Glänzende Tanzleistungen und spanischer Esprit: Ballett Don Quijote im Nationaltheater Brünn

Don Quijote in Brno

Im Janáček-Theater in Brno / Brünn hatte am vergangenen Freitag eine Neuinszenierung des Balletts „Don Quijote“ Premiere.

Nach fast 30 Jahren kehrt das klassische Stück auf die Bühne des Brünner Nationaltheaters zurück. „Don Quijote“ mit Musik von Léon Minkus ist eines der berühmtesten Ballette der Spätromantik. Die Handlung geht von Cervantes‘ Roman über Don Quijote aus. Die Choreografen, die das Stück im Laufe der Zeit einstudiert haben, ließen sich jedoch nur frei von Don Quijotes Abenteuern inspirieren. Im Janáček-Theater in Brünn wird das Ballett in der Choreografie von José Carlos Martínez aufgeführt. Er schuf die Inszenierung schon 2015 für das Ensemble Compania Nacional de Danza in Madrid, das er damals leitete. Martínez ist ein international anerkannter Ballettstar, er war Danseur étoile der Pariser Oper. Seit Ende 2022 steht er dem Ballettensemble in Paris vor. Die Premiere von „Don Quijote“, die José Martínez mit dem Brünner Ensemble einstudiert hat, wurde mit Spannung erwartet. Schon während der Vorstellung applaudierte das Publikum mehrmals den Tänzern.

José Martínez,  Anna Tsygankova,  Giorgi  Potskhishvili  (von links) | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

Im ausverkauften Theater gab es am Ende Standing Ovations für das ganze Ensemble sowie den Choreografen José Martínez. Auf ihn wartete noch eine Überraschung: Der Chef des Brünner Ballettensembles, Mário Radačovský, gratulierte ihm zum Geburtstag, den der Choreograf gerade an dem Tag feierte. José Martínez besuchte das Nationaltheater, noch bevor er dort begann, „Don Quijote“ einzustudieren. Im Herbst vergangenen Jahres kam er zur karitativen Ballett-Gala. Und 2023 habe er am Symposium der Ballettchefs aus ganz Europa in Brünn teilgenommen, sagte Martínez gegenüber Radio Prag International.

„Ich habe die hiesigen Tänzer bei einem zeitgenössischen Ballettabend erlebt. Danach habe ich das Junior-Ballettensemble des Theaters gesehen. Anschließend gab es ein Casting. Ich kam dann zweimal, um mit dem Ensemble zu arbeiten – zuerst um die Choreografie zu erläutern und beizubringen und dann um auf der Bühne zu proben. Es war interessant zuzusehen, wie die Tänzer die spanische Dimension des klassischen Balletts entdeckt haben. In diesem Stück gibt es für mich die klassische Choreografie und rund um diese die schauspielerischen Leistungen.“

Don Quiote in Brno | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

Tänzer aus Lateinamerika im Ensemble

Vor dem dritten Akt lässt Martínez die Tänzer im Publikum Einladungen zur Hochzeit von Kitri und Basil verteilen. In der Schlussszene der Hochzeit erleben die Zuschauer den spanischen Bolero und Fandango. Darin besteht vermutlich die größte Änderung in dieser Produktion von „Don Quijote“. Martínez hat die Solistin des berühmten Ensembles von Antonio Gades, Mayte Chico, zur Zusammenarbeit eingeladen. Das Bühnenbild schuf der Spanier Iñaki Cobos Guerrero. Er hat sich von der Landschaft der La Mancha inspirieren lassen. Die Inszenierung ist sehr farbenfroh, voll spanischen Temperaments inklusive entsprechender Gesten. Einige Mitglieder des Brünner Ballettensembles stammen aus Lateinamerika. War dies für die Inszenierung besonders wichtig? José Martínez:

José Martínez | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

„Gerade für ,Don Quijote‘ war das sehr gut. Denn diese Tänzer haben das Spanische im Blut und wissen, dies in der Vorstellung einzusetzen. Sie haben auch den anderen Kollegen beigebracht, wie sie es machen sollen. Für das Ensemble sowie das Stück war das sehr nützlich.“

Hat José Martínez als Spanier eine besondere Beziehung zu einem Stück wie „Don Quijote“?

„Es ist ein wunderschönes Ballett. Ich habe es früher geliebt, das Stück zu tanzen. Als ich die Compania Nacional de Danza in Madrid leitete, dachte ich, es sei das beste klassische Ballett, das ich aufführen kann.“

Als Ballettdirektor an der Pariser Oper ist José Martínez viel beschäftigt. Dennoch werde er schon bald wieder nach Brünn zurückkehren, versprach er:

„Ich habe vor, im Mai wiederzukommen. Dann wird ,Don Quijote‘ in einer anderen Besetzung aufgeführt. Die Hauptrollen werden Chanell Cabreras und Adrian Sanchez tanzen. Ab und zu werde ich versuchen, vorbeizuschauen, um mir die Produktion anzusehen.“

Naturphänomen Giorgi Potskhishvili

Bei der Premiere tanzten Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili vom Niederländischen Nationalballett Amsterdam die Hauptrollen von Kitri und Basil. Der aus Georgien stammende Potskhishvili begeisterte das Publikum vor allem mit seinen technisch vollkommenen Sprüngen, die er mit Leichtigkeit und mit einem Lächeln vorführte. Nach der Premiere sagte der Tänzer gegenüber Radio Prag International:

Giorgi Potskhishvili | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

„Don Q ist bestimmt eine meiner beliebtesten Ballettvorstellungen. Denn sie hat einen spezifischen feurigen spanischen Stil. Ich denke, dass mir meine georgische Herkunft hilft, speziell diese Rolle zu tanzen.“

Giorgi Potskhishvili hat bei der erwähnten wohltätigen Gala erstmals in Brünn getanzt. Diesmal sei er für einige Tage gekommen und habe mit dem Ensemble zusammengearbeitet, sagte der Tänzer.

„Ich freue mich sehr über die Kooperation, alle sind super – die Tänzer wie die Ballettmeister. Es war sehr schön, mit dem Ensemble zusammenzuarbeiten.“

José Martínez habe er zuvor persönlich nie getroffen, habe ihn aber als einen der größten Tänzer gekannt. Und auch Giorgi Potskhishvili will seinen Worten zufolge nach Brünn zurückkehren. Am 24. Mai tanzt er die nächste Vorstellung in der mährischen Stadt.

Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

Die Idee, „Don Quijote“ in der Choreografie von José Martínez in Brünn aufzuführen, stammt vom künstlerischen Leiter des dortigen Ballettensembles, Mário Radačovský. Er habe Martínez vor vier Jahren in Tallin getroffen und angesprochen, erzählte der Ballettchef:

„Er hat mir damals sehr nett geantwortet. Dabei ist er wirklich ein Megastar. Ich habe mir anschließend seine Produktion in Bordeaux angeschaut. Der zweite Akt hat mich total begeistert. José sagte zu, und nun haben wir seine Inszenierung in Brünn. Es hat etwa zweieinhalb Jahre lang gedauert, die Idee in die Tat umzusetzen. Aber mit der Premiere hat es perfekt geklappt.“

Denn diese fand ausgerechnet am Geburtstag des Choreografen statt. Auf Wikipedia steht zwar ein anderes Geburtsdatum von José Martínez, darum war das Team um den Brünner Ballettchef ein wenig verunsichert, als die Glückwünsche vorbereitet wurden. Radačovský:

„José Martínez hat wirklich in der ganzen Welt getanzt. Ich denke aber, er hat noch nie erlebt, dass ihm das ganze Theater ,Happy birthday‘ singt. Ich meine, dass er Brünn im Gedächtnis behalten wird.“

Mário Radačovský | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

Der Gastauftritt der Tänzer aus Amsterdam wurde laut Radačovský während der karitativen Ballettgala besprochen. Diese ging im Oktober vergangenen Jahres über die Bühne. Aus dem Erlös wurden die Krebspatienten des Brünner Instituts für Onkologie unterstützt. Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili traten damals bei der Benefizgala auf und äußerten Interesse daran, erneut in Brünn zu tanzen. Radačovský hat nur lobende Worte für die beiden Gäste.

„Giorgi ist fast ein Naturphänomen. Wie er tanzt und vor allem seine Sprünge, sind unglaublich. Wir hatten den Theaterfotografen Pavel Hejný engagiert, und er sagte, er habe seine Fotos aus einer Höhe machen müssen wie nie zuvor. Ich bin sehr froh, dass Giorgi bei uns in Brünn tanzt. Er wird zweifelsohne auch in der nächsten Saison wiederkommen. Ich bin gerade dabei, die Zusammenarbeit mit zwei weiteren renommierten Künstlern abzusprechen. Vorläufig möchte ich jedoch nichts Genaueres verraten. Wir werden alles rechtzeitig auf unserer Website veröffentlichen.“

Kafka und Giselle als Premieren

Die Premieren für die nächste Spielzeit sind jedoch schon fest geplant. Zuerst hat ein Ballett über Franz Kafka Weltpremiere in Brünn.

„Es freut mich sehr, dass unsere Choreografin Markéta Pimek Habalová ein Ballett über diesen namhaften Schriftsteller geschaffen hat. In der Vorstellung werden auch unser Juniorballett sowie das neu entstandene Ensemble NdB 3 auftreten. Das Projekt NdB 3 konzentriert sich auf Tänzer im reifen Alter. Sie werden im Juni bei der Expo in Osaka zum ersten Mal auftreten. Die zweite Premiere in der nächsten Spielzeit ist ,Giselle‘. Rodolfo Castellanos wird das Ballett einstudieren, das von einer Inszenierung von Alicia Alonso inspiriert ist.“

Alicia Alonso war eine legendäre Primaballerina und Choreografin aus Kuba.

Auf Mário Radačovský wartet in einigen Jahren ein Ortswechsel. Der derzeitige Direktor des Nationaltheaters Brünn, Martin Glaser, wird nämlich ab August 2028 neuer Generaldirektor des Prager Nationaltheaters. Glaser will sein ganzes Team mit nach Prag nehmen. Radačovský soll dann das Ballettensemble in der tschechischen Hauptstadt leiten.

„Ich denke, im Verlauf der 15 Jahre, die ich den Posten hier in Brünn dann bekleidet haben werde, ist es uns gelungen, herrliche Produktionen auf die Beine zu stellen. Ich hoffe, dass mein Nachfolger die Arbeit fortsetzen und vielleicht noch besser machen wird als ich. Die Stadt und das Nationaltheater verdienen das.“