborg Fiala-Fürst und Herrn Jörg Krappmann gegründet. Die Arbeitsstelle hat – sehr kurz gesagt – drei Ziele. Erstens ist das wissenschaftliche Ziel die Erschließung und Erforschung der deutschsprachigen Literatur, die mit Mähren verbunden ist. Das zweite Ziel ist, diese Literatur und Kultur zu popularisieren, vor allem beim tschechischen Publikum. Und das dritte Ziel heißt, an der Universität zu wirken, also Vorlesungen und Seminare zu diesem Thema anzubieten.“

Foto: Archiv der Palacký-Universität
Die Arbeitsstelle hat bereits ein Lexikon der deutschsprachigen Schriftsteller aus Mähren herausgegeben. Wie umfangreich ist dieses Nachschlagewerk?

„Das haben meine Kollegen im Jahr 2006 gemacht. Es sind zwei Bände, in denen etwa 200 Autoren ein Stichwort und eine detaillierte Darstellung haben.“

Zurück zu Ihrer Anthologie: Handelt es sich um Texte, die bereits irgendwann erschienen sind, im 19. Jahrhundert oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts, oder wurden manche auch überhaupt nie publiziert?



Robert Musil (Foto: Public Domain)
„Alle deutschen Originaltexte wurden bereits publiziert, sonst hätten wir sie nicht. Selbstverständlich hätte man Texte auch aus Nachlässen nehmen können, aber das haben wir nicht gemacht. Alle wurden schon mindestens einmal publiziert. Die meisten nur einmal, und das ist sehr lange her. Manche der bekannteren Autoren wie zum Beispiel Marie von Ebner-Eschenbach, Ferdinand von Saar und Robert Musil wurden schon mehrmals publiziert. Was aber ein Unikum ist: Es sind Texte, die zum ersten Mal ins Tschechische übersetzt wurden. Für den tschechischen Leser ist es also das erste Mal.“

Wer hat sich an der Übersetzung ins Tschechische beteiligt?

„Ein Team aus – denke ich – zehn oder elf Übersetzern. Das Spannende ist, dass unter diesen Übersetzerinnen und Übersetzern teilweise Profis waren, wie zum Beispiel Lucy Topoľská, eine bekannte Übersetzerin aus dem Deutschen, aber auch Studierende aus dem Bachelor- und Magister-Studium sowie Doktoranden. Von daher war es eine sehr große Herausforderung für die Herausgeber, diese Übersetzungen sozusagen zu einem guten Ende zu bringen.“

Otto von Leixner
Haben Sie unter diesen 27 Autoren und Schriftstellern einen oder mehrere gefunden, die für Sie eine Entdeckung waren, die Sie besonders angesprochen haben?

„Ja, sehr viele. Ich war im positiven Sinn schockiert. Mit dem Begriff der sudetendeutschen Literatur, der Provinzliteratur, wird meist das Prädikat ‚schlecht‘ verbunden. Das stimmt nicht. Und ich hoffe, wir haben mit dem Buch bewiesen, dass aus der Provinz auch sehr gute Literatur kam. Für mich gelten zum Beispiel Otto von Leixner oder Oskar Jelinek als große Entdeckungen. Aber eigentlich müsste ich noch sehr viel mehr nennen.“

Spiegelt sich in den Texten auch die Beziehung zu Mähren, zur mährischen Landschaft und zur mährischen Gesellschaft wider?

Altvatergebirge (Foto: Martin Vavřík, Public Domain)
„Es war für uns eigentlich kein Kriterium, die mährische oder die österreich-schlesische Landschaft koloristisch nachzuweisen. Das wollten wir nicht, aber es kam von selbst. Selbstverständlich gibt es in der Anthologie mehrere Texte, die in Mähren spielen – zum Beispiel der wunderbare Text ‚Im Gesenke‘ von einem Herrn Fritsch, der völlig vergessen wurde. Der Text ist witzig und frisch, er spielt im Altvatergebirge, dem heutigen Jeseníky. Bezüge bestehen also, es war aber nicht unser Ziel, solche Texte auszuwählen. Andererseits lassen sich auch Texte finden, die zum Beispiel in Amerika und in Ägypten spielen.“

Eine der bekanntesten Vertreterinnen der deutschmährischen Literatur ist Marie von Ebner-Eschenbach. Gibt es auch andere Frauen in der Auswahl?

Marie von Ebner-Eschenbach
„Ja, insgesamt sind es drei Frauen. Marie von Ebner-Eschenbach ist selbstverständlich die Matadorin der deutschmährischen Literatur, aber für mich gab es eine große Entdeckung, auch eine Frau, und zwar die Fürstin Mechtilde Lichnowski. Von ihr steht ein wunderbarer Text im Buch. Vielleicht kann ich die Zuhörer drauf aufmerksam machen, dass dieser Text und weitere Texte von dieser Anthologie vom Tschechischen Rundfunk – Vltava bearbeitet und ausgestrahlt wurden. Darunter war auch ‚Gott betet‘ von Mechtilde Lichnowski.“

Können Sie noch beschreiben, wie die Arbeit an so einem Band aussieht. Ich meine vor allem die Auswahl der Autoren und der Texte. Daran hat sich ein Team beteiligt, gab es Streitigkeiten?

„So ungefähr. Streitigkeiten gab es jedoch nicht. Selbstverständlich haben wir uns zusammengesetzt. Jeder hatte seine Top-10-Liste. Und dann haben wir erst einmal geschaut, welche Texte uns überhaupt zur Verfügung stehen. Denn manche Autoren sind so unbekannt, dass die Bibliotheken beinahe nichts von ihnen haben. Bei diesen war es schwierig, an Bücher heranzukommen. Manche waren auch nicht einmal bei uns im Archiv. Und dann haben wir uns geeinigt, welche Autoren und welche Texte von diesen Autoren wir nehmen. Bei den bekannteren Autoren hatten wir das Kriterium, dass die Texte noch nicht übersetzt vorliegen dürfen. Bei Eschenbach, David, Sealsfield oder Musil war es schwierig, dieses Kriterium zu erfüllen. Wir haben suchen müssen.“