Giftschlangen, Lemuren und Kurzschnabeligel – Der Zoo Pilsen ist auf Tiere von Inseln spezialisiert
Im kommenden Jahr wird der Zoo im westböhmischen Plzeň / Pilsen 100 Jahre alt. Damit ist er der zweitälteste in Tschechien nach dem in Prag. Spezialisiert hat er sich vor allem auf Tiere von den Inseln der Welt – besonders Madagaskar. Dazu gehören auch einige sehr seltene Arten wie etwa der Bambuslemur.
Es sind nicht die ganz großen Tiere, mit denen der Zoo in Pilsen begeistert. Aber sie sind teils sehr interessant – und auch geheimnisvoll. So etwa die Spinnenschwanzviper.
„Das ist unsere größte Rarität. Diese Viper lockt ihre Beute mit ihrem Schwanz an, und dieser sieht aus wie eine Spinne. Das heißt, die letzte Schuppe ist rundlich vergrößert und die Schuppen davor sind verlängert. Wenn die Schlange ihren Schwanz bewegt, macht das auf Vögel den Eindruck, sie hätten eine Spinne vor sich. Und die Vögel versuchen, die Spinne zu fangen. Die Viper, die ansonsten gefärbt ist wie die Felsen ihrer Heimat, schnappt in dem Moment zu, tötet den Vogel und verschlingt ihn“, beschreibt Karel Kodejš, der Kurator der Reptilien im Zoo Pilsen.
Und die Spinnenschwanzviper ist auch deswegen so besonders, weil sie noch nicht allzu lang als solche bekannt ist:
„Diese Schlange kommt aus dem Zagros-Gebirge im Westen des Iran und wurde 2006 erstmals beschrieben. Entdeckt wurde sie zwar schon früher, das entsprechende Exemplar wurde auch lange in einer amerikanischen Museumssammlung verwahrt. Aber es wurde für eine besondere Mutation der Persischen Trughornviper gehalten. Erst 2006 wurde diese Spinnenschwanzviper in dem Museum wiederentdeckt. Man machte eine genetische Analyse und kam so darauf, dass sie eine eigenständige Art ist. Also begann man nach dem Verbreitungsgebiet zu suchen und wurde im Zagros-Gebirge fündig. Einige Exemplare der Viper gelangten dann in die Schweiz in eine private Aufzucht. Von dort kamen sie dann in die Zoos in Europa. Wir sind derzeit der einzige tschechische Zoo, der diese Vipern hält.“
Das entsprechende Paar der Spinnenschwanzviper hätte sich dieses Jahr auch erstmals gepaart, sagt Kodejš. Doch es sei noch zu früh, in Jubel auszubrechen – erst wenn wirklich Junge schlüpften, könne man aufatmen. Im Übrigen habe man darauf Wert gelegt, auch wirklich die Lebensbedingungen dieser Schlangen zu simulieren, erläutert der Kurator. Das bedeutet ein abgestuftes Terrarium entsprechend dem Hochgebirgsterrain im bis zu 4400 Meter hohen Zagros-Gebirge – und nur rund 16 Grad Celsius im Winter im ansonsten tropischen Pavillon.
Verwachsen mit dem Botanischen Garten
Der Zoo in Pilsen wurde 1926 eröffnet und ist damit der zweitälteste in Tschechien. Er hat einige Besonderheiten. Unter anderem bildet er mit dem Botanischen Garten der Stadt eine Einheit. Pressesprecher Martin Vobruba:
„Im ersten Teil seiner Geschichte war der Zoo an einem anderen Ort angesiedelt. 1963 zog er an den hiesigen Ort um und wurde 1981 mit dem Botanischen Garten vereint. Beide Teile sind mittlerweile miteinander verwachsen. Daher bauen wir seit 1996 biotopische und biogeografische Expositionen. So befinden sich zum Beispiel Tiere der afrikanischen Wüste oder des amerikanischen Urwalds jeweils an einem Ort, der auch authentische Pflanzen beherbergt. So erhalten die Besucher einen Eindruck, was wo lebt und wächst.“
Fast 1200 unterschiedliche Lebewesen gibt es im Zoo und rund 15.000 unterschiedliche Formen an Pflanzen, weiß Vobruba zu berichten. Und in Pilsen konzentriert man sich zudem auf eine spezifische Ausrichtung...
„Seit 1996 spezialisiert sich der Pilsner Zoo vor allem auf die Fauna und Flora von Inseln. Das sind abgeschottete Regionen geringer Größe. Wir haben eine Population kleinerer seltener Säugetiere sowie von Vögeln und Reptilien aufgebaut. Zudem gehört noch das ausgelagerte Aquarium und Terrarium Akva tera im Zentrum der Stadt zu uns. Dort befinden sich vor allem Reptilien sowie wechselwarme und wirbellose Tiere“, so der Sprecher.
Kritisch bedrohte Arten
So wie die anderen Zoos in Tschechien ist auch der in der westböhmischen Stadt in einige Rettungsprogramme bedrohter Tierarten eingebunden. Das ergibt sich schon aus seiner Mitgliedschaft in der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA), also des Verbandes von Tiergärten und Aquarien in Europa. In den Programmen gehe es häufig um Tierarten, die geschmuggelt würden und etwa nach der Sicherstellung durch Behörden in die Zoos kämen, erläutert Kristýna Rothová. Sie ist Kuratorin der Primaten und kleinen Säugetiere in Pilsen. Aus ihrem Bereich nennt sie ein Beispiel:
„Von den bei uns untergebrachten kritisch bedrohten Arten kann ich den Alaotra-Bambuslemur erwähnen. In Europa werden von ihm weniger als 50 Exemplare gehalten. Ich wage zu behaupten, dass wir nach dem Zoo auf Jersey, der diese Lemuren in den 1970er Jahren aus Madagaskar eingeführt hat, der zweiterfolgreichste Züchter dieser Art in Europa sind.“
Diese spezielle Primatenart aus der Gruppe der Lemuren kommt nur am Ufer des größten madagassischen Sees vor, eben des Alaotra-Sees im Nordosten des Landes. Nur noch einige Dutzend Exemplare leben in freier Wildbahn. Deswegen sei die Haltung in Zoos so wichtig, betont Rothová. Allerdings sei die Zucht dieser Bambuslemuren bisher nur selten gelungen.
„Der häufigste Fehler in den Zoologischen Gärten war, sie wie die anderen Lemuren mit Gemüse und Obst zu füttern. Doch das schadet ihnen langfristig. Wir halten sie seit 2012 bei uns, und seit 2017 ist es uns gelungen, dass sie sich regelmäßig vermehren. Derzeit haben wir sie an drei Orten. Für die Besucher haben wir hier eine Aufzuchtfamilie, die sie beobachten können. Aber viele Gäste machen sich nicht klar, dass jeder richtige Zoologische Garten auch über einen Bereich verfügen muss, in dem die Tiere voneinander getrennt oder in mehreren Gruppen gehalten werden können. Das ist bei dieser Lemurenart sehr wichtig, da sie ein starkes Territorialverhalten hat“, schildert die Zoologin.
Laut Rothová gibt es gerade für den Alaotra-Bambuslemur einen Koordinator im Rahmen eines europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Dieser Person obliegt es, zu entscheiden, ob sich ein konkretes Paar vermehren soll oder nicht:
„Aber meist läuft es so, dass sich ein neuer Zoo findet, der den Nachwuchs übernehmen will. Oder ein Tier ist gestorben, und der Koordinator empfiehlt, ein nicht-verwandtes Tier in den Zoo aufzunehmen.“
Im Übrigen sind es nicht die Lemuren, die es Kristýna Rothová ganz besonders angetan haben – sondern ein scheues Tier von einem anderen Kontinent. Als sie im Pilsner Zoo begonnen habe, sei ihr dieses Geschöpf erst nach einem halben Jahr gezeigt worden, sagt die Kuratorin. Konkret handelt es sich um einen Neuguinea-Kurzschnabeligel...
„Kurzschnabeligel werden bei uns nicht im öffentlichen Teil gehalten, denn tagsüber vergraben sie sich in der Erde. Als ich damals den Kurzschnabeligel sah, kam er mir fantastisch vor. Es ist das einzige Säugetier der Erde, das Eier legt, sie in der Bauchtasche ausbrütet und Stacheln hat. Ich erwähne die Kurzschnabeligel vor allem deswegen, weil wir es als einziger europäischer Tiergarten und Zoo bisher geschafft haben, dass sie sich erfolgreich zweimal vermehrt haben. Das ist eine große Rarität“, so Rothová.
Die Vermehrung gelang im Übrigen in Zusammenarbeit mit dem Zoologischen Garten in Berlin. Derzeit sind in Pilsen zwei Paare dieser Ameisenigel. Und Rothová hofft, dass sich diese erstaunlich guten Schwimmer mal wieder zur Paarung entschließen:
„Die letzten Jungen hatten wir 2021. Das klingt nach einer langen Zeit. Aber die Kurzschnabeligel sind dafür berüchtigt, dass der Zeitraum zwischen zwei Geburten bis zu fünf Jahre betragen kann. Deshalb hoffen wir, dass es sich derzeit nur um den natürlichen Rhythmus handelt und wir einfach abwarten müssen.“
Ohnehin sind Kurzschnabeligel langlebig, in Gefangenschaft sind sie beinahe schon 50 Jahre alt geworden.
Seltene Nashörner
Obwohl sich der Zoo in Pilsen auf kleinere Säuger spezialisiert hat, kann er auch mit interessanten Großtieren aufwarten. Ganz besonders sind dies die Indischen Panzernashörner. Von den beeindruckenden Tieren leben nur noch knapp 3000 in freier Wildbahn. Und das vor allem in zwei Nationalparks, einem in Nordindien und einem in Nepal. Zoos in Europa beherbergen insgesamt 80 Exemplare dieser Art, in Pilsen ist es ein Paar, das Pressesprecher Vobruba vorstellt:
„Unser derzeitiges Männchen heißt Baabuu und wiegt zwei Tonnen. Er ist im November 20 Jahre alt geworden. Indische Panzernashörner können in Zoos bis zu 40 Jahre alt werden. Das Weibchen ist Manjula und stammt aus dem Zoologischen Garten in Berlin. Dieses Zuchtpaar hatte schon zwei Junge, jeweils weibliche Kälber. Im Februar 2014 wurde Maruška geboren, die jetzt im polnischen Breslau ist. Und 2017 folgte Růženka, die mittlerweile nach Basel abgegeben wurde.“
Aufgrund von Wilderern ist der Bestand dieser Tiere jenseits der Zoos stark gefährdet. Ganz nebenbei betont Martin Vobruba, dass Nashörner nicht verwandt seien mit Flusspferden, obwohl beide häufig in ein und demselben Gehege gehalten würden und die Bezeichnung Dickhäuter bekommen hätten. Flusspferde seien Paarhufer und mit Schweinen verwandt, Nashörner hingegen Unpaarhufer und mit Pferden, Eseln und Tapiren verwandt.
Die Besucher des Pilsner Zoos sehen Baabuu und Manjula voneinander getrennt. Der Pressesprecher erläutert warum...
„Nur eine einzige Nashornart – das afrikanische Breitmaulnashorn – ist ein Herdentier. Das Indische Panzernashorn ist eher ein Einzelgänger. Auch in der Natur leben die Tiere weder als Paare noch als Herde zusammen. Sie treffen sich vielleicht bei der Tränke und können in Nachbarschaft zueinander ihr Leben verbringen.“
Trotzdem oder gerade deswegen findet Vobruba diese Nashornart aber ganz besonders bemerkenswert:
„Dieses wunderschöne Tier, muss ich bekennen, ist eines meiner liebsten in unserem Zoo. Und es handelt sich hier um die einzigen beiden Indischen Panzernashörner in der Tschechischen Republik.“
Mindestens zwei seltene Tiere im Zoo von Pilsen sollten aber auch noch erwähnt werden: die Madagassische Riesenratte, die nur in einem einzigen Wald der Insel vorkommt, und die irgendwie magisch wirkende, hellgrün-oliv-gescheckte Mangshan-Viper, die es nur an einem Berg in einem Nationalpark in Südchina gibt.
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