Greenwashing als Parodie: Schauspielhaus Stuttgart spielt Dokumentarmärchen in Prag

Theater Divadlo pod Palmovkou

Das Palm-Off-Fest in Prag ist ein Treffen europäischer Theaterbühnen. Vergangene Woche präsentierte sich bei der Veranstaltung am Theater Divadlo pod Palmovkou auch das Schauspielhaus Stuttgart – und zwar mit „Waste!“. Dies ist ein Theaterstück der rumänischen Autorin und Regisseurin Gianina Cărbunariu und befasst sich mit dem Thema Greenwashing.

Gianina Cărbunarius „Waste!“ ist ein dokumentarisches Stück besonderer Art. Die rumänische Regisseurin zeichnet beim Palm-Off-Fest in Prag die Geschehnisse aus einem Ort in der Nähe ihrer Heimat nach, verpackt als Märchen. Es geht um eine deutsche Müllfabrik in einem rumänischen Dorf, die großen Schaden an der Umwelt anrichtet. Die Ungerechtigkeit, die ihrer Heimatregion dabei widerfahren sei, habe den Anlass für das Drehbuch gebildet, sagt Cărbunariu:

„Es ist genauso passiert, wie wir es im Stück beschrieben haben. Das Fischsterben trat ein, woraufhin die Bewohner des Dorfes die Behörden informiert haben. Die Untersuchung führte dann dazu, dass die Betreiber der Müllfabrik 70.000 Euro Strafe zahlen mussten. Verglichen mit der Katastrophe ist das nichts.“

Denn die Müllverbrennung hatte für die Region noch weitere Folgen, die ebenfalls im Stück thematisiert werden. So zum Beispiel die hohe Schadstoffbelastung in der Luft. Das Unternehmen betrieb Greenwashing. Das ist der Versuch, ökologische Vergehen zu vertuschen. Um zu beweisen, dass die Luftqualität auf dem Fabrikgelände unbedenklich sei, hielten die Betreiber Pfaue auf dem Grundstück. Solcherlei bizarre Handlungen verarbeitet die Regisseurin in ihrem kindlich-parodistischen Stil: Der Pressesprecher des Unternehmens ist in „Waste!“ als Pfau in Strumpfhosen verkleidet. Das passe am besten zu den Geschehnissen…

„Das Greenwashing selbst ist eine Art Märchen – ein düsteres. Darum glaube ich, dass diese Darstellungsweise sehr direkt und intuitiv ist“, so Cărbunariu.

Dabei ist ihr Stück an vielen Stellen tatsächlich lustig und unterhaltsam, ohne in Anbetracht des ernsten Themas makaber zu erscheinen. Die fantastische Welt, die sie auf der Bühne erschafft, löst sich nie ganz von dem dokumentarischen Hintergrund. So ist immer klar, auf welche realen Vorgänge sich die Szenen beziehen. Ein weiteres Stilmittel, das Cărbunariu in ihrem Stück „Waste!“  nutzt, ist das Spiel mit der sogenannten vierten Wand. Bereits zu Beginn des Stückes sprechen die Schauspieler offen als solche zum Publikum und stellen Fragen. So erläutert Elias Krischke in einem beeindruckend energiegeladenen Monolog, einige Figuren seien vom Müllunternehmen gestrichen worden, deswegen müsse er jetzt die Rollen nacherzählen:

„Ich möchte diese gestrichene Figur noch ganz kurz beschreiben. Ja? Danke! Andrei Popescu wäre es gelungen, einige tausend Tonnen illegaler Abfälle, die auf den Papieren als Second-Hand-Ware gekennzeichnet waren, auf der Grenze zu stoppen. Ich, als Staatsanwalt Andrei Popescu, hätte gezeigt, was nicht als Second-Hand-Ware gekennzeichnet werden darf!“

Diese besondere Erzählform nutzt Cărbunariu als Analogie zu den unterdrückten Stimmen im Konflikt um die Machenschaften der Fabrik. Ihr gelingt es so, mit wenigen Schauspielern und einem minimalistischen Bühnenbild eine große Geschichte zu erzählen. Das Publikum ist begeistert, so auch Petra Křížová aus Prag:

„Einfach toll. Die Form, die Choreografie, die Schauspieler waren einfach ein Wahnsinn. Ich bin total positiv überrascht. Ich muss sagen: Ich wusste überhaupt nicht, was ich mir heute ansehen würde –ein spontaner Besuch. Und es war dann einfach so ein Stück, wo man sich denkt: Es wäre super, wenn es nicht enden würde.“

Auch in Tschechien ist die Verschmutzung von Gewässern durch illegale Einleitungen ein Thema, wie eine andere Besucherin bei der Anschlussdiskussion anmerkt. So gab es erst im Jahr 2020 eine Umweltkatastrophe, bei der der Fluss Bečva vergiftet wurde und rund 40 Tonnen Fisch verendeten.

„Waste!“ wird noch am 5. November im Schauspielhaus Stuttgart gezeigt sowie am 28. und 30. Januar kommenden Jahres. Karten sind unter schauspiel-stuttgart.de erhältlich.

Autor: Leon Iselt
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