Finanzierung der Hochschulen

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"Wir sind davon überzeugt, dass wenn wir eine Gesellschaft gebildeter und nachdenklicher Bürger sein wollen, die fähig sind, im Wettbewerb mit den europäischen Völkern zu bestehen, wir das einzige unvergängliche Kapital unseres kleinen Landes entwickeln müssen: die Begabung unserer jungen Menschen" So der Beginn einer Petition, die der Verband der Hochschulgewerkschaften am 5. Juni verabschiedet hat und die den Auftakt zu einer öffentlichen Unterschriftenaktion zugunsten der Unterstützung des Hochschulsektors bildet. Appelliert wird in der Petition an das tschechische Parlament, bei der im Herbst bevorstehenden Verabschiedung des neuen Staatshaushalts den Hochschulsektor angemessen zu berücksichtigen und dafür rund 5 Milliarden Kronen (umgerechnet ca. 286 Mio DM) mehr zu veranschlagen als bisher. Mehr über Inhalt und Hintergrund der Petition sowie erste Reaktionen darauf erfahren Sie in dieser Ausgabe des Themenkaleidoskops, zu der Sie aus dem Prager Studio Olaf Barth und Silja Schultheis begrüßen.

Erst in den vergangenen Tagen wieder machte die Presse hierzulande auf eines der Hauptprobleme im Hochschulsektor aufmerksam. So erschien am 6.Juni in der renommierten Tageszeitung "Lidove noviny" ein Artikel mit der Überschrift "Hochschulen: In zehn Jahren wird es niemanden mehr geben, der unterrichtet". Ein paar Tage später titelte die linksliberale Tageszeitung "pravo" in ihrer Montagsausgabe: "Werden die tschechischen Studenten bald nur noch von Greisen unterrichtet?".

Ursache für diese Befürchtungen ist das im europäischen Vergleich absolut unterdurchschnittliche Gehalt tschechischer Hochschulangestellter. Nach Quellen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft sowie des tschechischen Hochschulgewerkschaftsverbandes beträgt das monatliche Anfangsgehalt eines Assistenten an tschechischen Hochschulen knapp 300 Euro - und ist damit dreimal so niedrig wie das seiner spanischen Kollegen und fast achtmal so gering wie das eines beginnenden Assistenten in Belgien.

Obwohl die tschechische Regierung 1998 in ihrem Wahlprogramm versprochen hat, in den Bildungsbereich 6% des Bruttoinlandsprodukts zu investieren, hat sich die finanzielle Misere im Hochschulsektor seitdem eher verschärft, wie Frantisek Barták, Vorsitzender des Hochschul-Gewerkschaftsverbandes, im Gespräch mit Radio Prag ausführte:

"In den vergangenen 10 Jahren - eigentlich in der gesamten Zeit seit der Samtenen Revolution - haben sich die staatlichen Ausgaben im Hochschulsektor kaum geändert. Die Zahl der Studenten ist hingegen in derselben Zeit nahezu auf das Doppelte angewachsen. Es ist also offensichtlich, dass die Ausgaben, die der Staat für einen einzelnen Studenten veranschlagt, eine sinkende Tendenz haben. Dies verhindert ein normales Funktionieren der Hochschulen und hat zur Folge, dass vor allem junge Hochschulabsolventen - talentierte Menschen, die gerne im Hochschulbereich arbeiten würden - nicht in der Lage sind eine Familie zu gründen und sozial zu überleben, wenn sie nur auf diese Einnahmequelle angewiesen sind. Daher vermuten wir, dass die tschechischen Hochschulen in gewisser Weise dadurch bedroht sind, dass der natürliche Generationenwechsel unterbrochen wird."

Den Kern des Problems sieht Bartak dabei in einer generellen, nicht nur auf die Tschechische Republik bezogenen Tendenz des Staates, den Bildungsbereich zu vernachlässigen:

Die Regierungen neigen dazu, im Schulbereich zu sparen - in Gesprächen mit Vertretern der Hochschulgewerkschaften in Österreich und Deutschland habe ich mich davon überzeugt, dass es dort ähnliche Probleme gibt, wenn auch auf anderem Niveau. Das Schulwesen ist ein Bereich, in dem sich Restriktionen nicht sofort bemerkbar machen, in dem bei Einsparungen keine unmittelbare Gefahr droht.

Vor diesem Hintergrund ist für den Gewerkschafts-Vorsitzenden die Mobilisierung der Öffentlichkeit mindestens genauso wichtig wie die Erhöhung der staatlichen Ausgaben im Hochschulbereich. Denn, so erklärt er:

"Es ist klar, dass wir keine Grund legende Änderung erzielen, wenn die Politiker nicht der Kritik der Öffentlichkeit ausgesetzt werden, weil sie im Schulbereich sparen. Mit anderen Worten: die Öffentlichkeit muss sich klar darüber werden, dass es hier um ihre Zukunft geht. Die Gesellschaft muss einfach begreifen - oder vielmehr: wir müssen ihr erklären, so würde ich es sagen -, dass das Schulwesen genauso wichtig wie andere Dinge ist, z.B. wie verschiedene Schadstoffe in der Nahrung, was in letzter Zeit ein sehr modisches Thema ist."

Als eine Art Test für die Reaktion der Öffentlichkeit betrachtet Bartak die erwähnte Petition, zu deren Unterzeichnung nicht nur Studenten und Universitäts-Angestellte, sondern die gesamte Gesellschaft aufgerufen ist.

Inwieweit der Aufruf der Gewerkschaft in der Gesellschaft tatsächlich auf ein Echo gestoßen ist, wird sich Ende Oktober herausstellen, wenn die Unterschriftenkampagne beendet und die Petition dem Parlament vorgelegt wird - unmittelbar vor der Verabschiedung des neuen Haushalts, damit die Forderungen inzwischen bei den Abgeordneten nicht wieder in Vergessenheit geraten.

Kommen wir zu einigen Reaktionen auf die Petition des Hochschulgewerkschaftsverbandes. Von der Böhmisch-mährischen Gewerkschaftskonföderation wurde die Initiative ebenso begrüßt wie von maßgeblichen Vertretern einiger Hochschulen, wie z. B. der Palacky-Universität in Olomouc/Olmütz, der Masaryk-Universität in Brno/Brünn und der Prager Karlsuniversität.

Josef Prusa, stellvertretender Schulminister für den Hochschulbereich, hält die Forderungen der Gewerkschaft zum Teil für gerechtfertigt und verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass das Schulministerium für das nächste Schuljahr eine Erhöhung der Ausgaben im Hochschulbereich um 2 Milliarden Kronen (rd. 57 Mio DM) plane. Dadurch sollen die Hochschulen die Möglichkeit erhalten, in zwei der defizitärsten Bereiche Hand anzulegen, wie Prusa mir erläuterte:

"1 Milliarde soll dafür da sein, die Hochschulen mehr zu öffnen, denn es wird häufig von der Öffentlichkeit kritisiert, dass die Hochschulen nicht offen genug sind, das heißt dass sich die Zahl der angenommenen Bewerber deutlich verringert. Die zweite Milliarde sollte zu einer Weiterentwicklung der Hochschulen führen. Denn wenn sich das Hochschulwesen mehr öffnen soll, muss es auch eine Restrukturalisierung des Studienprogramms geben"

Auf die Frage, ob die entstandene Situation dadurch zu erklären ist, dass das Hochschulwesen für die Regierung einfach keine Priorität besitzt, antwortete mir Josef Prusa:

"Das klingt aus den Reaktionen hervor, dass die Regierung nicht ihr Wort gehalten hat, dass es keine Priorität ist. Ich persönlich glaube, dass es eine Priorität ist, aber eine Priorität im Rahmen der Möglichkeiten. Unter dieser Regierung wurden die Ausgaben im Schulbereich als solchem bereits um 20 Milliarden erhöht. Im Vergleich mit anderen Ressorts glauben wir, dass es eine Priorität der Regierung ist. Nichtsdestotrotz waren die Erwartungen der Öffentlichkeit höher."

Inwieweit die Öffentlichkeit diesen Erwartungen dann auch Ausdruck verleiht und sich der Petition anschließt, wird sich zeigen.

Vor dem Hintergrund der Situation an den staatlichen Universitäten nimmt es nicht Wunder, dass immer mehr private Hochschulen auf den Plan treten. Erst Ende Mai wurden wieder zwei neue vom Staat genehmigt, so dass es mittlerweile 16 in Tschechien gibt. Doch das, liebe Hörerinnen und Hörer, ist ein Thema für ein weiteres Kaleidoskop.

Autoren: Olaf Barth , Silja Schultheis
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