Filmregisseur Jakob Lass: „Ich will eines Tages in Tschechien drehen!“

Jakob Lass (Foto: YouTube)

Der deutsche Regisseur Jakob Lass lebt in Berlin, spricht aber flüssig Tschechisch und fühlt sich mit Tschechien eng verbunden. Zwar wurde er 1981 in München geboren, seine Mutter ist aber eine gebürtige Pragerin, und sein Vater lebte in seinen Kinderjahren in Prag. Beim Filmfestival in Karlovy Vary / Karlsbad hat Jakob Lass Anfang Juli als Filmregisseur seine Tschechien-Premiere erlebt. Sein neuester Streifen „Love Steaks“ wurde dort gezeigt. Radio Prag hat mit dem Regisseur über seine Wurzeln, seinen Werdegang und sein neuestes Werk gesprochen.

Jakob Lass (Foto: YouTube)
Wir treffen uns beim Filmfestival in Karlsbad, wo sie einen deutschen Film zeigen. Aber Sie haben auch hier in Tschechien Wurzeln?

„Ja, das stimmt. Meine Eltern sind aus Prag. Meine Mutter ist gebürtige Pragerin und mein Vater ist in New York geboren und mit seinen Eltern im Alter von sechs Jahren nach Prag gekommen. Die beiden waren so klug, mir Tschechisch beizubringen. Von daher fühle ich mich mit Tschechien immer noch sehr stark verbunden und versuche, so oft ich kann hier zu sein. Das ist jetzt natürlich eine wahnsinnige Möglichkeit, auf dem größten tschechischen Filmfest und gleichzeitig einem bedeutenden A-Festival teilzunehmen. Das ist eine schwindelerregende Situation!“

Filmfestival in Karlsbad (Foto: Kristýna Maková)
Sie sind aber in Deutschland geboren.

„Ich bin in München geboren und lebe jetzt in Berlin. Das macht diese Woche nochmals intensiver, weil der Film jetzt gerade parallel auch auf dem Münchner Filmfest gezeigt wird. Das ist auf jeden Fall eine der verrücktesten Wochen, die ich seit Langem gehabt habe.“

Können Sie die beiden Festivals vergleichen? Sie haben ja jetzt einen unmittelbaren Eindruck von beiden.

„Das ist schwer. Es sind tatsächlich sehr unterschiedliche Festivals, die aber beide für mich immens wichtig sind. Das Zurückkommen in meine Geburtsstadt München ist sehr intensiv. Und nach Tschechien kommen, wo meine Muttersprache gesprochen wird, das ist gleichermaßen etwas Besonderes. Darum fällt mir ein Vergleich sehr schwer.“

FAMU (Foto: Kristýna Maková)
Haben Sie vielleicht einmal in Tschechien gelebt oder für eine gewisse Zeit studiert?

„Nein, habe ich leider nicht. Ich habe mich, sehr, sehr jung, einmal an der FAMU (Film- und Fernsehfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag) für ein Regiestudium beworben, aber das hat leider nicht geklappt. Und ich habe ein paar Regieassistenzen gemacht bei kleineren deutschen Produktionen in Prag, wo ich meine Zweisprachigkeiten nutzen konnte.“

Interessieren Sie sich für den tschechischen Film? Gibt es ältere oder aktuelle Filme oder Regisseure, die Sie interessant finden?

Aschenbrödel
„Ja, gerade ältere Filme haben mich besonders geprägt. Als ich im Zug in die tschechischen Wälder hineingefahren bin, war ich sofort wieder verzaubert: Das ist einfach ein geborenes Filmland, weil die Natur so schön ist und man auch die Märchen gleich überall spürt. Ich weiß, dass ich als Kind hier oft auch in Fantasiewelten eingetaucht bin, in Western-Fantasiewelten. Eines Tages muss ich hier drehen, auf jeden Fall.“

Ist der tschechische Film in Deutschland ein Begriff oder eher nicht?

„Ich glaube schon, aber vermutlich weniger der zeitgenössische, als vielmehr die Kinderfilme, die in Zusammenarbeit mit der DEFA (Deutsche Film AG) entstanden sind. Aschenbrödel ist zum Beispiel sehr bekannt, oder ‚Nuda v Brně’ kennen auch einige, der heißt auf Deutsch ‚Sex in Brno’.“

„Love Steaks“
Sie zeigen hier Ihren jüngsten Film „Love Steaks“. Wie würden Sie diesen Film charakterisieren?

„Es ist ein wilder, temporeicher Film und auch ein bisschen seltsam. Ihn macht vielleicht besonders, dass er eine Mischung aus improvisierten Elementen und dokumentarischen Momenten sowie einer Narration ist, die relativ linear und klassisch verläuft. Unsere Arbeitsweise war eben, dass wir in ein reales Hotel gegangen sind und dort mit zwei Schauspielern gedreht haben, nach einer Geschichte, die wir in achtzehn Szenen zusammengefasst haben. Wir haben uns dabei viel Freiheit gelassen, darauf zu reagieren, was wirklich passiert, was sozusagen der echte Hotelalltag ist. Also diese Mischung aus dem, was wir uns ausgedacht haben, und was wir real vorgefunden haben.“

„Love Steaks“
Und wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser Methode? Welche Vorteile und welche Tücken hat sie?

„Sie hat viele Vorteile. Mir macht das großen Spaß. Es ist ein unglaublich intensives Arbeiten und es hat nicht die Nachteile eines klassischen Drehbuchs, das am Schreibtisch entsteht. Es ist eben dadurch viel intensiver, dass man vor Ort ist. Wir haben mit ganz vielen Leuten gedreht, die keine professionelle Erfahrung haben, dafür einfach professionell im Hotel-Business sind. Auch während des Drehs haben sie einfach gearbeitet, trotzdem aber an unserer fiktiven Geschichte teilgenommen. Das ist einfach eine sehr lebendige, sehr intensive Mischung. Deswegen bleibe ich dem, glaube ich, treu.“

Timon Schäppi (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)
Ich habe gesehen, dass der Film viele Drehbuchautoren hat. Wie ist das zustande gekommen?

„Das ist richtig. Wir haben das Drehbuch zusammen mit der Produzentin Inés Schiller, mit dem Kameramann Timon Schäppi und mit dem Drehbuchautor Nico Woche zusammen entwickelt. Es war uns wichtig, dass wir das gemeinsam machen. Man muss jetzt nicht denken, dass es dadurch weniger Arbeit war, weil wir im Endeffekt dann nur eine Seite hatten. Gerade das Drehbuch so zu reduzieren und so klar für uns alle zu bekommen, war – glaube ich – die wichtigste Arbeit. Wir wussten genau, was für einen Film wir wollen. Obwohl es nicht Wort für Wort aufgeschrieben ist. Das war auch das Spannende und Intensive. Ich hatte das Gefühl, dass dadurch der Film auch klarer geworden ist. Wenn man jemandem das Drehbuch in die Hand drückt, kann man nicht immer sicher sein, dass man wirklich denselben Film sieht.“

„Love Steaks“ (Franz Rogowski rechts)
Man muss dabei ein großes Vertrauen in die Schauspieler haben. Sind es in diesem Film Menschen, mit denen Sie schon früher gearbeitet haben?

„Ja, mit Franz Rogowski, dem männliche Hauptdarsteller. Mit ihm habe ich zuvor schon mehrmals gedreht. Franz ist Tänzer und ein Freund von mir. Ich habe ihn durch einen Zufall für das Schauspiel entdeckt, weil er die Choreographie bei einem Kurzfilm von mir gemacht hat. Und dann ist, wie es so geht, jemand ausgefallen und wir haben Franz gefragt, ob er schnell eine Kapuze aufsetzen und ins Bild kommen könne. Das war ein kleiner Auftritt, er ist nur ins Bild gekommen und hat sich hingesetzt, mehr nicht. Aber das war schon so beeindruckend, dass ich gesagt habe: Wahnsinn, der Mann hat einfach eine sehr große Präsenz. Es macht Spaß, ihm zuzusehen. Seitdem habe ich mit Franz bereits drei Filme gedreht, auch schon einen langen Film. Und Lana Cooper habe ich für diesen Film fast zufällig entdeckt. Sie hatte eine E-Mail geschrieben, um sich als Regie-Assistentin zu bewerben. Und ich fand einfach ihren Namen so interessant und habe sie gegoogelt. Ich hab gemerkt, sie ist Schauspielerin und hat ein wahnsinnig tolles Showradio online, in dem sie auch improvisiert. Und dann dachte ich, dass ist die Kombination, die beiden müssen es sein.“

Jakob Lass (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Fogma, © Friederike Hohmuth)
Wie ich gelesen habe, haben Sie selbst auch zunächst Schauspielkunst studiert…

„Ja, das stimmt. Ich habe sehr jung mit 17 Jahren angefangen, Schauspiel zu studieren. Ich habe dann auch lange Theater gespielt und habe das sehr genossen. Es war mir aber immer klarer, dass irgendetwas fehlt, dass irgendetwas noch nicht richtig ist. Ich war ein anstrengender Schauspieler, weil ich immer intensiv die Regisseure hinterfragt habe und immer alles sehr genau wissen wollte. Und dann habe ich irgendwann gemerkt, dass ich deren Job machen möchte, dass mich das Spielleiten am meisten interessiert und dass ich Regisseur werden muss. Und das hat sich bewahrheitet.“

Der Film wird als der erste Fogma-Film präsentiert. Was ist Fogma?

„Wir haben uns sehr viel Zeit genommen, um über unsere Arbeitsweise nachzudenken. Dabei sind wir zu einem Punkt gekommen, an dem wir festgestellt haben, dass wir Regeln brauchen, die uns diese Improvisationen ermöglichen. Umso genauer wir es definieren, umso genauer wir das Spielfeld begrenzen, desto mehr Freiheit haben wir dann, wenn wir vor Ort sind und improvisieren. Deswegen haben wir uns ein mehrseitiges Regelwerk geschaffen und das ‚Fogma’ getauft: das ‚Future Dogma’. Und das haben wir jetzt auf unserer Homepage veröffentlicht. Das sind zum Teil auch sehr alltägliche und sehr allgemein gültige Regeln, die uns wirklich geholfen haben, die Kreativität zu bündeln. Weil die Improvisation sonst ein sehr weites Feld wäre. Alles ist möglich, aber wir wollten mit diesem Film sehr klar eine Richtung gehen.“

„Love Steaks“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Fogma, © Friederike Hohmuth)
Wir haben bisher eigentlich noch nicht über die Geschichte des Films gesprochen. Worum geht es darin?

„Es geht um einen jungen Masseur, der ganz frisch in ein Wellness-Hotel kommt, in dem Lara als Köchin arbeitet. Die beiden lernen sich kennen und sind voneinander angezogen, weil sie sehr unterschiedlich sind. Sie haben dann eine Liaison, eine Liebesgeschichte. Und wie das dann in diesem doch relativ hierarchisch geführten Hotel funktioniert, das ist die Geschichte. Und auch wie diese unterschiedlichen Leute zusammen sind und doch nicht zusammen sein können.“

„Love Steaks“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Fogma, © Anna Hostert)
Ihr Film wird in Karlsbad im Rahmen der Sektion „Forum der Unabhängigen“ aufgeführt. Was bedeutet es eigentlich, einen unabhängigen Film zu machen?

„Gute Frage, ich habe noch nie einen abhängigen Film gemacht und weiß auch nicht, ob es das gibt. Aber unabhängig heißt in dem Zusammenhang, dass wir aus eigener Kraft gehandelt haben, mit viel Unterstützung von sehr konkreten Partnern, wie etwa dem Hotel, das uns direkt unterstützt hat. Das heißt, wir waren unabhängig von Filmförderung und Fernsehsendern. Ich weiß nicht, ob das auf alle Filme in der Sektion in diesem Sinne zutrifft. Ich glaube, es geht eher darum, einen positiven Namen für Filme zu finden, die eher klein sind.“

Haben Sie schon ihre früheren Filme in Tschechien gezeigt, oder ist es das erste Mal?

„Das ist tatsächlich meine Tschechien-Premiere. Ich bin sehr gespannt, ob der Humor sich überträgt. Mir haben Tschechen in Deutschland gesagt, dass sie finden, es sei ein sehr tschechischer Humor. Ich bin gespannt, ob sich das bewahrheitet.“

Es hat sich bewahrheitet. Der Film „Love Steaks“ hat beim Filmfestival in München in allen vier Kategorien den Förderpreis Neues Deutsches Kino gewonnen. In Karlsbad wurde er in keiner Wettbewerbssektion aufgeführt, doch das Publikum zeigte sich von dem Streifen begeistert. Es wurden auch sofort Verhandlungen über einen Vertrieb in tschechischen Kinos aufgenommen.