„Gesellschaft der Singularitäten“: Soziologe Andreas Reckwitz stellt tschechische Übersetzung vor

Andreas Reckwitz

Andreas Reckwitz ist Professor für Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Arbeiten sind weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Das Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ etwa wurde unter anderem ins Portugiesische, Japanische oder Arabische übersetzt. Nun ist auch die tschechische Version erschienen, herausgegeben vom Philosophischen Institut der hiesigen Akademie der Wissenschaften.

Foto: Verlag Filosofia

„Eine Gesellschaft der Singularitäten ist eine Gesellschaft, in der Einzigartigkeit und Besonderheit zu einem zentralen Wert und auch zu einem zentralen Bewertungsmaßstab wird. Die Gesellschaft der Singularitäten zählt also nicht mehr so sehr auf das Allgemeine, das Allgemeinverbindliche oder das, was für alle gleich ist. Sondern auf das, worin sich Individuen, Dinge und Ereignisse voneinander unterscheiden.“

So fasst Andreas Reckwitz im Interview für Radio Prag International sehr knapp zusammen, was er in seinem vielfach ausgezeichneten Sachbuch auf 480 Seiten ausführt. „Die Gesellschaft der Singularitäten“ ist 2017 in Deutschland erschienen, seitdem mehrfach aufgelegt und in 15 Sprachen übersetzt worden. Die tschechische Version hat der Autor Mitte Januar persönlich in Prag vorgestellt. Das stieß auf ein größeres Interesse, als die Sitzkapazitäten im Veranstaltungsraum des Goethe-Instituts vorsahen.

Der Untertitel des Buches lautet „Zum Strukturwandel der Moderne“. Reckwitz beschreibt soziologische Veränderungen, die der globale Westen seit dem frühen 19. Jahrhundert erlebt hat und die seine Gesellschaften heute, in der Spätmoderne, wesentlich prägen. Immer stärker würden da zwei Lebensentwürfe miteinander konkurrieren, konstatiert Reckwitz: die soziale Logik des Allgemeinen und die soziale Logik des Besonderen, also des Singulären. In seinem Vortrag sprach der Wissenschaftler sogar von einer Krise des Allgemeinen. Als Beispiel führt er im Interview die öffentlich-rechtlichen Medien an:

Andreas Reckwitz | Foto: Petr Machan,  Goethe-Institut

„Schaut man sich an, wo es in der Gesellschaft Singularisierungsprozesse gibt, dann kann das natürlich die Wirtschaft sein und die Produktion von Gütern, die den Anspruch haben, einzigartig zu sein. Aber man muss auch den Bereich der Digitalisierung betrachten. Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Motor der Entwicklung. Man kann feststellen, dass der vorherige Gesellschaftstypus der industriellen Moderne, der in den 1960er und 1970er Jahren sehr stark war, im Grunde auf den Massenmedien beruhte. Sie boten, wenn man so will, ein allgemeingültiges Bild für alle. Jeder hat die Massenmedien frequentiert, sodass sich darüber ein gemeinsames Weltbild konstituierte. Fernsehen und Rundfunk nehmen jedoch in allen westlichen Ländern an Bedeutung ab, und die der digitalen Medien nimmt zu. Diese vermitteln nun ein singuläres Weltbild – der Newsfeed, den ich habe, ist nicht derjenige, den andere bekommen. Insofern wird für jeden Menschen ein besonderer Weltausschnitt geboten. Und das bedeutet dann eine Art Auflösung des Allgemeinen und auch der allgemeinverbindlichen Wirklichkeitssicht.“

Foto: Profimedia

Die Mediennutzung ist nur ein Beispiel, wie sich Gesellschaft durch einen verstärkten Individualismus und das Streben nach Einzigartigkeit verändert. Diese Tendenzen wirken sich auch auf den sozialen Zusammenhalt aus. Reckwitz erläutert:

„Ich würde nicht sagen, dass das nur ein Problem ist. Im Gegenteil, zunächst einmal ist die Singularisierung etwas Positives – dass eben nicht mehr alles im Brei des Allgemeinen aufgeht, sondern dass auch die Besonderheit des Einzelnen geschätzt wird. Man darf also individuell sein, und das ist ja gerade emotional attraktiv. Insofern ist dies erst einmal ein Befreiungsprozess, wenn man so will. Aber es hat eben eine Kehrseite, und diese ist für mich ein großes Thema: Was macht man mit denjenigen, die nicht als einzigartig gelten? Diese ganze Konstellation hat also nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.“

Der Soziologe nennt als Beispiel dafür abgehängte Regionen oder auch Menschen, die gesellschaftlich weniger wertgeschätzt werden.

Foto: Petr Machan,  Goethe-Institut

Wenn Singularisierung zum Problem wird

Singularisierung kann zu einem Problem werden, wenn es dadurch zu sozialen Polarisierungen komme, führte Reckwitz in seinem Vortrag aus. Es ist diese Analyse, die das Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ so interessant mache, sagt die tschechische Politologin Kateřina Smejkalová. Sie arbeitet im Prager Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung und hat die Übersetzung von Reckwitz‘ Publikation ins Tschechische angeregt:

„Das Buch beschreibt sehr gut, dass es in der Gesellschaft bestimmte Milieus gibt, die immer noch dem Ideal des Allgemeinen, des Kollektiven oder auch des Normalen anhängen. Und andere haben sich der Singularität und der Einzigartigkeit verschrieben. Das ist nun keine nebeneinander bestehende Lage. Sondern da gibt es auf der einen Seite eine Entwertung und auf der anderen Seite eine Aufwertung.“

Diese allgemeinen Beobachtungen würden nicht nur für eine spezifische Gesellschaft gelten, sagt Autor Reckwitz und betont, dass es sich nicht um ein Buch über Deutschland handle. Dem stimmt Smejkalová zu:

„In der tschechischen Gesellschaft gibt es eine ganze Reihe von Phänomenen, die sehr gut mit dieser Theorie erklärt werden können. Beispielsweise die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, welche Berufe in den letzten Jahrzehnten mehr geschätzt werden als andere, und welche Entwertungserfahrungen damit einhergehen für die Menschen. In der sogenannten industriellen Moderne, also insbesondere in der Nachkriegszeit, ging es darum, einfach eine gegebene Aufgabe zu erfüllen. Da war wichtig, dass eine Leistung erbracht wurde, und es war auch relativ egal, welche Persönlichkeit dahinter steckt. Mit der Zeit – und mit diesen im Buch beschriebenen Veränderungen – ist in den Vordergrund getreten, auch im Job oder auf dem Arbeitsmarkt eine gewisse Einzigartigkeit mitzubringen. Gerade in der kreativen Branche geht es nicht darum, eine vorgegebene Aufgabe gut zu erledigen, sondern dass man ein besonderes Profil und Kreativität mitbringt. Und dieser kreative Job soll am Ende möglichst einzigartig sein.“

Kateřina Smejkalová | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Diese Transformation findet in den westlichen Ländern schon seit mehreren Jahrzehnten statt. In Tschechien jedoch sei der Wandel viel schneller und darum brutaler gewesen, meint Smejkalová. Als Folge daraus könne das beschriebene Entwertungsgefühl in der hiesigen Gesellschaft durchaus stärker ausgeprägt sein als zum Beispiel in Deutschland. Die Gewinner seien in Tschechien eher die Einzigartigen und die Verlierer hingegen vornehmlich jene Menschen, die nach einer Vorstellung von Normalität lebten, so die Politologin:

„Dies ist ein wirklich großer Wandel auf dem tschechischen Arbeitsmarkt, binnen von höchstens ein paar Dekaden. Das führt dazu, dass Menschen, die früher die erstgenannten Jobs erfüllt haben, plötzlich nichts mehr zählen. Es findet also eine Entwertung der klassischen Angestelltenjobs statt, während es eine extreme Aufwertung der kreativen Arbeit gibt. Und das schafft in der Gesellschaft weiterführende Dynamiken. Es wird viel darüber gesprochen, dass es ein Entwertungsgefühl gibt oder so eine Art Enttäuschung darüber, wie einen die Gesellschaft sieht, was zum Beispiel zur politischen Radikalisierung oder Hinwendung zum Rechtspopulismus führt.“

Foto: Petr Machan,  Goethe-Institut

Der rechtspopulistische Ruck, den auch Tschechien gerade erlebt, ist laut Smejkalová ein weiteres Phänomen, das mit Reckwitz‘ Theorie erklärt werden könne. Konkret heißt es da, dass die politische Rechte den Verlierern der Singularisierung einen gewissen Halt vermittle...

„Das Innovative an dem Konzept ist, dass der Rechtspopulismus als eine bestimmte Art von Singularität und Einzigartigkeit dargestellt wird – nämlich einer nationalen Einzigartigkeit. Er ist ein Mittel für diejenigen, die ansonsten keine Möglichkeit haben, Einzigartigkeit herzustellen oder zu erleben. Sie können dann doch ein Teil von etwas Einzigartigem sein. Das entspricht komplett dem Zeitgeist und dem sozialen Prinzip, nach dem die Gesellschaft heute geordnet ist. Ich finde, dies ist eine sehr innovative Sicht auf den Anstieg des Rechtspopulismus.“

Was ist zu tun?

Foto: Petr Machan,  Goethe-Institut

Wie kann oder sollte eine Gesellschaft nun auf die verstärkte Singularisierung reagieren? Dies war eine der Fragen, die im Prager Goethe-Institut bei der Podiumsdiskussion mit Andreas Reckwitz diskutiert wurden. Kateřina Smejkalová etwa brachte dabei zwei sehr gegensätzliche Richtungen zur Sprache, die eingeschlagen werden könnten. Entweder müssen sich die lange bestehenden Institutionen der Allgemeinheit – also politische Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder auch öffentlich-rechtliche Medien – an die neuen Tendenzen anpassen. Oder es müssten ganz neue Institutionen entstehen, die der postmodernen Gesellschaftsordnung aus vielen kleinen Gruppen eher entsprechen. Gegenüber Radio Prag International erläuterte Smejkalová weiter:

„Wenn man der Analyse im Buch folgt, kann man sich überlegen, was man in der praktischen Politik damit macht. Eine Sache ist überhaupt eine Anerkennung dessen, dass diese Ungleichheiten in der Gesellschaft herrschen. Also nicht nur jene Ungleichheiten, über die gewöhnlich gesprochen wird, wie beim Einkommen oder Eigentum. Sondern eben auch Ungleichheiten in der Anerkennung dessen, welches Lebensprinzip für einen maßgeblich ist – und dass von der Gesellschaft das eine als wertvoller erachtet wird als das andere. Menschen, die dem einen Prinzip anhängen, werden teilweise einfach entwertet und nicht so ernst genommen, vielleicht als rückständig oder ungebildet dargestellt. Und das muss man erst einmal so benennen.“

Die nächste Frage ist laut Smejkalová dann, ob das Thema eine rein symbolische Angelegenheit bleibe oder ob soziale Ausgleichsmechanismen eingeführt werden sollten. Reckwitz selbst zeigt sich unsicher, inwiefern diese eine Wirkung entfalten könnten:

„Die Frage ist dabei, ob das Ideal des Allgemeinen, des Allgemeingültigen oder auch des Universalen gestärkt werden kann durch etwas wie Infrastrukturen oder kulturelle Güter, die für alle da sind. Oder aber auch durch gemeinsame Betroffenheiten – wir sind ja alle etwa durch den Klimawandel betroffen. Es stellt sich also die Frage, ob sich dieses Allgemeine gegen das Besondere eigentlich wieder behaupten kann. Ich denke, dass das eine sehr offene Frage ist.“

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