Extremisten an der Prager Karlsuniversität

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"Ich entschuldige mich bei allen demokratisch denkenden Bürgern und missbillige die Versuche, die akademischen Freiheiten zu missbrauchen" - mit diesen Worten bezog der Dekan der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität am Donnerstag in einem offenen Brief an die renommierte Tageszeitung "Lidove noviny" Stellung zu einem Vorfall, der in den letzten Tagen hierzulande für Schlagzeilen gesorgt hat. Wovon genau die Rede ist, verrät Ihnen Silja Schultheis.

Ort des Geschehens: das politikwissenschaftliche Seminar an der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität, Gegenstand: ein Seminar zum Thema "Typologie des politischen Extremismus", Zeit der Handlung: Vergangenheit. Denn am Mittwoch verbot der Dekan der Philosophischen Fakultät, Petr Kolar, die Fortsetzung des erwähnten Seminars und drohte dessen Veranstalter, Zdenek Zboril bei weiteren Vorkommnissen mit harten arbeitsrechtlichen Maßnahmen.

Was war passiert? Zboril hatte als Vortragende und Diskutanten in sein Seminar u.a. Vertreter verschiedener extremistischer Organisationen eingeladen. Unter ihnen auch den ehemaligen Vorsitzenden der neonazistischen Vereinigung "Nationaler Widerstand" - Filip Vavra -, der in Fachkreisen als einer der gefährlichsten tschechischen Neonazisten gilt und u.a. für Ausschreitungen vor der Prager jüdischen Synagoge sowie einen Anschlag auf einen homosexuellen Club mitverantwortlich zeichnet.

Die Einladung extremistischer Redner an die philosophische Fakultät begründete Zboril damit, dass das Seminar Kenntnisse über extremistische Organisationen vermitteln wolle und es bislang außer den Berichten des Innenministeriums darüber bislang keine einzige abgeschlossene Studie gäbe.

Die Reaktionen sowohl auf Zborils Veranstaltung als auch auf das Vorgehen des Dekans ließen nicht auf sich warten. Der Direktor des politologischen Instituts äußerte, mit Neonazisten habe man nicht zu diskutieren, sondern gegen sie müsse man mit allen gesetzlichen Mitteln vorgehen. Auch einige tschechische Abgeordnete taten ihren Unmut über das Seminar kund. So bezeichnete der stellvertretende Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Verteidigung und Sicherheit, Petr Kohacek von der bürgerdemokratischen Partei, die extremistischen Vorlesungen an der Universität als "in höchstem Maße unpassend". Zboril selbst setzte dem entgegen, dass die Nichtauseinandersetzung mit den Vertretern extremistischen Gedankengutes vergleichbar damit wäre, dass man Wissenschaftlern die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" verböte.

Die Presse äußerte sich kritisch über das Verbot des Seminars. Die linke Tageszeitung "Pravo" berichtet in ihrer Freitagsausgabe von Studenten, die der Zeitung gegenüber wiederholt ihren Protest gegen die Einschränkung der Freiheit der Lehre kundgetan hätten. Die auflagenstärkste Tageszeitung "Mlada fronta dnes" hingegen kommentierte das Verbot des Seminars mit einigen Reflexionen über den Freiheitsbegriff. Das Resümee lautet: "Über die Freiheit wissen wir immer noch wenig. Freiheit bedeutet nicht, das Gute zu erlauben und das Schlechte zu verbieten. Die Philosophische Fakultät hätte diesen laienhaften Gedanken wissenschaftlich weiterentwickeln können. Oder ihn stoppen."