Afrika im Herzen Europas: Safari-Park in Dvůr Králové nad Labem

Löwen, Nashörner, Giraffen, Hyänen und verschiedene Antilopenarten sind im Zoo in Dvůr Králové nad Labem zu Hause. Eine Safari ermöglicht dort, die Tierwelt Afrikas aus nächster Nähe zu erleben. Doch die Tiere wurden einst nicht nur aus der Natur in die Anlage gebracht, um den Besuchern gezeigt zu werden. Sie werden dort auch gezüchtet, um wieder in Afrika ausgewildert werden zu können.

Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International

„Afrika im Herzen Europas“. So wird der Safari-Park in Dvůr Králové nad Labem, einer Stadt am Oberlauf der Elbe in Ostböhmen genannt. Und die Mitarbeiter des Zoos sind stolz darauf, wie Sprecher Michal Šťastný bekräftigt:

„Der Safari-Park ist der einzige Zoo in Tschechien, der sich auf die afrikanische Natur konzentriert. Den Besuchern, die in die hiesige Region am Fuße des Riesengebirges kommen, wird Afrika auf alle möglichen Arten präsentiert. Sowohl durch die Vorstellung einzelner Tierarten als auch durch den kulturellen Kontext.“

Dementsprechend kann man die Nachbildung eines Dorfes aus Burkina Faso besuchen, afrikanische Spezialitäten im Rahmen eines Gastrofestivals im Winter verkosten oder afrikanischen Rhythmen zuhören. An erster Stelle steht aber natürlich die Fauna des Kontinents. Diese Tradition wurde von dem legendären Zoo-Direktor Josef Vágner begründet. Der Förster, Naturforscher, Reisende und Lehrer leitete seit Mitte der 1960er Jahre den Tierpark:

Josef Vágner | Foto: Safari park Dvůr Králové

„Vor mehr als 50 Jahren reiste Vágner wiederholt nach Afrika und erwarb Tiere für Dvůr Králové, aber auch für andere Zoos. Damit wurde der Grundstein für die Zuchtprogramme vieler Tierarten in Dvůr Králové gelegt. In der weltweiten Züchtergemeinschaft wird noch heute auf diesen Grundlagen aufgebaut.“

Von 1967 bis 1975 organisierte Vágner neun große Expeditionen nach Afrika und Asien, von denen er fast 2000 Tiere mitbrachte. Dafür wählte er starke Tiere aus, von denen er überzeugt war, dass sie die Tausende Kilometer lange Reise und die Anpassung in der völlig neuen Umgebung bewältigen würden. Heute ist der Safari-Park in Dvůr Králové nad Labem der weltweit erfolgreichste Züchter von Giraffen, Zebras, Hyänen, Nashörnern, Geparden und vielen anderen Arten.

Auf Safari

Safari in Dvůr Králové | Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International

Vágners Anliegen war es, den Tieren in menschlicher Obhut so viel Wohlstand wie möglich zu verschaffen – er vergrößerte die Gehege, ersetzte Käfige durch Gräben und baute moderne Pavillons. Sein größter Traum war es jedoch, eine Safari aufzubauen. Sie sollte jenen ähneln, die er von seinen Besuchen in Afrika kannte. Sein Traum ging 1989 in Erfüllung. Seitdem können sich die Besucher die Tiere nicht nur in den Pavillons und Gehegen anschauen, sondern auch eine Fahrt durch den Safari-Park unternehmen. Michal Šťastný:

„Die Besucher durchqueren den Safari-Park in einem Afrika-Traktorzug oder einem Safari-Bus, begleitet von einem Kommentar von unserem geschulten Fahrer. Zudem ist es möglich, mit dem eigenen Auto in den Park zu fahren.“

Berberlöwenjunge | Foto: Helena Hubáčková,  Safari Park Dvůr Králové

Entlang der etwa fünf Kilometer langen Strecke kann man Zebras beobachten, die ungestört grasen, Antilopen, die sich um ihre Jungen kümmern, oder Schwärme von Pelikanen, die auf der Wasseroberfläche schwimmen. Ein besonderer Teil der Rundfahrt ist die Löwen-Safari – die einzige ihrer Art in Mitteleuropa. Dass der Löwe ein gefährliches Raubtier ist, bekommt man schon vor dem Tor zu spüren. Denn ein Drahtgeflecht wird über die Waggons gezogen, bevor der Zug in den Bereich hineinfährt. Danach kann man ungestört die Könige der Tierwelt aus nächster Nähe beobachten. Die Löwen-Safari erstreckt sich auf einer Fläche von mehr als einem Hektar und ist somit der größte Lebensraum für Löwen, den es derzeit in tschechischen Zoos gibt.

Nachts unter den Tieren

Der Park bietet zudem die einzige Safari in Europa, die auch nach Einbruch der Dunkelheit besucht werden kann. Štastný empfiehlt dieses Erlebnis:

„Viele der Tiere sind am Abend oder in der Nacht aktiv, und die Besucher bekommen die Möglichkeit, sie beim Aufwachen zu beobachten. Im Sommer sind zum Beispiel die Abende über dem Flusspferd-See wunderschön, bei denen man sich geradezu wie in Afrika fühlt.“

In der Wintersaison wird geraten, etwa im Pavillon „Afrikanische Savanne“ mit Elefanten zu verweilen oder den „Giraffentempel“ zu besuchen, in dem man von einem erhöhten Steg bis auf Augenhöhe der Giraffen kommt.

„All diese Pavillons schließen das ganze Jahr über erst um 22.00 Uhr. Am Abend ist es hier extrem ruhig, die Tiere sind völlig entspannt und man kann sie in Situationen beobachten, die tagsüber nicht zu sehen sind. Aber auch etwa die Giftschlangen wachen auf. Und die Krokodile und weitere Tiere sind abends viel aktiver. Die Abende im Safari-Park lohnen sich auf jeden Fall.“

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Exotische Tiere interessierten Kindern und Erwachsenen zu zeigen, ist eine Seite der Zoogärten. Dank der dortigen Tierzuchten kann aber vor allem die Hauptaufgabe erfüllt werden, nämlich bedrohte Arten wieder in die Wildnis zu bringen. Mit eben diesem Traum brach Josef Vágner einst zu seinen Expeditionen auf. Seit den 1990er Jahren wird die Idee in mehreren Programmen umgesetzt. Michal Šťastný fährt fort:

„Aus unserem Safari-Park sind bereits mehr als hundert große Tiere in die Wildnis zurückgekehrt. Darunter Dutzende von Büffeln, Rappenantilopen und Pferdeantilopen, aber auch Säbelantilopen und Mendesantilopen, die in freier Wildbahn ausgestorben sind und nur dank der Züchtung im Zoo und der anschließenden Auswilderung gerettet werden konnten. Und natürlich sind da noch die ikonischen und für uns typischen Nashörner. Die nördlichen Breitmaulnashörner gelten noch nicht als gerettet und ihre Geschichte ist sehr spezifisch. Und natürlich kümmern wir uns auch um die Spitzmaulnashörner.“

Spitzmaulnashörner zurück in Afrika

Mehr als 50 Spitzmaulnashörner wurden in Dvůr Králové bisher geboren, und einige der Jungtiere konnten wieder ausgewildert werden. In Tansania und Ruanda fanden sie ihr alt-neues Zuhause:

„An diesen beiden Orten haben sich die Nashörner aus Dvůr Králové bereits wieder vermehrt, es gibt dort sogar schon mehrere Generationen. Damit schließt sich der Kreis, denn unsere Nashörner sind damit dorthin zurückgekehrt, von wo Josef Vágner sie vor mehr als 50 Jahren geholt hatte. In der Zwischenzeit waren die Spitzmaulnashörner übrigens völlig von dort verschwunden, und nur dank der tschechischen Zoologen und des Vermächtnisses von Josef Vágner sind sie heute wieder dort zu Hause.“

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Nach Aussage von Šťastný sind mit Sicherheit schon mindestens zehn Jungtiere in der Wildnis zur Welt gekommen. Eine genaue Verfolgung sei schwierig, weil Spitzmaulnashörner scheu seien und sich vor Menschen versteckten. Jene Tiere, die von Menschen aufgezüchtet worden seien, verhielten sich jedoch anders, merkt der Zoo-Mitarbeiter an:

„2019 verließen fünf Nashörner Dvůr Králové in Richtung Ruanda. Eines von ihnen, ein Weibchen namens Jasiri, wurde bei uns so winzig geboren, dass es nicht einmal die Milch seiner Mutter saugen konnte. Ihre Pfleger mussten sie in den ersten Tagen füttern, und man ging davon aus, dass sie nie in die Wildnis  zurückkehren kann. Sie wuchs jedoch zu einem starken Tier heran. Schließlich kehrte sie in die Wildnis zurück und brachte vier Jahre nach dem Transport im Akagera-Nationalpark ihr erstes Jungtier zur Welt. Und Jasiri zeigte sich mit ihrem Jungen, um es den Menschen, die sie aus der Zucht kannte, zu präsentieren.“

Die Erdwölfe bekommen Junge

Mit den Nashörnern beschäftigt sich das bekannteste Zuchtprogramm in Dvůr Kralové nad Labem. Außerdem ist der dortige Tiergarten der einzige weltweit, in dem alle vier bekannten Hyänenarten gezüchtet werden: die Erdwölfe, die Tüpfelhyänen, die Schabrackenhyänen und die Streifenhyänen. Einen großen Erfolg konnte der Zoo bei der Zucht der Erdwölfe feiern:

„Die Erdwölfe sind eine Art, die sich seit über 30 Jahren nirgendwo auf der Welt außer in Afrika fortpflanzt. Niemand züchtet sie, weil sie extreme Nahrungsspezialisten sind, sie fressen im Grunde nur Termiten. Und weil unser Direktor Afrika liebt, besuchte er eine Zuchtstation in Südafrika, wo er diese Tiere sah. Er vereinbarte mit der dortigen Leitung, dass wir versuchen, eine europäische Rettungspopulation für diese Art hier in unserem Zoo aufzubauen. Und nach zwei oder drei Jahren Verhandlungen bekamen wir die Erdwölfe. Sie haben sich bereits letztes Jahr am Palmsonntag zum ersten Mal und dieses Jahr zum zweiten Mal vermehrt.“

Erdwolf | Foto: Helena Hubáčková,  Safari Park Dvůr Králové

Erdwölfe werden in Tschechien in zwei zoologischen Gärten gezüchtet, neben dem in Dvůr Králové auch in dem in Zlín. Dort konnte man sich aber bisher nicht über Jungtiere freuen. Anhand der Zuchtbedingungen in Dvůr Králové und in Zlín lässt sich laut Šťastný feststellen, dass auch nur kleine Abweichungen darüber entscheiden, ob die Zucht erfolgreich ist oder nicht:

Michal Šťastný | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Bei uns sind Männchen und Weibchen im Grunde ständig getrennt. Erst wenn die Züchter bemerken, dass sich die Brunft nähert, lassen sie sie frei. Da die Brunftzeit sehr kurz ist, ist es ziemlich kompliziert. Zudem bekommt jedes Tier Futter, das wirklich auf sein Alter und seinen Gesundheitszustand zugeschnitten ist. Hinzu kommen auch verschiedene Gelenkpräparate und andere unterstützende Dinge. Die richtige Fütterungsmethode für diese Hyänen auszuarbeiten, war eine große Herausforderung.“

In diesem Frühjahr sind fünf Jungtiere in Dvůr Králové nad Labem zur Welt gekommen:

„Das ist eine große Sensation, denn die Methode, diese Tiere in menschlicher Obhut zu halten, ist in Europa fast völlig unbekannt.“

Der Pavillon, den die Erdwölfe bewohnen, belegt übrigens den Wandel, den die Pflege im Zoo in den letzten Jahrzehnten erfuhr. Noch in den 1980er Jahren lebten in dem nicht allzu großen Raum die Sibirischen Tiger, die größten Raubkatzen der Welt. Diese Tiger gibt es dort heute nicht mehr – auch weil sie aus Asien stammen, der Safari-Park in Dvůr Králové ja aber auf Afrika ausgerichtet ist. Michal Šťastný schließt ab:

„Mit der Zeit ist der Safari-Park vom Erwerb neuer Arten überwiegend abgekommen, denn die Sammlung von Tieren, die wir hier haben, ist im weltweiten Vergleich wirklich außerordentlich. Sie basiert immer noch auf den Tieren, die Josef Vágner bei seinen Afrika-Transporten direkt aus der Wildnis mitgebracht hat. Heute ist unser Anliegen vor allem, die Lebensbedingungen für die Arten, die wir hier haben, zu verbessern.“

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