„Heimat über den Ländern“: Große Rilke-Konferenz in Prag

Rainer Maria Rilke

Vor 150 Jahren wurde Rainer Maria Rilke geboren. In Prag findet dieser Tage deshalb eine große Konferenz statt, die Leben und Werk des Dichters beleuchtet. Radio Prag International war bei der Eröffnung der Tagung in der deutschen Botschaft dabei.

Torsten Hoffmann,  Universität Stuttgart | Foto: Facebook / Deutscher Buchpreis

„In diesem Jahr haben wir den 150. Geburtstag Rilkes. Und da lag es für uns natürlich nahe, dass wir in seine Geburtsstadt kommen, also nach Prag“, sagt Torsten Hoffmann. Er ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Stuttgart und Präsident der 1971 gegründeten Rilke-Gesellschaft. Die aktuelle Tagung ist bereits die 41. dieser Institution – und die zweite, die in Prag stattfindet, wie Hoffmann ausführt:

„Es gab schon einmal eine Tagung in Prag – und zwar vor genau 40 Jahren, 1985, in einem ganz anderen Europa. Zu der Zeit war es gar nicht einfach, aus dem Westen nach Prag zu kommen. Aber das Besondere war, dass auch sieben Mitglieder aus der DDR zu einer Rilke-Tagung kommen konnten, was bei westlichen Tagungen nicht möglich war.“

Der Lyriker Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren und verbrachte hier seine ersten Lebensjahre. Wie war seine Beziehung zur Moldaumetropole?

„Rilke hat irgendwann einmal gesagt – da war er Anfang 20 –, dass man in Prag eigentlich eine leichte Kindheit verbringen könnte, weil die Stadt so ungeheuer geheimnisvoll und anregend ist. Aber er selbst hatte hier eine schwere Kindheit. Rilke hatte keine guten Erinnerungen an Prag, seine Eltern haben sich getrennt, als er acht Jahre alt war, und ihn in ein militärisches Internat geschickt. Erst später kam er für eine Zeitlang nach Prag zurück, aber für ihn war dieser Ort immer mit eher dunklen Erinnerungen verbunden. Das ist auch der Grund, warum er in seiner zweiten Lebenshälfte nicht mehr oft hier gewesen ist.“

Rainer Maria Rilke | Foto: Profimedia

Anders als Franz Kafka könne man Rilke deshalb auch nicht als „Prager Autor“ bezeichnen, meint Hoffmann.

Rilke lebte später unter anderem in Deutschland und Frankreich, er hielt sich länger in Italien und Russland auf, 1926 starb er in der Schweiz. Folgerichtig steht die aktuelle Konferenz unter dem Titel „Von Prag nach Europa“. Literaturwissenschaftler Hoffmann betont:

„Rilke war einer der europäischsten Autoren der klassischen Moderne. Er war ein wirklich emphatischer Europäer, lebte in verschiedenen Ländern und sagte, dass er sich eine Heimat ‚über den Ländern‘ erschaffen habe. Rilke war ein Transnationalist, der mit nationalistischen Strömungen nichts anfangen konnte. In unserer Zeit, in der transnationale Perspektiven zunehmend unter Druck geraten, ist es ein gutes Anliegen, sich mit diesem europäischen Rilke zu beschäftigen.“

Bei der Eröffnung der Konferenz am Mittwochabend in der deutschen Botschaft hielt der norwegische Autor Karl Ove Knausgård eine Festrede. Er bezieht sich in seinen Büchern immer wieder auf Rilke. Auf dem Programm der Tagung steht aber auch eine Debatte mit drei aktuellen Rilke-Biographen, es wird aus literaturwissenschaftlicher Perspektive über sein Werk diskutiert, zudem gibt es eine Stadtführung auf den Spuren des Dichters.

Lucie Merhautová von der tschechischen Akademie der Wissenschaften wird am Samstag zudem einen Vortrag über Rilkes Einfluss auf die tschechische Lyrik der 1930er und 1940er Jahre halten.

Lucie Merhautová | Foto: Masarykův ústav a Archiv AV ČR

„Damals erschien eine neue Generation von ganz bekannten Dichtern wie Vladimír Holan, František Hrubín, František Halas und Jan Zahradníček. Und für diese Autoren war Rilke eine sehr wichtige Inspiration.“

Bereits zu seinen Lebzeiten gab es laut Merhautová aber Kontakte zwischen Rilke und seinen tschechischschreibenden Dichterkollegen – etwa als 1895 sein Gedichtband erschien, der dezidiert Prag gewidmet war:

Foto: Verlag Vitalis

„Als er die ‚Larenopfer‘ herausgab, erweckte das viel Aufmerksamkeit. Es ist bekannt, dass er einige Exemplare an tschechische Dichter schickte, zum Beispiel an Jaroslav Vrchlický, dessen Werk er kannte, und an Julius Zeyer. Diesen Lyrikern widmete er auch einige der Gedichte in dem Band.“

Heute würden regelmäßig Rilke-Übersetzungen in Tschechien erscheinen, sagt Merhautová. Vor allem handele es sich um Texte aus dem Spätwerk wie die „Sonette an Orpheus“ oder die „Duineser Elegien“. Zudem arbeite die Übersetzerin Věra Koubová derzeit an einer Übertragung der französischen Gedichte, die bisher häufig außen vorgeblieben seien, schließt die Literaturwissenschaftlerin ab.

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