Fabriken der Lust unter NS-Kontrolle: Die Prostitution im besetzten Prag
Die deutsche Besatzung der Tschechoslowakei seit März 1939 löste einen rasanten Aufschwung der Prostitution aus, der rasch zu einer Welle von Geschlechtskrankheiten unter den Wehrmachtsoldaten führte. Um die Kampfkraft der Truppe zu sichern und rassenideologische Vorgaben durchzusetzen, reagierten die NS-Behörden mit strikter Regulierung. Neben der polizeilichen und medizinischen Überwachung der Frauen errichtete das Regime im Protektorat Böhmen und Mähren spezielle, streng kontrollierte Soldatenbordelle.
Die Kreuzung der Straßen Americká und Záhřebská im Prager Stadtteil Vinohrady bildet einen kleinen Platz. In der Mitte plätschert ein Brunnen, vor dem vierstöckigen Haus mit der Adresse Americká 17 trinken Menschen Kaffee. Heute lädt im Erdgeschoss des Gebäudes ein Café zum Verweilen ein – und keiner der Gäste ahnt vermutlich, dass sich genau hier einst ein Bordell für deutsche Soldaten befand. Das Hotel „Adler“ wurde Ende August 1940 auf Befehl des SS-Hauptquartiers eröffnet.
Der Boom der Prostitution nach dem Einmarsch
Der Anstoß dazu fiel unmittelbar nach der Besetzung der tschechischen Gebiete im März 1939: Schnell zeigte sich, dass unter den deutschen Soldaten eine Welle von Geschlechtskrankheiten ausgebrochen war, die sie sich bei Prostituierten im Protektorat zugezogen hatten. Die Prostitutionspolitik in der Vorkriegs-Tschechoslowakei habe sich grundlegend von jener im nationalsozialistischen Deutschland unterschieden, erklärt Pavla Plachá. Die Historikerin erforscht das Thema am Prager Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR).
„Seit den 1920er Jahren war in der Tschechoslowakei der sogenannte Abolitionismus etabliert. Das heißt, Prostitution war im Grunde frei. Es gab keine offiziellen Bordelle, aber Frauen konnten legal sexuelle Dienstleistungen anbieten. Es wurde nichts reguliert. Strafrechtlich relevant war lediglich die vorsätzliche Verbreitung von Geschlechtskrankheiten oder das Betreiben von Bordellen. Das war eine völlig andere Politik als in Deutschland, wo die Prostitution seit dem Beginn des Nationalsozialismus streng überwacht wurde.“
Unter diesen gegensätzlichen Voraussetzungen trafen fast 200.000 deutsche Soldaten im Protektorat Böhmen und Mähren ein. Ihre Präsenz wurde zu einer schweren Last für das Land und brachte ein ganz spezifisches Problem mit sich: einen massiven Aufschwung der Prostitution. Soldaten gehörten traditionell zur Hauptklientel in diesem Gewerbe. Pavla Plachá führt aus:
„Aus Sicht der deutschen Besatzungsorgane handelte es sich dabei natürlich um einen verbotenen Umgang zwischen Tschechen und Deutschen. Aus der rassenideologischen Perspektive des NS-Regimes durfte es zu solchen Kontakten gar nicht erst kommen. Den tschechischen Behörden hingegen war das Thema anfangs weitgehend egal. In den ersten Besatzungsjahren wurde der abolitionistische Ansatz im Bereich der Prostitution im Wesentlichen beibehalten. Erst später, im Jahr 1943, kam es zu einer strikten Regulierung für das gesamte Protektorat – das betraf dann sowohl die tschechischen Prostituierten als auch die tschechischen Kunden.“
Die massenhafte Inanspruchnahme von Straßenprostitution führte zu einem sprunghaften Anstieg von Geschlechtskrankheiten unter den deutschen Soldaten.
„Die Führung der Wehrmacht wollte diesen Ausbruch eindämmen und verbot den Soldaten anfangs den Besuch bestimmter Lokale, in denen Prostitution betrieben wurde. Diese Verbote zeigten jedoch keinerlei Wirkung, und die Geschlechtskrankheiten breiteten sich weiter unkontrolliert aus. Schließlich wurde entschieden, auch im Protektorat eigene Militärbordelle einzurichten.“
So entstand das erste offizielle Freudenhaus für deutsche Soldaten im Prager Stadtteil Vinohrady...
„Dort wurden 1941 etwa 20 deutsche Frauen und später auch Tschechinnen eingesetzt. Den deutschen Soldaten wurde befohlen, ausschließlich solche speziell für sie eingerichteten Betriebe zu besuchen. Der unkontrollierte Kontakt mit Prostituierten im Protektorat ließ sich dadurch zwar nicht völlig unterbinden, aber die Situation stabilisierte sich dadurch wohl ein Stück weit.“
Das Sexualleben unter Kontrolle
Der Historikerin zufolge legten die deutschen Besatzer größten Wert auf eine lückenlose Regulierung und Erfassung aller Lebensbereiche – das Sexualleben eingeschlossen. Die Prostituierten seien systematisch registriert und streng überwacht worden:
„Die Frauen erhielten ein sogenanntes Kontrollbuch, das ein Foto, persönliche Daten und auch Fingerabdrücke enthielt. Darin wurden sämtliche Untersuchungen der Gesundheitsbehörden dokumentiert: Jede Frau musste sich zweimal pro Woche vorstellen, um sich per Stempel bescheinigen zu lassen, dass sie gesund und arbeitsfähig war. Wer sich diesen Anordnungen und Vorschriften entzog, konnte verfolgt werden. Solche Frauen wurden als sogenannte ‚Asoziale‘ bezeichnet, von der Polizei in sogenannte Vorbeugungshaft genommen und letztlich in ein Konzentrationslager deportiert.“
Anfangs wurden die Sexarbeiterinnen in den Betrieben von den Behörden streng ausgesucht.
„Es mussten Frauen deutscher Nationalität und Staatsangehörigkeit sein. Da es im Protektorat jedoch zu wenige deutsche Prostituierte gab, wurden schließlich auch Frauen tschechischer Nationalität zugelassen. Wir haben zwar keine konkreten Einzelschicksale entdecken können, aber es existiert eine Fotodokumentation, die vermutlich offiziell von der Prager Kriminalpolizei angefertigt wurde. Daher wissen wir heute, wie das Personal aussah und wie beispielsweise das Interieur des Bordells in der Prager Americká-Straße gestaltet war.“
Dennoch handle es sich bei den Bildern um Propagandafotos, betont Plachá.
„Die Realität sah wahrscheinlich ganz anders aus. Uns liegt eine Besucherstatistik vor, die zeigt, dass der Betrieb in Wahrheit wie eine Fabrik ablief.“
Dies belegt eine zeitgenössische Tabelle zur „Aufstellung der Besucher im Dirnenhaus Amerikan. Str. 28“ für die Woche vom 19. bis 25. Juni 1942. Bei einer Besetzung von rund zwanzig Prostituierten verzeichnet das Dokument ganze 2302 Besucher in nur sieben Tagen. Die größten Gruppen bildeten dabei 1120 Wehrmachtssoldaten und 730 Angehörige der Waffen-SS.
Das Hotel „Adler“ in Prag-Vinohrady
Weitere Quellen geben Aufschluss darüber, wie der Besuch eines solchen Etablissements für die Soldaten ablief. Plachá schildert:
„Der Soldat wurde registriert und kontrolliert. Zudem gab es Festpreise für Essen und Getränke sowie sehr strenge Hygienevorschriften, die eingehalten werden mussten. Da es im Verhältnis zur enormen Masse an Soldaten im Protektorat viel zu wenige dieser Bordelle gab, waren die Einrichtungen völlig überlaufen.“
Dennoch nutzten die Soldaten weiterhin auch andere Wege abseits der offiziellen Heime...
„Ja, das war von Anfang an ein Problem: Viele deutsche Soldaten respektierten die Verbote nicht. Zum einen lag das sicherlich an den Preisen, da diese auf der Straße wohl deutlich niedriger waren als in einer solchen Einrichtung. Zum anderen wollte sich nicht jeder Soldat dieser Kontrolle unterwerfen. Der Kontakt zu den Frauen in den offiziellen Bordellen war natürlich sehr unpersönlich.“
Soldaten, die beim Verstoß gegen die Besuchsverbote erwischt wurden, mussten mit disziplinarischen Strafen oder einer Strafversetzung rechnen.
Nach dem ersten Wehrmachtsbordell in der Prager Americká-Straße seien noch weitere Betriebe eröffnet worden, so Pavla Plachá:
„Wir kennen die genaue Gesamtzahl nicht, aber bis zum Kriegsende haben wir allein in Prag etwa drei oder vier solcher Heime registriert. Auch in anderen größeren Städten, wie etwa in Brno / Brünn, gab es solche Einrichtungen. Ab 1943 wurden zudem kleinere Wohnungen und spezielle Unterkünfte eingerichtet, in denen auch tschechische Prostituierte offiziell erlaubt waren und die kontrolliert wurde.“








