Geflochtenes aus Rohrkolben: Einst verbreitetes Handwerk heute in Tschechien nur noch Rarität
Der Januar ist ideal für die Rohrkolbenernte. Aus der Pflanze werden Brotkörbe und Taschen geflochten.
Der Rohrkolben wächst hierzulande an den Ufern vieler Teiche. Die Blüten der Wasserpflanze erinnern an Zigarren. Darum wird sie im Tschechischen umgangssprachlich „doutník“ (Zigarre) genannt. Früher kannte jeder Korbflechter den Rohrkolben. Aus der Pflanze wurden Brotkörbe, Taschen sowie Pantoffeln geflochten. Iveta Dandová ist vermutlich die letzte Person, die hierzulande Rohrkolben flicht und aus ihm verschiedene Gegenstände kreieren kann. Sie lebt im mittelböhmischen Mnichovo Hradiště / Münchengrätz. Vorige Woche begab sie sich an einen kleinen Teich in der Nähe der Stadt, um die Wasserpflanze zu ernten. Diese hatte das Teichufer bereits ziemlich überwuchert. Iveta Dandová:
„Die Fischer brauchen eine freie Teichfläche und wollen nicht, dass das Wasser von Pflanzen bedeckt ist. Ich halte den jetzigen Stand aber für ideal für mich.“
Iveta Dandová hat eine Sichel mit einem langen Stiel mit. Mit der Rohrkolbenernte habe sie Erfahrung, sagt sie.
„Mit einer schnellen Bewegung wird jeder einzelne Stängel möglichst tief abgeschnitten. Es ist am besten, die Rohrkolben im Januar zu ernten. Denn die Pflanze saugt derzeit viel Wasser auf, zudem kommt man im Winter einfacher an die Pflanzen heran.“
Die gemähten Rohrkolben bindet die Handwerkerin zu einem Bündel zusammen und fährt mit der Ernte nach Hause in die Werkstatt. Dort ist eine Auswahl von Gegenständen zu sehen, die aus der Wasserpflanze geflochten werden wie zum Beispiel Taschen und Hüte. Iveta Dandová macht zudem auf die Brotkörbe aufmerksam und merkt an:
„Brotkörbe wurden früher auf dieselbe Art und Weise auch aus Stroh geflochten. Heute besteht jedoch das Problem, entsprechend langes Stroh zu gewinnen. Der Rohrkolben kann Stroh sehr gut ersetzen. Zudem isoliert die Wasserpflanze stark.“
Die Herstellung von Gegenständen aus Rohrkolben hat in der Gegend von Mnichovo Hradiště eine längere Tradition. Ende des 17. Jahrhunderts wurde in der Stadt ein Kapuzinerkloster gegründet. Die italienischen Mönche, die sich dort niederließen, brachten den Bewohnern das Flechten von Körben und anderen Gegenständen aus Rohrkolben bei. Die Produkte wurden auf den Jahrmärkten verkauft und sogar exportiert. Die aufkommende industrielle Produktion leitete jedoch das Ende des Handwerks ein. Zwar gab es Versuche, in einem Betrieb in Bakov nad Jizerou / Backofen an der Iser das Flechten von Gegenständen aus Rohrkolben wiederzubeleben. Das entsprechende Wissen wurde jedoch nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben.
Iveta Dandová arbeitete nach dem Abitur in dem Betrieb als Zeichnerin und begann, sich dort auch mit der Herstellung von Gegenständen aus Rohrkolben zu beschäftigen. In den Werkstätten von Bakov sammelte sie die ersten Erfahrungen mit der Bearbeitung der Pflanze. Nachdem die Produktion dort eingestellt worden war, richtete Iveta Dandová ihre eigene Werkstatt ein. Dort verfertigt sie nicht nur Brotkörbe und Taschen, sondern auch beispielsweise Weihnachtsschmuck.
Milena Malinová ist Vorsitzende des Verbandes der traditionellen Handwerker. Ihren Worten zufolge ist ihr Iveta Dandová als einzige Person bekannt, die in Tschechien noch Gegenstände aus Rohrkolben flicht. Malinová erinnert an weitere fast verschwundene Handwerke:
„Zu nennen sind beispielsweise Schindelmacher. Dächer aus Schindeln gibt es nur noch auf historischen Gebäuden, die unter Denkmalschutz stehen. Die Handwerker kümmern sich also nur um die Instandhaltung von historischen Häusern.“
Milena Malinová ist Spitzenklöpplerin. In Tschechien gebe es nur noch einige Dutzend Frauen, die dieses Handwerk betrieben, sagt sie.







