Gedenken an NS-Opfer: Lenka Reinerovás Rede wurde im Bundestag verlesen

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Am 27. Januar 1945 wurden die Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz von der Roten Armee befreit. Aus Anlass des bevorstehenden Gedenktages, dem Tag der Opfer des Nationalsozialismus, wurde die Tschechin Lenka Reinerová gebeten, im Deutschen Bundestag zu sprechen.

Lenka Reinerová ist mit ihren 91 Jahren die letzte noch lebende deutschsprachige Schriftstellerin in Prag. Viele ihrer bekannten Kollegen wie Egon Erwin Kisch oder auch Rainer Maria Rilke hat sie noch persönlich gekannt. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, wie auch der Presseattaché der deutschen Botschaft in Prag, Sebastian Gerhardt, meint:

„Sie symbolisiert sozusagen in Prag die deutsch-tschechisch-jüdische Symbiose. Sie ist außerdem eine Zeitzeugin, die sehr viel erlebt hat, unter anderem auch die Zeit des Nationalsozialismus, den Holocaust. Sie ist deshalb auf Einladung des Bundestagspräsidenten zu dieser Gedenkfeier im Bundestag eingeladen worden.“

Lenka Reinerovás Familie, elf Personen insgesamt, wurde von den Nazis umgebracht. Überlebt hat sie nur, weil sie am Tage der deutschen Besetzung nicht in der Tschechoslowakei war. Und so begann für sie das jahrelange Exil. Lenka Reinerová konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Berlin reisen und persönlich im Bundestag sprechen. Ihre Rede wurde von der Schauspielerin Angela Winkler vorgetragen. Verfolgt hat Lenka Reinerová den Vortrag dennoch, berichtet Presseattaché Sebastian Gerhardt:

„Frau Reinerová bekam eine Einladung vom deutschen Botschafter in Prag, sich die Veranstaltung hier live auf dem deutschen Fernsehsender Phoenix anzuschauen, wo sie übertragen worden ist und hat die Einladung sehr gerne angenommen.“

Der Deutsche Bundestag in Berlin
Hören Sie nun einen Ausschnitt aus der Rede von Lenka Reinerová im Deutschen Bundestag anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus. Es liest Angela Winkler:

„Wenn man heute über diese Dinge spricht und vor allem nachdenkt, will man sie eigentlich gar nicht glauben. Aber es sind leider Tatsachen. Damit etwas Ähnliches nie wieder auf uns zukommen kann, glaube ich, müssen wir viel mehr Verständnis für die Andersartigkeit riesiger Massen der Bevölkerung unseres Planeten aufbringen, um einem solchen Unglück, wie es in letzter Zeit der Terrorismus darstellt, rechzeitig und gründlich beikommen zu können. Denn dass wir friedlich miteinander leben wollen und können, ist vielleicht eine Selbstverständlichkeit, die allerdings unterstützt und behütet werden muss. (…)

Ich bin, und das ist keine Neuigkeit, der letzte deutschsprachige Autor in der Tschechischen Republik. Im Hinblick darauf, dass meine ganze Familie dem deutschen Nationalsozialismus zum Opfer gefallen ist, wurde mir diese Tatsache eine gewisse Zeitlang beinahe vorgeworfen, zumindest ungern gebilligt. Das hat sich mit der Zeit schließlich geändert, und heute finde ich viel Verständnis dafür, dass ich eine gewisse Kontinuität aufrechterhalte und zu dem, glaube ich, dass wirklich jeder von uns nach seinen Möglichkeiten zum gegenseitigen Verständnis beitragen sollte. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass meine Bücher im Laufe der letzten Jahre einen tschechischen Verleger gefunden haben und von den Lesern sehr gut und warmherzig aufgenommen werden. Ich hoffe sehr, dass ich eine bescheidene kleine ´Klammer´ für das gegenseitige Einandernäherkommen geworden bin. Falls dem so ist, bin ich zufrieden.“